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Bewährungsstrafe für älteren Mittäter / 16-jähriger Schläger kommt glimpflicher davon / Opfer sprachlos und empört

Nach Gewalttat: Komplizen härter bestraft als Haupttäter

Hameln (ube). Das Amtsgericht Hameln hat sich zum zweiten Mal mit der brutalen Attacke auf den Frührentner Andreas H. (53), die sich am Nachmittag des 25. Mai auf dem Spielplatz der Gartenkolonie „Feierabend“ in Afferde ereignet hat (wir berichteten), beschäftigen müssen, denn: Im Laufe der Ermittlungen gegen den mutmaßlichen Haupttäter (16) war das für Jugenddelikte zuständige 6. Fachkommissariat nach Auswertung von Zeugenaussagen auf einen Mittäter des inzwischen verurteilten Jugendlichen gestoßen – der Komplize war zur Tatzeit 18 Jahre alt. Das Jugendschöffengericht unter Vorsitz von Richter Ingo Flasche hat den Angeklagten Vitali B. zu einer Jugendstrafe von einem Jahr – ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung – verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass B. das bereits am Boden liegende Opfer gegen den Kopf getreten hat. In das bereits rechtskräftige Urteil ist ein Richterspruch vom 12. November (24 Stunden gemeinnützige Arbeit wegen Beleidigung) eingeflossen. Sollte sich Vitali B. in den kommenden drei Jahren etwas zuschulden kommen lassen, könnte seine Bewährung widerrufen werden. B. ist kein unbeschriebenes Blatt: Seit 2008 hat er acht Eintragungen im Bundeszentralregister angehäuft. Nach Angaben von Gerichtssprecherin Sabine Quak ging es in diesen Verfahren um Sachbeschädigungen und Diebstähle. Nun kommt eine Verurteilung wegen einer Gewalttat (gefährliche Körperverletzung) hinzu. Das Gericht stellte bei B. Reifeverzögerungen fest. Deshalb wurde bei dem Volljährigen das Jugendrecht angewandt.

veröffentlicht am 06.12.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 01:41 Uhr

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Richter Flasche begründete die Jugendstrafe mit den bei Vitali B. festgestellten „schädlichen Neigungen“. Zum einen sei der Hamelner bereits achtmal verurteilt worden, zum anderen habe er dem Opfer erheblichen physischen und psychischen Schaden zugefügt. Die Jugendstrafe soll der junge Mann als Schuss vor den Bug verstehen.

Der Haupttäter ist glimpflicher davongekommen: Der 16-Jährige hat nicht einmal eine Bewährungsstrafe bekommen. Jugendrichter Thomas Franke hatte am 17. September lediglich „jugendrichterliche Maßnahmen“ angeordnet – wegen gefährlicher Körperverletzung und Sachbeschädigung. Der Minderjährige muss 80 Stunden gemeinnützige Arbeit ableisten und wurde vom Richter angewiesen, an einem Sportfreizeitkurs und an einem sozialen Trainingskurs teilzunehmen. Opfer Andreas H. war empört und enttäuscht: „Was sind schon 80 Sozialstunden? Der Täter lacht sich doch eins ins Fäustchen.“ Auch die Staatsanwaltschaft war mit diesem Urteil nicht zufrieden. Sie legte Berufung ein, wollte erreichen, dass gegen den 16-jährigen Täter eine Jugendstrafe verhängt wird. Vor wenigen Tagen ist die Berufung allerdings von einer Jugendkammer in Hannover verworfen worden. Verfahren und Urteilsverkündung waren nicht öffentlich. Der Sprecher des Landgerichts, Dr. Matthias Kannengießer, erklärte gestern auf Anfrage: „Bei der Frage des Strafmaßes ist zu berücksichtigen, ob eine Schwere der Schuld oder schädliche Neigungen vorgelegen haben. Nur dann ist überhaupt eine Jugendstrafe möglich. In diesem Fall haben das die erste und die zweite Instanz verneint.“

Opfer Andreas H. ist geschockt, als er von der Dewezet erfährt, wie die Richter in Hannover entschieden haben. „Das macht mich sprachlos, das kann ich nicht nachvollziehen. Ich muss das erst einmal verdauen“, sagt er.

Am Tattag hatte der 53-Jährige unter anderem mehrere Schädelbrüche erlitten. Er war nach Meinung seines Operateurs Dr. Klaus-Peter Seifert „dem Tod sehr nahe“, als er verletzt am Boden lag und immer wieder ins Gesicht getreten wurde. Die Narben unter seinen Augen werden ihn ein Leben lang an den Tag erinnern, an dem er beinahe totgeprügelt wurde. „Ich verstehe bis heute nicht, warum die Tat von der Justiz nicht als versuchter Totschlag gewertet wurde“, sagt H. „Es hätte mir wie dem Linienrichter in Holland ergehen können.“

Mit dem Urteil gegen Vitali B. ist Andreas H. zufrieden: „Das ist in Ordnung und gerecht.“ Überrascht sei er gewesen, als plötzlich ein zweiter Täter zur Verantwortung gezogen werden sollte, erzählt der Frührentner. „Mir als Opfer hatte niemand etwas von einem weiteren Verdächtigen gesagt. Zu dem Zeitpunkt, als ich als Zeuge geladen wurde, wusste ich gar nicht, dass auch dieser Mann mich getreten hat. Daran habe ich keine Erinnerung mehr.“



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