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Zusammenhang zwischen Suchtrisiko und Einwanderungshintergrund / Gremium will aufklären

Migranten häufiger spielsüchtig

HAMELN-PYRMONT. Zu den meisten Schulkameraden hat der heute 39-jährige Deutsch-Türke Okan (Name geändert) aus Hameln keinen Kontakt mehr. Trotzdem sucht er eines Tages einen von ihnen unvermittelt auf, bittet ihn leihweise um 100 Euro. Er brauche das Geld dringend, für eine „Behördenangelegenheit“. Doch der Klassenkamerad gibt ihm das Geld nicht. Er weiß, Okan ist glücksspielsüchtig. Unter Migranten stellt Glücksspielsucht offenbar ein besonderes Problem dar. Deshalb will sich der Migrationsrat des Landkreises Hameln-Pyrmont dieser Problematik annehmen.

veröffentlicht am 02.05.2018 um 16:40 Uhr
aktualisiert am 02.05.2018 um 18:30 Uhr

Sportwetten nehmen zu, wie an der zunehmenden Verbreitung von Sportwettbüros, wie hier an der Bahnhofstraße, deutlich wird. Foto: dana
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Für Ahmet Özcan, dem Vorsitzenden des Migrationsrats, ist es offenbar eine Herzensangelegenheit.

Özcan hatte das Thema in der jüngsten Sitzung des Kreisgremiums auf die Tagesordnung gesetzt. Zu ersten Austauschtreffen war es im Vorfeld bereits gekommen. Teilnehmer waren neben Özcan als Vertreter des Migrationsrats unter anderem auch Vertreter der Polizeiinspektion Hameln-Pyrmont/Holzminden, des Hamelner Präventionsrates, der Sucht- und Drogenberatungsstelle des Kirchenkreises Hameln-Pyrmont und die Integrationsmanagerin Suna Baris.

„Unter vielen Migranten gibt es einen Hang zur Glücksspielsucht“, führte Ahmet Özcan nun im Migrationsrat aus. Besonders betroffen seien Jugendliche. Den Eindruck, dass zwischen Spielsucht und Migrationshintergrund ein Zusammenhang besteht, habe er nicht zuletzt in Anbetracht von Spielhallen und immer mehr Wettbüros bekommen, die auffällig stark von Migranten besucht würden.

Ahmet Özcan Foto: Landkreis/pr

Zugenommen hätten insbesondere Sportwetten, bei denen – etwa bei Fußballspielen – „live vor jedem Einwurf oder Freistoß Wetten abgeschlossen werden können“, sagte er. „Das macht es besonders gefährlich.“ Der notorische Geldmangel, der mit Glücksspielsucht einhergehe, führe zudem zu Beschaffungskriminalität.

Marlis Meyerhoff von der Sucht- und Drogenberatungsstelle des Kirchenkreises Hameln-Pyrmont bestätigt unter Verweis auf die Niedersächsische Landesstelle für Suchtfragen, dass es zwischen Glücksspielsucht und Migrationshintergrund „einen klaren Zusammenhang“ gebe. Sie verweist auf einen Bericht der schweizerischen Fachzeitschrift „SuchtMagazin“. In dem Artikel heißt es: „vier von zehn aller in Deutschland problematisch beziehungsweise pathologisch spielenden Personen haben einen Migrationshintergrund, die Hälfte von ihnen ist türkeistämmig“.

Die Gründe dafür sind vielschichtig. Unterdurchschnittliche Schulbildung, kein Berufsabschluss, unzureichende Deutschkenntnisse, das Bedürfnis nach Spannung und Erregung, das Spielen als Ablenkung von Sorgen, psychische Probleme – von der Depression bis zum (bei Flüchtlingen) im Krieg erlittenen Trauma – oder auch der Wunsch nach Geselligkeit. Für türkischstämmige Spieler etwa dienten Wettbüros häufig als Orte der Kommunikation, über die manche sogar erst ans Glücksspiel herangeführt würden, sagt Meyerhoff.

Die Betroffenen mit Migrationshintergrund, welche die Sucht- und Drogenberatungsstelle am Münsterkirchhof 10 aufsuchen, hätten Wurzeln in ehemaligen Sowjetstaaten, der Türkei oder kämen aus dem Asylbewerberbereich. Zwar sei Glücksspielsucht weder ein Problem, das auf Migranten, noch auf Hameln beschränkt sei. Allerdings hätten Spieler in Hameln im Vergleich zum übrigen Niedersachsen verhältnismäßig viele Anlaufstellen. „Während in Bad Zwischenahn auf einen Glücksspielautomaten 1045 Menschen kommen, sind es in Hameln 176“, schildert Meyerhoff. „In Hameln müssen die Spieler also deutlich weniger lange ,in der Schlange‘ stehen.“ In Meppen kämen sogar nur 159 Menschen auf ein Gerät. In Hannover seien es 343.

Wie Özcan sieht auch Meyerhoff besonders in den Sportwetten ein Problem, das immer mehr zunehme. Zum einen habe sich dadurch das Glücksspielangebot erhöht, zum anderen könne dabei auf nahezu alles gewettet werden, „sogar darauf, ob der Schiri seine Karten in der linken oder rechten Tasche trägt“, beschreibt Meyerhoff die Problematik. Besonders jüngere Menschen würden auf Sportwettbüros anspringen, zumal diese Orte von ihnen auch als Treffpunkte genutzt würden. Dessen ungeachtet habe auch die Lotterie ihre Sequenzen erhöht, wodurch öfter gespielt werden könne. Mehr Spielgelegenheiten bedeuten für Süchtige eine größere Gefahr.

Der Migrationsrat möchte daher unter Migranten über die Risiken des Glücksspiels und Hilfsangebote aufklären, zum Beispiel in Form von Infoveranstaltungen oder Vorträgen. Außerdem solle an den Austauschtreffen festgehalten werden.

Hinweis: Die Sprechstunde der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention findet donnerstags von 16 Uhr bis 17.30 Uhr im Haus der Diakonie am Münsterkirchhof 10 statt.



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