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Vater stoppt Notfall-Manager der Bahn

Mutter bringt Kind auf B 217 zur Welt

HAMELN. Eigentlich waren die werdenden Eltern auf dem Weg zum Geburtshaus in Hameln, doch sie schafften es nur bis Hottenbergsfeld. Die 37 Jahre alte Sonja Wahl-Helbing brachte ihren Sohn im Auto auf der Bundesstraße 217 zur Welt - mit ihrem Mann und einem Notfall-Manager der Bahn als Geburtshelfer. Mutter und Kind sind wohlauf.

veröffentlicht am 21.06.2017 um 15:49 Uhr
aktualisiert am 21.06.2017 um 20:00 Uhr

Trotz des ungewöhnlichen Geburtsorts ist das B217-Baby wohlauf. Foto: ube
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Die Fruchtblase war schon in Bad Münder geplatzt. Viel früher als erwartet. Der errechnete Geburtstermin sollte der 3. Juli sein. Nun waren sie mit dem Auto unterwegs zum Geburtshaus nach Hameln. Ihre Haushebamme Miriam Begerau hatten sie bereits telefonisch informiert – sie wartete schon auf die werdende Mutter. Die Oma passte auf Tochter Paula (2) auf.

Anfangs war alles noch entspannt. Doch plötzlich ging alles ganz schnell. Viel zu schnell. Hilfe konnte Andreas Wahl (54) nicht herbeirufen. „Ich hatte daheim mein Handy und das meiner Frau an Ladekabel angeschlossen und die Telefone dann in aller Eile vergessen“, erklärt der Vorstand der Ostland Wohnungsgenossenschaft Hannover und ehemalige Geschäftsführer der Hamelner Wohnungsbau-Gesellschaft. Was tun? Auf der Bundesstraße 217, irgendwo zwischen Hilligsfeld und Rohrsen, sah Andreas Wahl ein Auto, das Blaulichter auf dem Dach hatte. Er beschloss, den Geländewagen zu stoppen. „Ich habe Fahrzeug erst überholt und gehupt. Dann bin ich neben den Wagen gefahren und habe dem Fahrer mit Handzeichen zu verstehen gegeben, dass er anhalten soll.“ Der Mann im Blaulicht-Wagen verstand, stoppte an der Abfahrt Hottenbergsfeld. In dem Nissan saß aber kein Notarzt. Es war der Notfall-Manager der Deutschen Bahn. Christian Röhr befand sich gerade auf der Rückfahrt vom Stellwerk Barsinghausen und steuerte sein Büro an der Hamelner Tunnelstraße an. „Der Mann hatte wild gestikuliert und war aufgeregt. Da habe sich sofort angehalten, um Hilfe zu leisten“, sagt der 39-Jährige.

Andreas Wahl bat Christian Röhr, seinen Wagen mitsamt der werdenden Mutter mit Blaulicht nach Hameln zu eskortieren. Der Notfall-Manager hielt das für keine gute Idee; er wählte den Notruf 112 und schilderte dem Schichtleiter der Kooperativen Regionalleitstelle an der Ruthenstraße die außergewöhnliche Situation. Disponent Jorrit Külp ist ein erfahrener Rettungsassistent; er wusste Rat und wollte dem „Geburtshelfer“ erste Tipps geben. „Ich habe den Bahn-Manager gefragt, wie weit es ist“, erzählt Külp. „Er hat geantwortet: ,Der Kopf ist schon zu sehen.“ Zunächst einmal alarmierte Külp den Notarzt in Bad Münder und eine Rettungswagen-Besatzung der DRK-Wache Hameln. Nach nicht einmal 60 Sekunden rief er Christian Röhr zurück, um ihm weitere Fragen zum Gesundheitszustand von Mutter und Kind zu stellen. „Das Baby war schon da“, erzählt der 37-Jährige. „Ich habe dann meine Abfrage gestartet, wollte zum Beispiel wissen, ob das Kind schreit.“

Die glücklichen Eltern mit ihrem Nachwuchs und Hebamme Miriam Begerau (re.). Foto: ube
  • Die glücklichen Eltern mit ihrem Nachwuchs und Hebamme Miriam Begerau (re.). Foto: ube
Nachdem die Fruchtblase geplatzt war, schafften es die werdenden Eltern nur noch bis Höhe Hottenbergsfeld. Foto: ube
  • Nachdem die Fruchtblase geplatzt war, schafften es die werdenden Eltern nur noch bis Höhe Hottenbergsfeld. Foto: ube
Disponent Jorrit Külp ist ein erfahrener Rettungsassistent; er wusste Rat und wollte dem „Geburtshelfer“ erste Tipps geben. Foto: ube
  • Disponent Jorrit Külp ist ein erfahrener Rettungsassistent; er wusste Rat und wollte dem „Geburtshelfer“ erste Tipps geben. Foto: ube

Der Leitstellen-Mitarbeiter ist seit zehn Jahren im Dienst – einen solchen Fall hat er noch niemals zuvor erlebt. „Dass ein Kind in einem Auto auf der Straße geboren wird, kommt wirklich sehr selten vor.“ Bahn-Mitarbeiter Christian Röhr versetzte die übereilte Geburt nicht in Aufregung. Er war schließlich bei der Geburt seiner Kinder dabei. „Die Mutter war ganz ruhig. Es war nicht ihr erstes Kind. Den Vater musste ich etwas beruhigen. Ansonsten ist alles komplikationslos verlaufen. Ist mal was Positives“, freut sich Röhr, der sonst eher zu Bahnunfällen und Störungen gerufen wird.

Mutter Sonja Wahl-Helbing (37) war die Ruhe selbst. Sie ist eben eine starke Frau. Von 1993 bis 2009 war sie erfolgreiche Gewichtheberin, Deutsche Meisterin, Vize-Europameisterin und 7. bei den Weltmeisterschaften in Kapstadt. „Meine Frau hat mir immer gesagt, was ich jetzt als nächstes machen soll“, erzählt Andreas Wahl. „Köpfchen halten…und solche Dinge.“ Der Manager holte seinen Sohn selbst auf die Welt. Der Kleine ist 3190 Gramm schwer und 50 Zentimeter lang. Die Eltern sind überglücklich.

Als die Rettungswagen-Besatzung Mutter und Kind zum Kreißsaal des Sana-Klinikums brachte, trank der Säugling zufrieden an Mamas Brust. Klinik-Hebamme Svenja Hanke schaute sich die beiden an und stellte fest: „Beide sind wohlauf. Das Baby sieht rosig aus und ist vital.“ Gynäkologin Janine Biastoch machte umgehend die Erstuntersuchung. Als sie damit fertig war, übergab Svenja Hanke ihre Schützlinge sofort an Haushebamme Miriam Begerau, die in der Zwischenzeit im Krankenhaus eingetroffen war. „Ich habe den Mutterkuchen zur Welt gebracht und die Geburt damit beendet“, erzählt die Hebamme. „Ich bin total froh darüber, dass die Zusammenarbeit zwischen Geburtshaus und Sana-Klinikum so toll klappt“, sagt Sonja Wahl-Helbing. „Das hat mich angenehm überrascht. Es gab überhaupt keine Probleme.“ Vater Andreas Wahl nickt. „Obwohl wir im Geburtshaus angemeldet waren, sind wir hier mit offenen Armen empfangen worden.“

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