weather-image
13°
Schläger-Haus bietet Essen und Wärme

Nach Ebay-Kleinanzeigen-Fall: Wohin als Obdachloser bei Minusgraden?

HAMELN.Als Obdachloser eine Wohnung zu finden ist schwierig – in Stadthagen versuchte es einer von ihnen schon mit einer Anzeige bei Ebay Kleinanzeigen. Auch in Hameln gibt es Leute, die die eisigen Nächte draußen überstehen müssen oder davon bedroht sind, ihre Wohnung zu verlieren.

veröffentlicht am 08.02.2018 um 18:10 Uhr

Aslan (li.) ist vor allem die Gesellschaft im Tagestreff wichtig. Die Mitarbeiterinnen Sabrina Sauer und Lisa-Marie Heine (re.) kümmern sich darum, dass dort alles rund läuft. Foto: jsp
Jens Spickermann

Autor

Jens Spickermann Volontär zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Draußen ist es bitterkalt, drinnen ist es warm und es gibt Nudeln mit Soße. Das Essen ist kein Luxus, aber der gedeckte Tisch zieht viele Wohnungslose derzeit ins Senior Schläger Haus. Im Tagestreff der Einrichtung können sich Bedürftige bei Frühstück und Mittagessen etwas aufwärmen, denn für sie können die Minusgrade draußen tödlich ausgehen. Einer der Tagestreff-Besucher schlafe trotz der Temperaturen im Wald, erzählt Sozialarbeiterin Lisa-Marie Heine. In drei Schlafsäcke gehüllt, hat er das bisher immerhin überlebt. Um das Wetter zumindest etwas erträglicher zu machen, verteilt das Senior Schläger Haus warme Decken und Kleidung. Doch nicht alle im Tagestreff müssen draußen schlafen. Manche kommen auch trotz eigener Wohnung hierher. So unterschiedlich die Besucher auch sind, eines haben viele gemeinsam: Sie sind einsam und kommen irgendwie nicht alleine klar – weil sich die Probleme häufen, droht oft die Wohnungslosigkeit.

So ist es auch bei Melany, die gerade noch mal Glück hatte. Ihre alte Wohnung hat sie verloren, weil sie die Miete nicht gezahlt hat, trotzdem hat sie schnell eine neue Bleibe gefunden – mit einer Art Bürgschaft ging das. Anfangs habe das Jobcenter die Mietkosten direkt an den Vermieter überwiesen, erzählt sie. Dann sei das Geld aber auf ihr eigenes Konto gebucht worden. Keine gute Idee – denn schnell war es weg ohne dass die Kosten für die Wohnung beglichen waren. Ein Problem sei für sie der Alkohol, wie auch bei manch anderen Gästen:

Ein Mann, 47 Jahre alt, schwankt bei Rot über die Straße, in der Jackentasche trägt er eine offene Flasche Bier. Vor dem Senior Schläger Haus trinkt er sie schnell in einem Zug leer – drinnen ist Alkohol nämlich verboten. Seinen Lebenswillen habe er verloren, sagt er. Eigentlich wolle er nur, dass es mit ihm zuende geht. Wegen seines kranken Knies humpelt er stark, doch operieren lassen will er es nicht. „Meine Familie ist den Bach heruntergegangen“, sagt er. „Ich bin hilfsbedürftig in jeder Form. Ich kriege mein Leben nicht auf die Reihe.“ Und jetzt sei er auch noch unglücklich verliebt, das gebe ihm den Rest. Obdachlos sei er nicht, sagt er. Er dürfe wegen einer Art Hausmeisterjob umsonst wohnen – gearbeitet habe er in der letzten Zeit aber nicht mehr.

Über Leute wie den 47-Jährigen hat Stammgast Ditmar, der den anderen gerne Ratschläge gibt, ein Gedicht geschrieben: „Doch bist du süchtig nach Alkohol oder Drogen, hat dich die Sucht um dein Leben betrogen. Denn jetzt lebst du für deine Sucht allein, doch das ist kein Leben und sollte nicht sein“, so heißt es in einem seiner Gedichte, die Heine für ihn abgetippt hat. Ditmar ist 67 Jahre alt und viel herumgereist. Sein alternativer Lebensstil führte ihn bis nach Thailand, wo er viel Zeit verbrachte und seine Frau kennenlernte, er spricht deswegen sogar Thai. Seine Rente ist ziemlich schmal und seine Frau hat er seit 18 Jahren nicht gesehen. Die sei wieder nach Thailand gegangen, er wisse nicht einmal, ob sie noch lebt, erzählt er. Obwohl das Geld knapp ist, hat er eine eigene Wohnung. Vor allem braucht er anscheinend Gesellschaft. Die benötigt auch Aslan: Er sei arbeitslos, mal Friseur gewesen, habe aber eine Wohnung, sagt er. Trotzdem gehört er im Tagestreff zur Stammkundschaft. „Ich bin alleine, deswegen.“ Seit er von seiner Frau geschieden sei, fehle es ihm an Kontakten.

Einige der Besucher hätten bei Bekannten Unterschlupf gefunden, sagt Heine. Wer aber alles gerade auf der Straße lebt, wisse sie gar nicht genau. Die Scham sei nämlich oft zu groß, es zuzugeben.

Kurz vor dem gemeinsamen Mittagessen strömt ein ganzer schwall von Menschen in den Aufenthaltsraum. Aus einem alten Röhrenfernseher tönt Rockmusik: „Last Resort“ von Papa Roach. Obwohl alle ihre Probleme haben ist die Stimmung nicht schlecht. Alle beginnen gemeinsam mit dem Essen, manche reden dabei ununterbrochen, andere sind ganz in sich versunken. Die Szenerie wirkt etwas wie bei einer Klassenfahrt im Landschulheim. Als „harmonisch, fast ein bisschen familiär“ beschreibt Heine die Atmosphäre. Hinterher wischen mehrere Gäste die Tische und spülen das Geschirr. Wer nämlich beim Kochen oder Abwaschen mithilft, muss nicht wie die anderen einen Euro für das Essen bezahlen. Der Preis ist zwar sehr niedrig, trotzdem hat nicht jeder immer das Geld dafür. Die Gäste könnten deswegen auch anschreiben lassen, sagt Heine. Doch die Besucher kämen nicht nur wegen des Essens in den Tagestreff. „Wer Bedürftig ist, hat wenig Teilhabe an der Gesellschaft“, sagt sie. „Es gibt hier Leute, die einfach nur Gesellschaft suchen.“



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt