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Jazz-Combo „Glücksmaschine“ macht Songs über die Heimat – inspiriert von Facebook-Gruppe

Musiker gehen mit Politikern hart ins Gericht

Hameln. Natürlich gibt es „Spaghetti alla puttanesca“, wenn der Mann, der partout schlicht Wille genannt werden möchte, bei sich zu Hause zum Pressegespräch zum Thema „Glücksmaschine“ lädt. Denn „Spaghetti puttanesca“, so heißt auch einer der Songs der Glücksmaschine, in dem Wille die italienische Leichtigkeit besingt, die den Deutschen oft so schwer fällt. Die Glücksmaschine ist eine Jazz-Pop-Combo, die erst vor einigen Monaten ins Leben gerufen wurde. Sie besteht aus dem Allround-Musiker Wille, dem nicht minder vielseitig versierten Musiker und Komponisten Thomas W. Knobloch aus Petershagen und der 21-jährigen Sängerin Nikola Frehsee von der Hamelner Band Claptomaniacs. In ihrem ersten Projekt setzen sie insbesondere auf Songs über ihre Heimat.

veröffentlicht am 23.07.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 22:21 Uhr

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Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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„Wenn du in Hameln aufgewachsen bist, dann kennst du genau das eine Gefühl: Heimat ist da, wo man weg will“, singt Wille in dem melancholischen Song „Heimat ist da, wo man weg will“. Dabei handelt es sich keinesfalls um einen Abgesang auf die Hamelner Heimat. Vielmehr geht es darum, wie sich mancher Traum vom Auszug aus der manchmal piefigen Kleinstadt in die verheißungsvolle Metropole, hier: Berlin, als jähe Illusion erweist. Zu Hause ist es eben doch am Schönsten.

Andererseits: Das einzig Autobiografische an dem Song sei, „dass ich hier wohne und auf die Facebookseite ,Wenn du in Hameln aufgewachsen bist, dann…‘ aufmerksam wurde“, räumt Wille ein. „An sich halte ich auch nichts von solchen Foren. Gleichwohl war es faszinierend zu sehen, dass hier im Grunde zwei an sich unversöhnliche Welten zusammenfinden – die unpersönliche Welt der neuen Medien und das altmodische Gefühl von Heimatverbundenheit.“ Ein vermeintliches Paradoxon, das sich auch in dem Namen Glücksmaschine widerspiegele.

Ein anderer Song heißt „Die Rattenfängerin“, der „mit unseren Kommunalpolitikern ziemlich hart ins Gericht“ geht, gibt Wille zu – genauso wie den Umstand, dass ihn „die heimische Kommunalpolitik allenfalls am Rande interessiert“.

Der Song sei zum einen natürlich in Anlehnung an die Rattenfängersage entstanden, zum anderen aber auch an das Theaterstück „Besuch der alten Dame“ des Schweizer Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt (1921-1990) angelehnt. „In dem Song kehrt die Rattenfängerin, ähnlich wie die ,alte Dame‘, in ihre Heimat zurück, um sich zu rächen – bei uns allerdings am Hamelner Stadtrat“, erläutert Wille. Wofür konkret sie Rache nimmt, das bleibt mehr oder weniger dem Hörer überlassen, wenn Nikola Frehsee etwa singt: „Jetzt ist es raus, Schluss mit der Schau / Der Rattenfänger, der ist ne Frau / (...) Jeder versteht den Blues der Stadt / Die Welt sich dreht, doch Hameln schachmatt / Was bleibt? Sieh’ Hochzeitshaus! / Hier wohnt demnächst die Micky Maus.“

Auf mögliche Kritikpunkte angesprochen, hält Wille mit seiner Meinung aber auch nicht hinter dem Berg: Da sei etwa das ECE-Center, das zu Leerstand in der Innenstadt führe; da entstehe eine zwar „moderne Altstadt, die aber tot ist, weil sie kaum noch Bäume, aber dafür neue Sitzbänke hat, die nicht gerade zum Verweilen einladen“.

Aber im Grunde, so Wille, spiegele die Kommunalpolitik nur das wider, was er von Hameln erwarte. „Die Kommunalpolitik bringt ungewollt eine große Kontinuität ins Stadtgeschehen. Abgesehen von einigen nicht zu übersehenden Fehlentscheidungen verändert sie an sich nichts. Und das ist nicht nur schlecht, wenn man Hameln für sich als eine Art Refugium betrachtet, in dem man möglichst seine Ruhe haben möchte.“

Ein weiterer Song heißt „Weserrenaissance“ – der aber nicht ausdrücklich von dem gescheiterten Weserrenaissance-Projekt handele. Der Text ist „recht assoziativ und überlässt dem Hörer jede erdenkliche Interpretation“, sagt Wille. Besungen werde aber auf jeden Fall „die leise Hoffnung auf ein vor dem nicht unwahrscheinlichen Untergang bewahrtes Weserbergland“.

„Musikalisch“, erläutert Wille, „hat Thomas hier bei der harmonischen und melodischen Gestaltung viele Elemente aus der Renaissance übernommen.“ Den Stil der Glücksmaschine, der irgendwo im Niemandsland zwischen Jazz, Folk und Pop angesiedelt ist, will Wille selbst nicht näher beschreiben. „Weil wir uns keinem bestimmten Stil verschreiben wollen.“

Im Repertoire der Glücksmaschine finden sich auch Lieder aus dem Alltagsleben. So handelt „Zeig mir deinen Joe“ von einer Frau, die die „treudoofen Männer aus Hameln, Emmerthal und Minden“ nach Strich und Faden ausnimmt. Und in dem buchstäblich fantastischen „Freund von mir“ geht es um ein Liebeselixier, „dessen Genuss ein unverhofftes Interesse an Personen des eigenen Geschlechts auslöst“.

Ihren Lebensunterhalt verdienen Wille und Knobloch mit der Musik nicht. Knobloch arbeitet im sozialen Bereich, Wille in der Wissenschaft. Allein Nikola Frehsee verfolgt den Plan, eines Tages mit Musik ihr Geld zu verdienen. Sie studiert derzeit Tontechnik in Hamburg.

„Was wir machen, ist professionelle Musik von Musikern ohne Profiambitionen“, erklärt Wille, der wie auch Knobloch von klein auf verschiedene Instrumente spielt. Schon in den 70er Jahren standen Knobloch und er mit unterschiedlichen Bands auf der Bühne. Seit den 80ern gelegentlich auch gemeinsam.

Heute lassen sie es ruhiger angehen. Und die Glücksmaschine sei dafür genau das richtige Projekt. „Weil wir nicht darauf aus sind, öffentlich aufzutreten.“ Das wäre auch gar nicht so einfach. „Dann müssten Thomas und ich jeweils fünf Instrumente gleichzeitig spielen. Denn auf unseren Aufnahmen spielen wir alle Instrumente selbst – nur eben nacheinander.“ Mit Bands ist Wille heute nur noch zu Hause in seinem Musikkeller aktiv, der aber mittlerweile, verrät er, „fast schon eine Art Insidertipp für Jazz- und Experimentalmusiker aus nah und fern“ geworden sei.

Mit der in Kürze erscheinenden CD, bestehend aus neun Songs, tritt die Glücksmaschine erstmals an die Öffentlichkeit. Schon jetzt können sieben Songs kostenlos auf der Website der Combo runtergeladen werden.

Mehr Informationen über die Jazz-Pop-Combo Glücksmaschine finden Sie im Internet unter www.glücksmaschine.com oder unter www.youtube.com/user/gmaschine

Die Glücksmaschine: Wille (v.l.), Nikola Frehsee und Thomas W. Knobloch machen „professionelle Musik ohne Profiambitionen.“ Foto: pr.

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