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Schriftsteller liest skurrile Geschichten in der Sumpfblume

Max Goldt: „Der Kiff killt den Keif“

HAMELN. Über eine Lesung von Max Goldt zu schreiben, ist ein undankbares Unterfangen, weil man Goldt selbst lesen oder ihm beim Vortrag zuhören muss: gedrechselte Satzkonstruktionen, eine in ihrer Fantasie und Vielfalt fast archaisch wirkende Wortkunst, sich im Nirwana der Ausschweifung zu verlieren scheinende Geschichten, die doch immer ihren Weg finden, dem Leben abgelauschte Skurrilitäten und Goldts Rollenprosa, wenn er seine Figuren individuell intoniert, ohne ins Alberne abzugleiten.

veröffentlicht am 17.03.2019 um 15:32 Uhr

Schriftsteller Goldt spekuliert über die Möglichkeit, erfundene Redewendungen im allgemeinen Sprachgebrauch zu etablieren. Foto: jed
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Autor

Martin Jedicke Reporter
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Der 60-Jährige beginnt mit einer ausufernden Geschichte über eine Abendunterhaltung in einem „gastlich gepflegten Wohnbereich“, die sich um kleine Pfeffermühlen als Understatement und Herrenunterhosen dreht. Auf die Leibwäsche kommt Goldt später in einer seiner Zwischenmoderation zurück, wenn er über sommerliches Dichten im Slip nachdenkt und überlegt, ob Paul Celan die „Todesfuge“ so leicht bekleidet verfasst haben könnte.

Goldt erzählt von einem „schlimmen Videoschleimmädchen“, das für ein YouTube-Video Schleim selbst herstellen möchte und von ihrem „Dad“ damit konfrontiert wird, dass die dafür benötigte Kontaktlinsenflüssigkeit aufgrund der hohen Nachfrage für Schleimvideos in Dritte-Welt-Ländern so rar sei, dass bereits erste seheingeschränkte Menschen totgefahren worden seien.

Die Sottise „Heiteres Berufeabraten“ parodiert selbstprahlerisches Patientenauftreten als abschreckende DVD-Vorführung für angehende Ärztinnen bei der Berufsberatung.

„Deutsche im Hotel“ collagiert touristische Internet-Kommentare wie ein empörtes „Das Frühstücksbuffet wirkte hingerotzt“ oder ein begeistertes „Ich hatte noch nie so viele Kleiderbügel“.

Banalitäten des Alltages und der sorglose Umgang mit Sprache durchziehen Goldts Schaffen. Oft in den Nachrichten gehört: „Je länger die Suche dauert, desto geringer ist die Chance, noch Überlebende zu finden“ oder „Die Dunkelziffer dürfte wohl höher liegen“. „Ach was!“, würde der von Goldt geschätzte Loriot ausrufen. Die kollektive, aber oft undifferenzierte Lobhudelei nach Viktor von Bülows Ableben reizen Goldt, über eine mögliche Demontage zu schwadronieren. Aber selbst „die größte Pornosammlung“, „Missbrauch“, „Besuch von Swingerclubs“ oder „Stasivergangenheit“ schockierten niemanden mehr. Vielleicht könne man Loriot eine heimliche Beziehung zu Christiane Hörbinger andichten. Schließlich bleibt als einziger Fauxpas in der blütenweißen Vita, dass Loriot einmal einen der von Goldt ungeliebten Berliner Buddy-Bären signiert habe, die nur deshalb nicht beschädigt würden, weil die Bären dem Kunstverständnis potenzieller Vandalen entsprächen.

Das Stück „Der Hugo“ spekuliert über die Möglichkeit, erfundene Redewendungen im allgemeinen Sprachgebrauch zu etablieren. Bei Sonnenhitze habe sich im Freundeskreis bereits durchgesetzt: „Der Hugo da oben, der semmelt aber wieder ganz schön runter“. Und als Patentrezept zum Herunterkühlen erregter Menschen mittels eines Rauschmittels wird „Der Kiff killt den Keif“ vorgeschlagen. Nun bedürfe es nur noch eines befreundeten Drehbuchautors, der die Redewendung in einen Kultfilm hineinschmuggelt.

Nach zwei kurzen Zugaben lädt Goldt zum Signieren am Bücherstand im Foyer ein, auf den er vorher lobend hinweist, und gibt zu bedenken, dass man den unausstehlichen Nachbarn einmal einladen müsse, wenn dieser immer die Amazon-Pakete entgegennähme. Ein Hoch auf den heimischen Buchhandel.



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