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Postzusteller Jürgen Kaudewitz geht nach 50 Jahren Dienst in Pension

Mit ihm kommt die Nachricht ins Haus

Hameln. „Manch einer der Texte ist mir schon sehr nahegegangen“, sagt Jürgen Kaudewitz. Gerührt zeigt er auf einen ganzen Stapel von Abschiedsbriefen und -karten, die ihm seine „Kunden“ aus Klein Berkel geschrieben haben. Jürgen Kaudewitz ist 65 Jahre alt und hat 50 Jahre lang als Postzusteller gearbeitet, 43 Jahre davon allein in Klein Berkel. Jetzt geht er in den Ruhestand. Freilich nicht, ohne sich vorher von seiner Kundschaft zu verabschieden. Ebenfalls per Abschiedskarte, versteht sich.

veröffentlicht am 02.04.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 04.11.2016 um 08:21 Uhr

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Autor:

Ernst August Wolf
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Jürgen Kaudewitz ist der derzeit älteste Postbedienstete in der Niederlassung Hannover der Deutschen Post und einer der 120 Postzusteller im Bezirk Hameln. 69 ganz unterschiedlich geschnittene Zustellbezirke gibt es nach Aussage des Betriebsleiters Jens Meyer in Hameln. Der Dienst des Postzustellers beginnt frühmorgens um 7 Uhr in der Ruthenstraße und umfasst eine 38,5-Stunden-Woche. Tonnenweise hat Jürgen Kaudwitz alle denkbaren Arten von Brief- und Paketpost zugestellt. „Früher gab es ja noch extra Geldzusteller“, erinnert er sich. „Da kam die Rente noch mit der Post und wir haben außerdem Rundfunk- und Zeitungsgeld kassiert.“ Zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit dem gelben Postauto hat Kaudewitz seinen Klein Berkelern ihre Post gebracht. „Die Fahrradtouren waren mir am liebsten, denn da kann man direkt bis vors Haus fahren“, erklärt der rüstige Pensionär, der noch genau weiß, wie er seinerzeit zur Post kam. „Früher gab’s in Klein Berkel noch Schuhfabriken und da haben wir als Kinder für’n Groschen abends geholfen, die Pakete einzuladen. Hinterher gab es dann Bonbons im Laden gegenüber. So bin ich wortwörtlich auf den Geschmack gekommen.“ Am 1. April 1963 begann er seinen Dienst als Postjungzusteller. Seinem Zustellbezirk ist er – mit kleinen Ausflügen in den Bahnhofspostdienst Hannover – treu geblieben.

„Am liebsten habe ich immer gute Nachrichten überbracht, also voll bezahlte Briefe über die sich die Leute gefreut haben.“ Aber natürlich gab es die nicht immer. Bei Traueranzeigen habe er mitunter auch mitgelitten. „Am unerfreulichsten aber sind die Knöllchen, die man direkt aushändigen muss“, sagt Kaudewitz. Die Zeiten, in denen dem Zusteller bei Jubiläen, Geburten oder zum Jahreswechsel auch schon mal ein Schnäpschen angeboten wurde, seien längst vorbei. Zum Abschied geht Jürgen Kaudewitz noch einmal in seine alte Sortierecke, wo er jeden Morgen vor der Tour seine Post zustellfertig gemacht hat. Dort liegt ein großes, von einem Mädchen namens Mariella zum Abschied gemaltes Bild. „Darüber habe ich mich sehr gefreut, denn sie hat sogar den grünen Daumen nicht vergessen.“ Gemeint ist damit das grüne Daumengummi, mit dem sich Briefe besser sortieren lassen.

Nur die Hälfte der Postbediensteten seien heute noch verbeamtet, sagt Betriebsleiter Meyer. „Der klassische Postbeamte ist ein Auslaufmodell.“ Auch andere Dinge haben sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Brieftransport per Bahn gibt es längst nicht mehr, stattdessen 82 modernde Brief- und Logistikzentren (wie das in Pattensen). „Selbst wenn Sie dem Nachbarn ’ne Karte schreiben, geht alles über Pattensen, aber eben maschinell“, so Kaudewitz.

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  • Hier beginnt sein Arbeitsalltag: Postzusteller Jürgen Kaudewitz in seiner „Einsortierecke“. eaw

Er habe den unmittelbaren Kontakt mit seinen Klein Berkelern nie missen wollen. Mit Erna und Mathilde beispielsweise. „Da habe ich immer gepfiffen, mal ,Klein Erna aus Hamburg oder mal ,Mathilda`, dann wussten die, wer die Post bekam.“ Von Liebesbriefen über gewaltige, immer größer werdende Berge von Werbung bis hin zu besonders schweren Hundefutterpaketen – Jürgen Kaudewitz hat alles zugestellt. Pünktlich, zuverlässig und notfalls in strömendem Regen oder bei Eis und Schnee. Jetzt freut er sich auf „alles das, was in Haus, Hof und Garten in den letzte Jahren so liegengeblieben ist.“ Und über die Geburt seines zweiten Enkelkindes, das in diesen Tagen zur Welt kommen wird. Vielleicht findet Jürgen Kaudewitz, der Postbote aus Leidenschaft, dann ja selbst noch einmal ein paar Glückwunschkarten in seinem Briefkasten.

In seinen 50 Jahren als Postzusteller war Jürgen Kaudewitz zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit dem Postauto unterwegs.



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