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Auch eine Gummibärchenwaschanlage und die Hände erleichtern die Produktion eines Hörspiels

Mit Ffffft und Sssst zur sauberen Aussprache

Hameln. „Klatsch“ – und sofort wird der Impuls an den nächsten weitergegeben. 25-mal, bis auch der Letzte im Kreis laut in die Hände geklatscht hat. Ein melodisches „huuuuii“ rufend, schwingen dann die Arme im Bogen. Dann die nächste Übung: Mal ist es lauthalses Gähnen, mal ein Brüllen wie das eines Löwen. Es blähen sich die Backen auf und fallen mit einem „phoo“-Ruf wieder zusammen. Münder verziehen sich, zischen, fauchen, säuseln „pppt“, sssst“, „ffffft“ und „jjjjjt“. Zuletzt werden Süßigkeiten durch die „Gummibärchenwaschanlage“ gejagt: Als Bürsten fungieren die Zungen, sie wabbern und schlabbern die Tierchen blitzblank. Blödsinn ist es nicht, was die 21 Kinder der Klasse 3c und vier erwachsene Menschen da veranstalten – im Gegenteil: Sie machen Aufwärmübungen für Körper und Sprechapparat. Und dahinter steckt weitaus mehr, als am Ende den guten Ton treffen zu können.

veröffentlicht am 10.11.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 09.11.2016 um 16:41 Uhr

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Autor:

Alda Maria Grüter
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Unter Anleitung der Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin Svea Harre bereiten sich die Schüler der Basbergschule auf ein Hörspiel vor. Zwei 3. Klassen und eine 4. arbeiten seit August an den Sprechrollen für den „Überfall auf Burg Bleichenwang“, ein Kriminalhörspiel aus der Feder von Johanna Kunze. Die Geschichte spielt in einem Schullandheim, wo sich mysteriöse Dinge ereignen. Das Projekt ist eine Gemeinschaftsproduktion von Sumpfblume, Radio Aktiv und der Praxis „Stimmwunder“ von Svea Harre. Musicalsängerin Jennifer Hanke und Dustin Hausmann, Synchronsprecher und Radiomoderator, gehören zu dem Team, das mit den Kindern arbeitet. Bis zur Aufnahme im Studio des Lokalsenders stehen mit den Experten zwei Termine in der Schule an. Selbst auf Schüler, die anfangs kein überragendes Interesse zeigten, ist der Funke übergesprungen. Sie haben alle die Motivation, noch besser zu werden, erzählt Cornelia Juncker, die Klassenlehrerin der 3c. Beim zweiten Treffen stellt Svea Harre eine enorme Steigerung fest. „Die Kinder achten jetzt auf die richtige Betonung, beherrschen ein angemessenes Sprechtempo, verschlucken keine oder kaum noch Silben.“ Haben sie die Texte anfangs vom Blatt abgelesen, so können die Sprecher sie jetzt lebendig und flüssig vortragen. Allein eine Perlenkette um den Hals der Gräfin, die während des Sprechens kokett durch die Finger der Akteurin gleitet, wirkt da wahre Wunder: Die Identifikation mit der Rolle steigt, automatisch hebt das Schmuckstück Stimme und Betonung auf ein der adligen Figur angemessenes Niveau an. Weitere Tricks sorgen dafür, dass es auch dann klappt, wenn es richtig zur Sache geht: „Oft passiert beim Aufnehmen immer wieder der gleiche Versprecher. Um das zu vermeiden, sagt man sich den Rhythmus des Wortes vor oder klopft es mit dem Finger, wie zum Beispiel Blei-chen- wang“, erklärt Svea Harre. Im Stehen zu sprechen sei günstiger als im Sitzen, wegen der freien Atmung und der Möglichkeit zur Körperaktivität.

Nach wochenlangem Üben heißt es schließlich „Ruhe – und Aufnahme“. Der Reihe nach hält Radiomoderator Christian Ott einem Sprecher das Mikrofon vor den Mund. Es klappt wie am Schnürchen. Nur manchmal galoppieren die Sätze davon, die letzte Silbe vom letzten Wort ist noch nicht gesprochen, da dreht das eine oder andere Kind sich auch schon weg – und die Aufnahme muss wiederholt werden. Svea Harre weiß Rat: Um das Sprechtempo zu kontrollieren und jedes Wort deutlich und komplett ins Mikrofon zu formulieren, lässt sie die Kinder während des Sprechens langsam den Arm hoch und runter bewegen.

„Neben dem Spaß, den die Kinder haben, setzen sie sich spielerisch intensiv mit Sprachstrukturen auseinander und erlernen den bewussten Umgang mit Sprache“, sagt Projektleiterin Marion Komarek. Eine wichtige Sache in Zeiten von Zweiwortsätzen, Chatten und Simsen. Zu wenige Kinder werden darin unterstützt, sich aufs Geschichtenlesen und -hören einzulassen, bedauert Harre. Was sie bei ihrer Arbeit mit sprachgestörten Kindern in ihrer Praxis feststellt, beobachtet auch Cornelia Juncker: „Ein Drittel aller Kinder sind sprachlich auffällig, verarmt“, sagt die Lehrerin. Immer noch hapere es an Angeboten zur sprachlichen Frühförderung. Hören und Hörverstehen seien die zentralen Voraussetzungen für das Sprechenlernen, danach für das Lesen und Schreiben und später für das Erlernen von Fremdsprachen, betont Harre. Gezieltes und genaues Hören seien außerdem wesentliche Grundlagen für eine erfolgreiche Rechtschreibung. Der Zugang zu Büchern spiele eine Rolle, das elterliche Vorbild, vor allem aber das regelmäßige Vorlesen. Wer gut lesen will, muss erst einmal gut hören – und das tun die Schüler auch während der Vorbereitungen für den Hörspiel-Krimi: Sie üben genaues Hören, exaktes Sprechen und den rhythmischen Umgang mit Sprache. Nebenbei erweitern sie dabei ihren Wortschatz.

Mucksmäuschenstill zu sein, zuzuhören, wenn der Mitschüler dran ist – auch das will gelernt sein. Dass sich das Hörspiel hören lassen kann, davon ist Komarek überzeugt – schon bevor Oberinspektor Luzie Schneyder ins Mikrofon spricht und den Fall für gelöst erklärt. Als alle Texte „im Kasten sind“, wird wieder in die Hände geklatscht und gejubelt. Diesmal tun es die Kinder allerdings nicht, um Körper und Stimmapparat fit zu machen, sondern aus purer Freude an der eigenen Leistung. Jeweils eine der drei 20-minütigen Krimihörspiel-Versionen sendet Radio Aktiv an den beiden Weihnachtsfeiertagen sowie zu Silvester.



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