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So ist die Betreuung aufgebaut

Netzwerk soll Kinder schützen

Über zehn Jahre wurden mindestens 31 Kinder auf dem Campingplatz in Lügde-Elbrinxen sexuell missbraucht. Eines der Mädchen lebte dort als Pflegekind des Hauptverdächtigen. Zuständig für sie war das Jugendamt in Hameln. Es habe sich um eine „Netzwerkbetreuung“ gehandelt. Was bedeutet das? Wir haben nachgefragt.

veröffentlicht am 13.02.2019 um 14:20 Uhr

Der Katastrophenfall: Auf dem Campingplatz in Lügde-Elbrinxen wurden über zehn Jahre immer wieder Kinder sexuell missbraucht. Für ein dort lebendes Kind war das Jugendamt Hameln zuständig. Es lebte dort in einer Netzwerkbetreuung. Foto: dpa
Frank Henke

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Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite
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HAMELN. Raus aus der Familie – dieser Weg bleibt auch im ländlichen Hameln-Pyrmont für nicht wenige Kinder. Sucht, psychische Krankheiten oder andere Probleme der Eltern, Fälle von Misshandlungen oder Missbrauch können der Grund sein. 193 Kinder im Landkreis leben derzeit in Pflegefamilien, 72 werden in Netzwerken betreut, eine schwankende Zahl ist auf die Schnelle in der Bereitschaftspflege – quasi einer Notaufnahme – untergebracht. Doch wie kommen die Pflegenden zum Pflegekind? Wie werden sie ausgewählt? Wie konnte etwa das damals fünfjährige Mädchen bei dem Mittfünfziger auf dem Campingplatz in Elbrinxen landen? Und das mit behördlichem Segen?

Erklären wir zunächst das, worum es sich in Elbrinxen Fall nicht handelte: die Unterbringung in einer Pflegefamilie. Bis ein Kind in einer Pflegefamilie ein vorübergehendes oder dauerhaftes Zuhause findet, steht einiges an Überprüfungen, Tests und Schulung an: Ärztliche Atteste, um etwa Sucht- und psychische Erkrankungen auszuschließen sind erforderlich. Ebenso ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis, das Hinweise auf beispielsweise exhibitionistische Handlungen, die Verbreitung pornografischer Schriften oder Menschenhandel auch dann enthält, wenn die geahndeten Taten geringfügig waren oder bereits lange zurückliegen. Auch eine Schufa-Auskunft wird eingeholt und ein genauerer Blick auf den Stammbaum der potenziellen Pflegeeltern geworfen. Auf Familienverhältnisse, mögliche Erbkrankheiten, prägende Rollenbilder, wie zwei Mitarbeiterinnen des Jugendamtes ausführen. Dann steht für die Interessenten ein Seminar an, fünf Abende und ein Wochenende lang werden sie auf ihre Rolle vorbereitet. Nicht selten müsse zumindest einem der etwa acht teilnehmenden Paare dann jedoch gesagt werden, dass es ungeeignet sei. Dabei werden Pflegeeltern im Landkreis dringend gesucht: „Wir hätten gerne mehr Bewerber zur Auswahl“, sagt eine Mitarbeiterin des Jugendamtes. Erst nach dem Prozedere kommt ein ausgewähltes Kind zur Pflegefamilie. Bei dieser Familie kann es sich übrigens auch um gleichgeschlechtliche Paare oder Alleinerziehende handeln.

Als Pflegeperson in diesem Sinne wäre der inzwischen 56-Jährige auf dem Campingplatz „niemals“ in Frage gekommen, machte Landrat Bartels kürzlich bei der Pressekonferenz im Kreishaus deutlich. Das damals fünfjährige Mädchen befand sich in einer „Netzwerkbetreuung“, erklärte er in der vergangenen Woche. Die Netzwerkbetreuung hat zum Ziel, das Kind in der Familie oder nah an seiner Familie zu belassen, Bindungen zu erhalten. Eine eigentliche Auswahl der Betreuungspersonen durch das Jugendamt findet so oft nicht statt.

Zwar werden auch hier ein Bewerberfragebogen, ärztliche Atteste, Schufa-Auskunft und das erweiterte Führungszeugnis abgearbeitet. Auch eine „persönliche Eignungsprüfung“ vor Ort gehört zum Verfahren. Und auch hier wird ein Blick auf die Familiengeschichte der Anwärter geworfen. Doch „in 50 Prozent“ der Fälle, so die Angabe aus dem Jugendamt, ist die wichtigste Entscheidung von den leiblichen Eltern bereits getroffen worden – und das oft schon vor Jahren. Nämlich die, wo das Kind leben soll. Die Großeltern sind das in vielen Fällen, manchmal andere Verwandte, manchmal Freunde. In dem Elbrinxer Fall eben der Mann auf dem Campingplatz. Auch in diesem Fall hatte die Mutter aus Hameln-Pyrmont entschieden, dass ihr Kind dort leben sollte. Von Geburt an war es immer wieder bei dem Dauercamper untergebracht.

Sicher gebe es für das Jugendamt die Möglichkeit, ein Pflegeverhältnis in Netzwerkbetreuung nicht anzuerkennen, erklärt eine Mitarbeiterin des Jugendamtes, „aber dann steht das Kind allein da“. Will sagen: An der Situation änderte sich durch die Ablehnung nichts, das Kind lebt dort, wo es die Eltern möchten. Es sei denn, das Kindeswohl ist gefährdet, dann darf das Jugendamt eingreifen. Ob die Behörden im Elbrinxer Fall Hinweise auf eine Kindeswohlgefährdung nicht angemessen verarbeitet haben, überprüft aktuell die Staatsanwaltschaft.

Wird eine Netzwerkpflege anerkannt, erhalten die Pflegepersonen regelmäßig Besuch von Familienhelfern eines Beauftragten Trägers und auch Pflegegeld. Auch Mitarbeiter des Jugendamtes selbst können gelegentlich – laut Kreisverwaltung auf dem Campingplatz „circa sechs Mal“ – vorbeischauen. So habe das Amt zumindest „ein Auge auf die Kinder“, heißt es.

Im Falle des Mädchens auf dem Campingplatz – zum geplanten Umzug in eine Wohnung kam es nicht mehr – war die Mutter selbst aktiv geworden und hatte so die Anerkennung des Pflegeverhältnisses in Gang gebracht. 2017 wurde das siebenmonatige Prüfverfahren abgeschlossen.

Qualifizierungskurse für die Pflegeltern einer Netzwerkbetreuung existieren bisher nicht. Nun soll ein „Nachqualifizierungskurs“ eingeführt werden. Nicht als Folge des Elbrinxer Falls, sondern als Ergebnis eines regionalen Netzwerktreffens, betont das Jugendamt. Verpflichtend soll dieser Kurs sein. So eine Verpflichtung durchzusetzen allerdings sei „nicht so einfach“.



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