weather-image
13°
Neue Stadtrundgänge führen auf die Türme der Marktkirche und des Hamelner Münsters

Nach 189 Stufen scheint die Freiheit grenzenlos

Von Ernst August Wolf

veröffentlicht am 14.04.2010 um 17:54 Uhr
aktualisiert am 10.11.2016 um 13:21 Uhr

Von der Marktkirche Richtung Münster reicht der Blick bis zum Ho
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Hameln. Freitagabend 21 Uhr, am Pferdemarkt. Wo tagsüber jede Menge Trubel herrscht, findet sich jetzt kaum eine Seele. Nur ein einsames Pärchen studiert den Schaukasten der Marktkirche. „Zurzeit keine Turmbesteigung“ ist da zu lesen. Falsch, denn schon naht lautstark und mit raschen Schritten Ulrich Corcilius, der Türmer. Der 43-Jährige hat heute Premiere als städtischer Türmer, ist aber als Mitglied des Rattenfängerspiels und als Halunke bei „Hexen und Halunken“ überaus erfahren im Umgang mit Gästen.

Gerd und Inge, ein Ehepaar aus der Nähe von Kiel, ist zu Besuch in der Rattenfängerstadt und will an diesem Abend unbedingt „auf den Turm“. Doch bis dahin müssen sich die zwei gedulden. Vorab gibt es eine herzliche Begrüßung und ein Gedicht des lustigen Gesellen mit Laterne, Pfeifchen und Signalhorn.

Nein, nicht Goethes Türmerlied („Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt, dem Turme geschworen, gefällt mir die Welt“) zitiert Corcilius, sondern eine volkstümlich-derbe Eigendichtung. In diesem Moment stößt Almuth Gattermann zur Gruppe. Sie ist die zweite der insgesamt drei Türmer. „Andreas Link ist auch noch mit dabei“, erklärt sie und beantwortet gleich die wichtigste Frage des Abends. „189.“ So viele Stufen geht es beim Münster hinauf, bei der Marktkirche sind’s 207. Höhe der Türme: Münster 42, Marktkirche 52 Meter. Aber, Überraschung: „Auf welchen Turm es geht, das sagen wir euch erst am Ende der Führung“, so Gattermann. Dass die Resonanz auf die zweite Turm-Führung „sehr überschaubar“ ist, stört nicht. „Muss sich erst mal herumsprechen“, so die beiden Türmer.

270_008_4275190_hm404_1504.jpg
270_008_4275193_hm403_1504.jpg

Die Informationen über die letzten echten Hamelner Türmer, die vermutlich bis 1929 ihren Dienst in Wechselschicht ableisteten, sind bisher nur spärlich. „Wir sind noch auf Suche im Stadtarchiv“, sagt Gattermann. Einerseits seien die Türmer „von den Bürgern hoch geachtet“ gewesen, da sie für Sicherheit sorgten, andererseits zählte der Türmer im Mittelalter aber auch zu den „unehrlichen Berufen“. Gattermann: „Fest steht, dass sich das Wort ,türmen’ von den im Turm Schutzsuchenden ableitet.“

Vor dem Aufstieg liegt ein ausgedehnter Fußmarsch durchs hell erleuchtete nächtliche Hameln – und eine geballte Ladung Stadtgeschichte. Die beiden Kieler sind außergewöhnlich gut vorbereitet, wissen schon allerlei über den Klüt, die Weser, die Altstadt und natürlich den Rattenfänger. Quer durchs mittelalterliche Hameln führt die nächtliche Tour: Pferdemarkt, die rekonstruierte Stadtmauer zwischen Haspelmath- und Pulverturm, Pfortmühle und Weserbrücke. Auch das Scherbenmeer, das das Gelage von Jugendlichen am Weserufer zusammen mit jeder Menge Lärm produziert, bewältigt die Gruppe ohne Schäden. Und dann steht sie plötzlich vor uns: in orangefarbenes Licht getaucht, die Münsterkirche. Hoch oben am Nachthimmel leuchtet ein weißes Lichtchen wie ein einsamer Stern – das Türmerzimmer. „Da geht’s rauf“, stellt Corcilius mit reichlich Entschlossenheit in der Stimme fest. Die Holztüre quietscht, das dämmrige Licht in der Kirche lässt die Besucher leicht gruseln. Hinter einer kleineren Holztür der schmale Aufgang. Nur eine Schulter breit, steil, sehr steil, winden sich die Stufen schier endlos nach oben. Wie erwartet, geraten alle bis auf den vorauseilenden Türmer schnell aus der Puste. „Türmer waren fit und nicht dick“, stellt der zur allgemeinen Aufheiterung fest. Geschafft, die Wendeltreppe aus Stein ist zu Ende und wird ersetzt durch eine wiederum scheinbar endlose Treppenkonstruktion aus Holz, die hinauf in luftige Höhe führt. Unterwegs ein Blick auf die Kirchengewölbe von oben. Ein Raum mit durch große Vorhängeschlösser gesicherten Verschlägen wird passiert. „Wie unheimlich“, murmelt die Kielerin. Das Herz klopft, der Puls jagt. Dann sehen wir durch eine Lücke in der Decke die Sterne. Endlich oben, sind wir uns einig: „Was für ein grandioser Ausblick!“ Unter uns das nächtliche Lichtermeer Hamelns. Die hell erleuchtete Brücke überquert das dunkle Band der Weser. Scheinwerfer von Spielzeugautos flammen auf. In der Ferne Orientierungspunkte: die angestrahlte Pfortmühle, die hell erleuchtete Rattenfängerhalle. Auf der anderen Weserseite wie ein blinkendes Ufo im dunklen Himmel das Klüthotel, umgeben von nichts als Schwärze. Von unten dröhnt entfernt der Lärm feiernder Jugendlicher herauf. Es ist kühl, Wind streift um die Holz- und Metallkonstruktion. „Sehr beeindruckend“, stellen die Kieler fest, und auch der agile Corcilius hält andachtsvoll einen Moment inne, schmaucht sein Pfeifchen und blickt versonnen in die Ferne. Das ist die Freiheit des Türmers. Gut nachvollziehbar, wie der einsame Gesell vor langer Zeit, frei vom Trubel des Alltags, hier Tag und Nacht nach Feuer und Feinden Ausschau hielt und die Bürger unten mit speziellen Hornsignalen warnte.

Dann geht es wieder hinab. Unten tauscht man Adressen aus, und so geht eine zwar nicht wissenschaftlich wasserdichte, aber sehr amüsante Führung zu Ende. Was bleibt, ist ein Abend von eigentümlichem Reiz, der Hameln aus ganz anderer Perspektive präsentiert hat und die Erfahrung: Schon 189 Stufen über der Stadt kann die Freiheit grenzenlos sein. Und hinterm Horizont geht’s weiter...

Das ehemalige Jugendgefängnis, heute Hotel „Stadt Hameln“, bei Nacht.

Foto: eaw

Erzählt amüsante Anekdoten: Türmer Ulrich Corcilius.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Mehr Artikel zum Thema
Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare