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Widerstandskämpfer war unter Nazis im Zuchthaus Hameln inhaftiert

Nachfahren wandeln auf Spuren von Todesmarsch des Großonkels

HAMELN/WEGENSEN. Am 5. April 1945 kam der niederländische Widerstandskämpfer Sef van Megen beim Todesmarsch des Zuchthauses Hameln nach Holzen am Ith ums Leben. 73 Jahre später wandelt Ingrid Huys mit ihren beiden Kindern, David und Lotta, auf den Spuren ihres Großonkels. Die Dewezet war dabei.

veröffentlicht am 06.08.2018 um 18:09 Uhr
aktualisiert am 06.08.2018 um 20:00 Uhr

Ingrid Huys mit ihrem Sohn David, Tochter Lotta, Bernhard Gelderblom und Hund Boeff vor dem ehemaligen Zuchthaus, in dem ihr Großonkel von den Nazis gefangengehalten wurde. Foto: pk
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Es ist ein Ort, wie er im Wandel der Zeit kaum gegensätzlicher hätte ausfallen können: Dort, wo Touristen es sich heute gutgehen lassen, glückliche Paare spazieren gehen und die Hamelner seit neuestem ihre Cocktails schlürfen, hausten unter den Nazis Hunderte Gefangene unter erbärmlichen Bedingungen, teils in Erwartung des Todes durch Hinrichtung. Das, was heute das Hotel Stadt Hameln ist, war früher ein Zuchthaus, die heutige Weserpromenade war Teil des weitläufigen Gefängnistraktes. Einer der Insassen war der niederländische Widerstandskämpfer Sef van Megen. Seine Großnichte Ingrid Huys war jetzt mit ihren beiden Kindern in Hameln und wandelte auf den Spuren ihres Großonkels.

Boeff, der dreijährige Golden Retriever der Familie aus den Niederlanden, hechelt unaufhörlich vor sich hin. Es ist zwar erst zehn Uhr am Morgen, aber bereits brütend heiß. Nur im Schatten ist es an diesem Morgen vor dem Hotel Stadt Hameln auszuhalten.

Für David (14) und seine Schwester Lotta (12) ist es der erste Besuch in Hameln, dem Ort, wo ihr Ur-Großonkel Joseph van Megen zwischen 1944 und 1945 eingesperrt war. Ihre Mutter, Ingrid Huys, war vor 13 Jahren schon einmal hier, erste Kontakte der Familie nach Hameln gab es bereits in den 1970ern. Ingrid Huys suchte 2005 gemeinsam mit ihrem Vater das ehemalige Gefängnis auf sowie die Stelle bei Wegensen, wo ihr Großonkel von SS-Soldaten erschossen wurde. Zusammen mit dem Hamelner Historiker Bernhard Gelderblom schildert sie ihren Kindern, was Sef van Megen hier erlitt und was ihn hierher verschlug.

Sef van Megen Foto: B. Gelderblom/pr
  • Sef van Megen Foto: B. Gelderblom/pr

Lotta und David erfahren, dass ihr damals erst 28 Jahre alter Urgroßonkel gleich in dem stattlichen Gebäude hinter ihnen, oben, irgendwo im 3. Stock, in einer Zelle mit 25 anderen Häftlingen eingesperrt war. Dass die Zustände dort erbärmlich waren. Und sie erfahren, dass ihr Urgroßonkel trotz alledem, so schilderten es überlebende Mithäftlinge Bernhard Gelderblom, Lieder sang, viel lachte, nie verzweifelte, immer optimistisch blieb und den anderen Gefangenen Mut machte. Sef van Megen war sehr religiös, seine Familie bestand aus überzeugten, aber liberalen Katholiken. Gelderblom vermutet, dass er Teil seiner Kraft aus seinem Glauben zog.

Ingrid Huys zeigt ihren Kindern diesen Ort, weil es in ihrer Familie Tradition sei, diese Erinnerungen aufrechtzuerhalten. Unter Tränen habe ihre Großmutter eines Tages beim Sichten alter Fotos ihres Bruders, Sef van Megen, die Familie zusammengerufen und ihr eingebläut: „Vergesst das nie!“ Huys hat ihre Kinder aber auch mit nach Hameln genommen, weil die Thematik – Flucht, Fremdenhass, Nächstenliebe – heute wieder mehr denn je aktuell sei. Nicht nur in Deutschland, wo die rechtspopulistische AfD in den Bundestag eingezogen ist und sich in Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der SPD liefert, sondern eben auch in den Niederlanden. Während das Dorf, in dem die Familie Huys lebt, die im Nachbarort untergebrachten Flüchtlinge willkommen heiße und Hilfe leiste, hingen ein Dorf weiter Plakate und Schilder an den Häuserwänden mit der Aufschrift: „,Ihr seid hier nicht willkommen!‘“, erzählt die Krankenschwester. Mitschüler ihrer Kinder sprächen davon, aufgeschnappt von den Eltern, die Flüchtlinge „am besten zu erschießen“, innerhalb der eigenen Familien würden manche Themen inzwischen gemieden, um keinen Streit vom Zaun zu brechen – die Spaltung der Gesellschaft ziehe sich inzwischen durch die Familien, die Stimmung werde immer aggressiver.

Nach dem Besuch am einstigen Zuchthaus fahren die Huys und Bernhard Gelderblom einen Teil des Todesmarsches vom 5. April 1945 ab. Der Marsch führte von Hameln zum Zuchthauslager Holzen am Ith. Sef van Megen fiel ihm zum Opfer. Erschöpft hatten sich er und zwei weitere Niederländer bei Wegensen (bei Halle) in einen Weideschuppen gelegt. Doch ein Bauer verjagte sie und alarmierte ein paar SS-Männer, die gerade in einem Gasthaus in Wegensen zu Mittag aßen, schildert Gelderblom. Sie kamen und erschossen die drei an der Straße zwischen Bremke und Halle kurzerhand. Tage später wurden sie am Straßenrand verscharrt. Erst knapp drei Monate später bekamen die Toten auf dem Friedhof in Dohnsen ein Grab. 1946 holte ein Freund den Leichnam von Sef van Megen in die Niederlande. 2002 stellten Angehörige von van Megen an der Stelle, an der er und die anderen getötet wurden, ein hölzernes Kreuz auf. „Es ist zwar stark verwittert, aber es steht dort noch immer“, sagt Gelderblom.

Information

Sef van Megen

Joseph van Megen kam am 9. Dezember 1916 in Leunen zur Welt. Er war Lehrer. Ab 1941 engagierte er sich im Widerstand, bei einer illegalen Zeitung und als (Flucht-) Helfer für französische Kriegsgefangene, abgeschossene britische Piloten und jüdische Kinder. Am 19. August 1943 wurden er und ein Kampfgefährte verhaftet. Ein deutsches Gericht verurteilte ihn am 30. März 1944 wegen „Verbreitung deutschfeindlicher Schriften“ zu fünf Jahren Zuchthaus. Am 17. Juli 1944, nach der Entdeckung weiterer Widerstandsaktivitäten, wurde er zum Tode verurteilt. Am 2. November 1944 kam er ins Zuchthaus in Hameln. Beim Todesmarsch nach Holzen wurde er getötet.red



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