weather-image
28°
In Hameln gibt es erst Plätze für 30 Prozent der Schüler

Nachmittagsbetreuung an Grundschulen: Viele offene Fragen

HAMELN. Die künftige Regierung will den Rechtsanspruch auf Nachmittagsbetreuung an Grundschulen. Nur: Von wem sollen die Kinder betreut werden? In welchen Räumen? Und wo sollen sie essen? Diese Fragen stellen sich schon heute – dabei verbringen zur Zeit nur 30 Prozent der Hamelner Grundschüler den Nachmittag in der Schule.

veröffentlicht am 21.02.2018 um 15:49 Uhr
aktualisiert am 21.02.2018 um 17:30 Uhr

Spielen, Basteln, Malen: Das Nachmittagsangebot für Grundschüler in Hameln ist vielseitig – doch nur 30 Prozent aller Grundschüler haben einen Platz. Foto: dpa
Wiebke Kanz

Autor

Wiebke Kanz Reporterin zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

400 Krippenplätze für Kinder unter drei Jahren gibt es in Hameln, rund 1450 Kindergartenplätze für Drei- bis Sechsjährige in insgesamt 34 Kindertagesstätten. Die Betreuungszeiten variieren von Einrichtung zu Einrichtung, reichen von 6.30 Uhr am Morgen bis 17.30 Uhr am Nachmittag, flexible Betreuungsmodelle machen es in einigen Kitas möglich, die Zeiten der persönlichen Lebens- und Arbeitssituation anzupassen. Bund, Länder und Kommunen haben in den vergangenen Jahren mehrere Milliarden Euro in den Ausbau von Kindertagesstätten gesteckt. Kurz: Auch, wenn noch immer nicht alles perfekt ist – Deutschland hat bei der Kleinkind-Betreuung im letzten Jahrzehnt riesige Fortschritte gemacht.

Doch nach Jahren unkomplizierter Betreuung in Krippe und Kindergarten kommt der „Schulknick“: Verlässliche Grundschulen – in Hameln gehören alle Grundschulen dazu – garantieren lediglich, dass die Schüler innerhalb eines sicheren Zeitrahmens von fünf Stunden unterrichtet oder betreut werden. Je nach Schulbeginn endet diese verlässliche Betreuungszeit zwischen 12.30 und 12.50 Uhr.

An den beiden offenen Ganztagsschulen, der Klütschule und der Pestalozzischule, geht es danach weiter: Bis 16 (Klütschule) bzw. bis 15.30 Uhr (Pestalozzischule) gibt es am Nachmittag Bildungs- und Freizeitangebote. Neben Mittagessen und Hausaufgabenbetreuung reicht das Angebot von Schülerzeitung über Sport-, Theater-, Kunst- und Computer-AGs bis zu Kochen. Die Schüler können, müssen aber nicht jeden Nachmittag in der Schule verbringen; manche Eltern nutzen das Betreuungsangebot am Nachmittag auch nur ein- oder zweimal pro Woche.

Die Klütschule erreicht mit ihrem Angebot rund zwei Drittel der insgesamt 190 Schüler, an der Pestalozzischule ist es gut die Hälfte der 150 Schüler. An der Klütschule besteht das Ganztagsangebot schon so lange, dass, so Schulleiterin Kai-Susann Brandes, „die Anmeldezahlen sehr konstant sind und der Bedarf abgedeckt ist. Hier gehört die Nachmittagsbetreuung schon zum Selbstverständnis der Schule und zur Routine der Eltern.“ An der Pestalozzischule ist das anders: Hier besteht das Ganztagsangebot erst seit zwei Jahren, der Bedarf steigt von Jahr zu Jahr stetig.

Auch an allen anderen Hamelner Grundschulen gibt es inzwischen ein Betreuungsangebot am Nachmittag, meist bis 16.30 Uhr. Diese Nachmittagsbetreuung übernehmen nicht die Schulen selbst, sondern die Stadt, die auch das Personal stellt. Wer dieses Angebot annimmt, muss es selber zahlen: Die Betreuung an drei Nachmittagen kostet pro Kind 30 Euro, an vier Tagen 45 Euro und an fünf Tagen 62 Euro. Hinzu kommen pro Tag drei Euro für ein Mittagessen. In 22 kleineren (zehn bis zwölf Kinder) und größeren (20 Kinder) Gruppen werden nach Angaben der Stadt Hameln 419 Grundschüler betreut – von insgesamt derzeit 2112 Schülerinnen und Schülern, die eine Grundschule in Hameln besuchen. Rechnet man Klüt- und Pestalozzischule mit ein, sind das gerade einmal knapp 30 Prozent. Zum Vergleich: Bundesweit gibt es für rund 40 Prozent aller Schüler einen Platz in der Ganztagsbildung oder der Nachmittagsbetreuung. Die Bertelsmann Stiftung rechnete kürzlich aus, dass der elterlichen Bedarf an Ganztagsbetreuung für Grundschüler bundesweit aber bereits jetzt bei 72 Prozent liege.

Laut Birgit Albrecht, Leiterin der Grundschule Rohrsen, wo es derzeit 30 Plätze in der städtischen Nachmittagbetreuung gibt, hielten derzeit vor allem die Kosten viele Eltern davon ab, ihre Kinder nachmittags in der Grundschule zu lassen. Eine – zumindest teilweise – kostenlose Ganztagsschule wäre für Albrecht deshalb „das Modell der Zukunft“, wie sie sagt. Ein Rechtsanspruch auf Nachmittagsbetreuung besteht bislang nicht – noch nicht, denn Union und SPD wollen einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung von Schulkindern gesetzlich verankern. Nur: Von wem sollen die Kinder nachmittags betreut werden? Immerhin können die Grundschulen schon den regulären Unterricht kaum noch sicherstellen, Gymnasiallehrer werden abgeordnet, weil die Not an den Grundschulen so groß ist – auch in Hameln (wir berichteten).

Dies ist die zentrale Frage. Derzeit übernehmen vereinzelt Lehrer, vor allem aber pädagogische Mitarbeiter sowie Kooperationspartner aus Vereinen die Nachmittagsbetreuung. Dafür „gutes, qualifiziertes Personal zu finden“, das wird laut Kai-Susann Brandes ein Problem – „das ist es schon heute“, sagt sie. Ein weiterer Punkt: Wo sollen die Kinder betreut werden? Einige Schulen nutzen derzeit Klassenräume, die aber streng genommen gar nicht für den Ganztagsbereich geeignet sind. „Das ist ein Kompromiss, nur hier haben wir die Kapazitäten“, sagt eine Lehrerin. In der Grundschule Rohrsen beispielsweise findet die Nachmittagsbetreuung im Musik- und Textilraum sowie in der Schülerküche statt – dies ist möglich, solange die Zahl der Schüler in der Nachmittagsbetreuung klein bleibt. In Rohrsen wird in den entsprechenden Räumen auch zu Mittag gegessen – an der Klütschule müssen die Schüler schon jetzt in Schichten essen, sagt Schulleiterin Brandes, weil die Mensa, wie die meisten Schulmensen, gar nicht darauf ausgelegt ist, dass eine große Schülerzahl gleichzeitig isst. An einer Hamelner Grundschule essen die Kinder nach Informationen der Dewezet ihr Mittagessen derzeit auf dem Flur – Investitionen in Räume sind bei steigendem Bedarf also dringen nötig. Doch An- oder Neubauten würden Millionen kosten.

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare