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Insbesondere die Anzahl von Frauen ohne Dach über dem Kopf steigt

Mehr Obdachlose in Hameln

HAMELN. Soziale Einrichtungen schlagen Alarm: Immer mehr Menschen in Hameln sind wohnungs- oder obdachlos. Besonders die Anzahl von Frauen, die kein Dach mehr über dem Kopf haben, in behelfsmäßigen Unterkünften untergebracht sind oder akut von Wohnungslosigkeit bedroht sind, sei angestiegen, teilen das Senior Schläger Haus und Reinhold Marx von der Caritas-Geschäftsstelle Hameln mit.

veröffentlicht am 18.12.2017 um 16:51 Uhr
aktualisiert am 19.12.2017 um 10:16 Uhr

Die Zahl der Obdachlosen in Hameln ist gestiegen. Foto: Dana
Jens Spickermann

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Jens Spickermann Volontär zur Autorenseite

Noch immer seien allerdings deutlich mehr Männer als Frauen obdachlos. Der Anteil der Männer unter den Obdachlosen in Hameln liege bei zwei Dritteln, sagt Luise Beel-Zimmer von der Ambulanten Wohnungslosenhilfe des Senior Schläger Hauses.

Konkrete Zahlen zum Ausmaß der Obdachlosigkeit in Hameln zu bekommen, gestaltet sich schwierig, denn es gibt keine amtlichen statistischen Erhebungen. Bekannt ist jedoch, wie die verschiedenen Hilfsangebote angenommern werden: In den Obdachlosen-Tagestreff des Senior Schläger Hauses kämen im Winter durchschnittlich 34 Personen täglich, teilt die Einrichtung mit. In der Obdachlosenunterkunft in Tündern seien zurzeit neun Personen untergebracht, sagt Thomas Wahmes, Pressesprecher der Stadt. Die Zahl der Obdachlosen, die sich in Hameln aufhalten, aber nicht in Tündern untergebracht sind, dürfte jedoch weit höher liegen: „Wir schätzen, dass das 50 bis 60 Personen sind“, sagt Wahmes. Er gehe aber davon aus, dass die Gesamtanzahl konstant sei. Doch auch er bestätigt: „Die Zahl der obdachlosen Frauen ist größer geworden.“ Die Menge der Menschen, die etwa durch Mietschulden und Räumungsklagen von Obdachlosigkeit akut bedroht sind, dürfte noch um ein Vielfaches so hoch sein: 240 Personen besuchten 2017 die Beratungsstelle der Ambulanten Wohnungslosenhilfe im Senior Schläger Haus. „Es nimmt auf jeden Fall zu“, sagt Beel-Zimmer. „Und es geht wirklich durch alle Schichten.“ „Die Obdachlosigkeit ist deutlich größer geworden“, bestätigt auch Marx. „Sie würden sich wundern, was für Biografien die Leute zum Teil haben.“ Unter den Obdachlosen seien zum Teil hochintelligente Leute, die irgendeine Art von Schicksalsschlag erlitten hätten. „Ich werde da selber etwas demütig.“

Es gibt kaum noch sozialen Wohnungsbau.

Michaela Altheide, Ambulante Wohnungslosenhilfe

Was das wirkliche Ausmaß der Obdachlosigkeit angeht, können die Stadt Hameln und das Jobcenter keine offiziellen Zahlen nennen. Wie viele Leute in Hameln ohne festen Wohnsitz gemeldet sind? Das könne das Meldeamt nicht aus den eigenen Daten herausfiltern, sagt Wahmes. Wie viele Obdachlose sich täglich beim Jobcenter ihr Tagesgeld von 13,63 Euro abholen? Dazu kann das Jobcenter keine Angabe machen, obwohl jeder Berechtigte eine spezielle Auszahlungskarte erhält. „Es gibt keine statistischen Erhebungen. Aufgrund der geringen Anzahl der Vorsprachen ist es wegen des Schutzes von Sozialdaten nicht möglich, Angaben zu machen“, teilt das Jobcenter mit. Lediglich die Anzahl der Übernachtungen in der Obdachlosenunterkunft in Tündern und der Übernachtungsstelle des Senior Schläger Hauses hat die Kreisverwaltung in Erfahrung gebracht: „Im Jahr 2014 lag die Zahl der Übernachtungen bei insgesamt 603, im Jahr 2015 bei insgesamt 611, im Jahr 2016 bei insgesamt 686 und im Jahr 2017 bis einschließlich November bei 635“, teilt Sandra Lummitsch, Pressesprecherin des Kreises, mit. Es ist also auch hier ein stetiger Anstieg zu beobachten, wenn berücksichtigt wird, dass die Übernachtungen vom laufenden Monat noch nicht berücksichtigt werden konnten.

Das wird ein richtig fettes gesellschaftliches Thema.

Luise Beel-Zimmer, Ambulante Wohnungslosenhilfe

Doch was sind die Gründe, die zu einem zunehmenden Ausmaß von Wohnungslosigkeit in Hameln führen? Sowohl Marx von der Caritas als auch Michaela Altheide von der Ambulanten Wohnungslosenhilfe führen die Entwicklung auf einen immer angespannteren Wohnungsmarkt zurück. „Es gibt kaum noch sozialen Wohnungsbau“, sagt Altheide.“ „Das wird ein richtig fettes gesellschaftliches Thema“, so Beel-Zimmer. Insbesondere die absehbar zunehmende Altersarmut werde das Problem noch verschärfen. Durch den Mangel an kleinen, bezahlbaren Wohnungen sei es seit etwa fünf Jahren dazu gekommen, dass insbesondere die Wohnungsgesellschaften in Hameln nur noch Bewerber ohne Schufa-Eintrag akzeptieren würden. „Die Toleranz hat da in den letzten fünf Jahren abgenommen“, sagt Beel-Zimmer. In der Folge werde es immer schwieriger, für Wohnungslose wieder eine Unterkunft zu finden, denn viele hätten ihre alte Bleibe durch Mietschulden verloren und einen dementsprechenden Eintrag bei der Schufa.

Früher habe sie Ambulante Wohnungslosenhilfe noch auf einen gewissen Pool von Wohnungen zurückgreifen und an Obdachlose vermitteln können. Mittlerweile gebe es kaum noch entsprechende Kontakte, sagt Altheide. Da die Anzahl von Sozialwohnungen in Hameln abnimmt, wird sich die Lage wohl eher verschlechtern als verbessern: Im Jahr 2016 gab es in Hameln etwa 850 Sozialwohnungen, bis 2026 wird sich die Anzahl einer Prognose der Stadt zufolge auf etwa 480 verringern. Auch die Mietpreise (insbesondere für kleine Wohnungen) haben sich in den letzten Jahren erhöht, obwohl sie im bundesweiten Vergleich noch eher moderat sind.

Warum gerade die Anzahl odachloser Frauen besonders stark ansteigt, dafür gibt es keine sicheren Erklärungen. Marx vermutet jedoch, dass Frauen früher durch die traditionelle Rollenaufteilung einen besseren Überblick als Männer über das Haushaltsgeld und gute Fähigkeiten beim Wirtschaften hatten. Durch die Auflösung der traditionellen Rollenverteilung würden auch mehr Frauen den finanziellen Überblick verlieren.



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