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Der Hundetrainer analysiert, führt vor, blamiert – und wird vom Publikum für seine Show gefeiert

Narr am Hof der Hundehalter: Martin Rütter

Hameln. Check: Das Sofa ist mit Kissen blockiert, alle Türen im oberen Stock sind zu, Papierkörbe somit außer Reichweite, ein Stofftier liegt im Wohnzimmer bereit, das Licht ist an, das Radio spielt. Damit’s nicht so langweilig wird. Fazit am Ende der Checkliste: Alles „husi“ – hundesicher. Das Tier hat aus seinem höhenverstellbaren Napf das Futter in Lichtgeschwindigkeit inhaliert und kaut zufrieden auf der Rinderhaut, die ihm zum Abschied gleich nach dem Bekuscheln gereicht wurde. Immerhin muss es gleich drei Stunden alleine bleiben. Dass man als Hundehalter nicht mehr alle Latten am Zaun hat, weiß man als Betroffener. Den erreichten Grad der Beklopptheit aber macht erst Martin Rütter so richtig deutlich, der Hunde- (und Menschen-)trainer, der verdammte.

veröffentlicht am 23.03.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 18:21 Uhr

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Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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Wieso eigentlich geben über 2000 Besucher Geld dafür aus, damit sich einer von oben herab, von der Bühne der Rattenfänger-Halle aus, zweieinhalb Stunden lang über sie lustig macht? Ihnen den Spiegel gnadenlos vorhält? Ihnen aufzeigt, was sie alles falsch machen? Vielleicht, weil nur wenig so sehr erleichtert, wie über sich selbst zu lachen. Wer Rütter zu sich nach Hause ruft, um Hilfe bei der Hundeerziehung zu bekommen, muss das können und hinnehmen, dass die Fernsehnation auf Vox verfolgt, wie dusselig Herrchen und Frauchen sich anstellen. Und wer zu Rütters Show „Hund – Deutsch / Deutsch – Hund“ kommt, muss das auch können.

Rütter entlarvt in rasantem Tempo. Wenn er die Erstausstattung für den Hundewelpen auf der Bühne auskippt, bestehend aus zwei Decken, zwei Körbchen („weil man ja nie weiß, wo er liegen möchte“), den zwei Näpfen („ja, ja, Hunde trinken und fressen ja immer parallel“), zwei Leinen („die blaue geht gar nicht mit dem roten Halsband“) und ungezählten knusprigen Schweineohren. Und auch, wenn er Fragen stellt, Handzeichen als Antwort will und damit droht, ins Publikum zu kommen, um einzelne vorzuführen für den Fall, dass die Gesamtheit nicht mitmacht. „Wer hat mehr als ein Halsband?“ „Wer hat einen Hund, der bellt, wenn’s klingelt?“ „Wessen Hund zieht an der Leine?“ Und dann die Sache mit dem höhenverstellbaren Futternapf und der pünktlichen Fütterung! Zur Erinnerung, sinngemäß: „Der Hund stammt vom Wolf ab. Von Wölfen weiß man ja, dass der Hase immer so gegen 20 Uhr an ihnen vorbeizieht und sich schon mal bereitwillig auf einen höheren Baumstamm legt – damit der Wolf bequemer fressen kann …“ Der höhenverstellbare Futternapf sei die „Königsdisziplin des Schwachsinns“. Klappe, Rütter!

Rütter schafft es, dass sich das Kollektiv der Hundehalter und die wenigen, die keinen eigenen Hund zu Hause liegen haben, über 120 Minuten trotz oder wegen aller Vorhaltungen nahezu ununterbrochen amüsiert – wenn es nicht gerade über das eigene Verhalten sinniert. Zum Beispiel darüber, warum der eigene Mann einen Riesenanschiss kassiert oder ignoriert wird, wenn er in aller Herrgottsfrühe nach einer Zechtour samt Döner-mit-Zwiebeln-Konsum nach Hause kommt, wie ein Iltis stinkt und einen Kuss geben möchte, während der Hund am viel zu frühen Sonntagmorgen seinen Kopf aufs Bett legt, jault und sein Atem nach verspeisten Pferdeäpfeln riecht – und liebevoll gestreichelt wird und ein freudiges, mit schwachsinnig hoher Stimme geflötetes „Guten Mooooorgen“ als Antwort vom Frauchen erhält …

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Wer hundelos ist, fühlt sich darin bestätigt, dass „die“ doch wirklich nicht normal sind. Wer Hund oder Hunde hat, nimmt sich vor, das Tier nach der Heimkehr vielleicht doch nicht mehr ganz so zu vermenschlichen, um sich selbst wieder ein bisschen ernster nehmen zu können.

Rütter teilt aus, nimmt sich selbst auf die Schippe (nur deswegen sieht man ihm diese ganzen Unverschämtheiten nach!) und lehrt. Dass nicht bloßes Rottweiler- oder Yorkshire-Dasein über den Rang entscheidet, sondern deren soziale Intelligenz, dass Zieh- und Zerrspiele sehr wohl aggressives Verhalten fördern (auch, wenn Herrchen das nicht wahrhaben will), dass Männer sich nicht schämen müssen, weil sich seine prächtigen Rottweiler aktiv unterwerfen („und das Herrchen sie als ,devote Tunten‘ bezeichnet“) und einem kleinen, süßen Knäuel die Schnauze lecken. Und dass es völlig natürlich ist, wenn ein alteingesessener Haushund einen vierbeinigen Neuankömmling nicht mit offenen Pfoten, sondern argwöhnisch begrüßt. All das ahnt der „Hundemensch“, wie Hundetrainer Rütter ihn nennt, setzt sein Wissen jedoch nur selten ein. „Menschen sind faul und inkonsequent“, macht Rütter den Schuldigen aus, wenn ein Hund schlecht erzogen ist. Bei allen Differenzen – das eint doch wohl „Hundemenschen“ und die, die es nicht sind!

Sollte Rütter sich bis dato mit seinen pointierten Wahrheiten unbeliebt gemacht haben – mit einer Aussage entlastet er viele, die sich bei der Frage „wo schläft Ihr Hund?“ auf Anhieb schämen: „Nur, weil er auf der Couch liegt oder im Bett, fällt er nicht gleich einen Rentner an.“

Mehr Fotos von der Rütter-Show im Internet unter dewezet.de

Gesten- und mimikreich nimmt Hundetrainer (und Entertainer) Martin Rütter die Welt der „Hundemenschen“ aufs Korn. Dass sie mit dem Tier in ganzen Sätzen sprechen und einem Welpen schon mit der komfortablen Erstausstattung den Eindruck vermitteln, er sei der König im Haus, sind nur zwei Aspekte des gesamten merkwürdigen Verhaltens der Hundeliebhaber. Fotos: jch



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