weather-image
24°

„Sunset“-Fall nach mehr als drei Jahren abgeschlossen / Architekt hat keine Schuld am Deckeneinsturz

Nach zwei Verurteilungen heißt es: Freispruch

Hameln. Der Weg durch die Instanzen war nervenaufreibend und steinig – für Dipl.-Ing. Ernst D. (Name geändert) hat er sich jedoch gelohnt. Zweimal ist der ehemalige Architekt wegen Baugefährdung verurteilt worden, stets hatte sich der heute 57-Jährige dagegen mit juristischen Mitteln zur Wehr gesetzt. Über seinen Verteidiger Roman von Alvensleben legte der Hamelner Berufung und Revision gegen die Urteile des Amtsgerichts Hameln und des Landgerichts Hannover ein. Mehr als drei Jahre nach dem spektakulären Deckeneinsturz im Café „Sunset“ an der Hamelner Bäckerstraße ist Ernst D. nun von der 15. Kleinen Strafkammer des Landgerichts Hannover freigesprochen worden. Dem Angeklagten fiel ein Stein vom Herzen; ihm war die Erleichterung anzusehen.

veröffentlicht am 25.11.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 09.11.2016 um 14:41 Uhr

270_008_4410993_hm103_2611.jpg

Autor:

Ulrich Behmann
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

24. Juli 2007, 17.10 Uhr: Im Café „Sunset“ an der Bäckerstraße knackt es im Gebälk. Sorgenvoll blicken Menschen nach oben. Dann – wie in Zeitlupe – sackt die abgehängte, tonnenschwere Feuerschutzdecke ab. Frauen und Männer lassen alles stehen und liegen, laufen um ihr Leben – Gott sei Dank bringen sie sich durch den Hinterausgang in Sicherheit. Wären sie in die Fußgängerzone geflüchtet, hätte es Schwerverletzte und womöglich auch Tote gegeben, denn: Die etwa 40 Quadratmeter große Rigips-Decke fällt krachend zu Boden, begräbt Sessel, Tische und die Theke unter sich.

Für Ernst D. stand von Anfang an fest: „Ich trage keine Schuld an dem, was da passiert ist.“ Es hat lange gedauert, bis er Richter fand, die er davon überzeugen konnte. Die Staatsanwaltschaft hatte ihm vorgeworfen, er habe damals nicht richtig hingeschaut und deshalb nicht erkannt, dass die Schrauben, mit denen die abgehängte Decke befestigt wurde, in den Lehmschlag und nicht in Holzbalken gedreht wurden, und dass nicht genug Befestigungshaken gesetzt wurden. Ernst D. habe offenbar Pfusch am Bau übersehen. Der Ex-Architekt behauptete, er habe weder mit der Planung noch mit der Ausführung zu tun gehabt, sei lediglich bei der Abnahme behilflich gewesen. Als er sich die Zwischendecke angeschaut habe, sei der größte Teil bereits beplankt gewesen. „Ich konnte deshalb nicht bewerten, wie viele Deckenabhänger eingebaut wurden.“ Sein Mandant, sagt Anwalt von Alvensleben, „hat nicht die Statik, sondern die feuerhemmende Wirkung bestätigt“.

Das Amtsgericht sah das anders. Der Architekt habe gegen die Sorgfaltspflicht verstoßen und deshalb fahrlässig gehandelt. Eine Geldstrafe (40 Tagessätze) in Höhe von 2400 Euro sei schuldangemessen, sagte der Richter am 21. April 2009 in seiner Urteilsbegründung. Ernst D. müsse die Kosten des Verfahrens tragen.

2 Bilder

Verteidigung und Staatsanwaltschaft legten Berufung ein. Anwalt von Alvensleben wollte einen Freispruch erreichen. Die Anklagebehörde schrieb plötzlich, Ziel sei es, eine Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe auf Bewährung zu erreichen. Sie war von einer Geldstrafe abgerückt.

Die 5. Kleine Strafkammer des Landgerichts Hannover befasste sich am 14. Oktober und am 2. November 2009 mit dem „Sunset“-Fall. Das Berufungsverfahren endete mit einem Schuldspruch (30 Tagessätze à 50 Euro, also 1500 Euro). Ernst D. und sein Verteidiger gaben nicht auf, sie legten Revision ein. Der 2. Senat des Oberlandesgerichts Celle prüfte – und verwarf das zweite Urteil. „Die Richter vertraten den Standpunkt, eine Bauwerkgefährdung könne nach dem Gesetz nur derjenige begehen, der bei der Ausführung, Leitung und Planung eines Bauwerks gegen anerkannte Regeln der Technik verstoßen hat. Eine Ausführungshandlung konnte das OLG nicht erkennen. „Mein Mandant hat seinerzeit lediglich die Feuerwiderstandsklasse bescheinigt“, sagt Roman von Alvensleben. Die abgehängte Decke habe er nicht auf ihre Konstruktionssicherheit geprüft. Die Akten landeten auf dem Tisch der 15. Kleinen Strafkammer unter Vorsitz von Richter Bernd Rümke. Dass Ernst D. die Decke nicht eigenhändig angeschraubt hatte, stand außer Zweifel. Die Frage, die es jedoch zu untersuchen galt, lautete: Hat der Architekt die Arbeiten seinerzeit geleitet? Die Kammer befragte Zeugen. Sowohl der damalige Inhaber als auch der Ex-Geschäftsführer vom „Sunset“ sagten, Ernst D. habe keine Leitungsfunktion gehabt. Den damaligen Handwerksmeister konnte die Kammer nicht befragen. Er war einfach nicht gekommen. Richter Rümke ahndete das ungebührliche Verhalten des Zeugen mit einem Ordnungsgeld in Höhe von 150 Euro.

Verteidigung und Staatsanwaltschaft waren sich diesmal einig – sie beantragten Freispruch. Bis zur Urteilsverkündung hatte Ernst D. die Befürchtung, das Gericht würde ihn dennoch verurteilen. Im Amtsgericht Hameln hatte schon einmal eine Vertreterin der Staatsanwaltschaft einen Freispruch beantragt. Dennoch war er zu einer Geldstrafe verurteilt worden.

„Auch, wenn man es uns nicht gerade einfach gemacht hat: Wir haben den Glauben daran, dass die Gerechtigkeit siegt, niemals verloren“, sagt Rechtsanwalt von Alvensleben. „Mein Mandant konnte gar nicht schuldig gesprochen werden, denn für das, was ihm vorgeworfen wurde, gibt es gar kein Gesetz.“ Und so sei am Ende der alte lateinische Rechtsgrundsatz „Nulla poena sine lege“ (Deutsch: „Keine Strafe ohne Gesetz“) zum Tragen gekommen, sagt der Strafverteidiger.

Videobericht über das Unglück auf www.dewezet.de

24. Juli 2007: Rettungsmannschaften der Feuerwehr suchen im Café „Sunset“nach möglichen Opfern. Die tonnenschwere Decke hat Tische und Stühle unter sich begraben. Die Gäste konnten sich seinerzeit gerade noch rechtzeitig in Sicherheit bringen.

Fotos: ube



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?