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Michael Katzenstein lässt mit seiner Familie an seinem Geburtsort die Vergangenheit aufleben

Nach 80 Jahren wieder in Hameln

Hameln. „Ich wollte meinen Kindern und meinen Enkeln doch einmal zeigen, wo ich geboren bin und wo ihre Groß- und Urgroßeltern zu Hause waren, bevor sie 1933 nach Palästina emigrierten, weil es hier etwas ,unbequem’ für uns Juden wurde.“ Michael Katzenstein ist nicht zum ersten Mal in der Stadt, in der er 1929 in einem Haus am Ostertorwall geboren wurde. 2001 besuchte er gemeinsam mit seiner Ehefrau Doris und seiner Schwester Judith erstmals die Rattenfängerstadt. Seitdem ist der Kontakt zu den verschiedensten Menschen nicht mehr abgerissen. „Als ich Rachel Dohme informierte, dass ich mit der ganzen Familie komme, hat sie alles in die Hand genommen, und wir hatten hier ein sehr schönes Programm“, erzählt der 84-Jährige. In der Synagoge gab es einen Empfang mit Gottesdienst, Oberbürgermeisterin Susanne Lippmann ehrte die Familie mit einem Empfang im Hochzeitshaus, und der Historiker Bernhard Gelderblom führte die Besucher aus Israel mit vielen Dokumenten auf die Spuren ihrer Vergangenheit und zeigte ihnen das Dorf Grießem, den Ort, in dem Hermann Gradnauer, der leibliche Vater von Michael Katzenstein, gemeinsam mit anderen im Jahr 1926 den Kibbuz Cheruth gegründet hatte, um junge Juden auf die Emigration nach Palästina vorzubereiten.

veröffentlicht am 15.08.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 03.11.2016 um 09:21 Uhr

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Autor:

Wolfhard F. Truchseß
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Gemeinsam mit Gelderblom besuchte die Familie auch den jüdischen Friedhof an der Scharnhorststraße. Denn dort wurden einst der Adoptivgroßvater Michael Katzensteins, Moses Katzenstein, und dessen Bruder Meyer Katzenstein beerdigt. 1938 hatten die Nazis im Zuge der Reichspogromnacht diesen jüdischen Friedhof vollständig demoliert, sämtliche Grabsteine umgestoßen und manche total zerstört. Als Ernst Katzenstein, der Adoptivvater Michael Katzensteins, 1946 offenbar als Offizier der US-Armee nach Hameln kam, war der Grabstein seines Großvaters nicht mehr aufzufinden, der seines Großonkels in mehrere Stücke zerschmettert. „Ernst Katzenstein ist damals bei der Stadtverwaltung vorstellig geworden“, berichtet Gelderblom, „und hat gefordert, einen neuen Stein für Moses zu errichten.“ Dem sei entsprochen worden. Deshalb sei der Stein auch anders gestaltet als die anderen Grabsteine aus dem 19. Jahrhundert, der Todeszeit Moses Katzensteins. Ergreifend bei diesem Friedhofsbesuch war es zu erleben, wie die israelische Familie mehrere alte, mit hebräischen Inschriften versehene Grabsteine entzifferte.

Aber es war nicht nur die Suche nach den Spuren früheren jüdischen Lebens in Hameln. Das von vielen Menschen mitgestaltete Programm präsentierte Michael und Doris Katzenstein und den sie begleitenden Familien auch das heutige Leben in Hameln. So gestaltete die evangelische Jugend der Münster- und Marktkirchengemeinde im Haus der Kirche einen gemeinsamen Abend mit Spielen, einem Film und einer Pizzabäckerei. Fasziniert waren die Enkelkinder vor allem von einem Besuch in der Glasbläserei und der Möglichkeit, selbst eine wunderschöne Glaskugel herstellen zu können.

Heute erforscht die Familie auf einem Ausflug nach Wolfenbüttel andere Spuren ihrer Vorfahren. Denn die Familie Gradnauer stammt aus der alten Herzogstadt. Hermann Gradnauer wurde dort geboren, ließ sich aber später als Dentist in Hameln nieder, ehe er vor den Nationalsozialisten nach Palästina floh.

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Michael und Doris Katzenstein besuchen mit zwei ihrer Töchter und drei Enkelkindern auf dem alten jüdischen Friedhof an der Scharnhorststraße den Grabstein des Großvaters Moses Katzenstein. Historiker Bernhard Gelderblom (li.) gibt Erläuterungen. wft

Hermann Gradnauer war 1926 einer der Mitbegründer des Kibbuz Cheruth (Freiheit) in Grießem.

Sammlung Gelderblom



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