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Markttreiben rund um St. Bonifatius

Die Ausstattung einer kirchlichen Institution mit Ländereien war eine wichtige Voraussetzung für deren dauerhaften Bestand. Zudem zog das Hamelner Stift aber auch Händler und Handwerker an, die für die Stiftsherren arbeiteten oder Waren herbeischafften, die nicht im stiftischen Eigenbetrieb erwirtschaftet werden konnten, wie Wein, Gewürze oder Metalle, die aber auch für den Absatz der landwirtschaftlichen Überproduktion sorgten. Dies war der Anfang des Marktes und der späteren Stadt Hameln.

veröffentlicht am 11.04.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 15:41 Uhr

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Autor:

Dr. Thomas Küntzel
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Lange Zeit waren die Anfänge der Stadt Hameln völlig unklar. Archäologische Untersuchungen, etwa von Hans-Wilhelm Heine, Wolf-Rüdiger Teegen, Professor Hans-Georg Stephan oder Joachim Schween haben mittlerweile etwas Licht in das Dunkel gebracht. Vor allem die Untersuchungen auf dem Gelände der heutigen Stadt-Galerie und im Zuge der Erneuerung der Fußgängerzone erbrachten neue Erkenntnisse. Sensationell war der Fund eines Straßen- oder Marktplatzpflasters am Pferdemarkt, auf welchem eine Emailscheibenfibel des 9./10. Jahrhunderts lag. Dagegen ließen sich dort keine Grubenhäuser nachweisen, was dafür spricht, dass der Platz schon mehr als ein Jahrtausend als solcher in Benutzung ist.

Für die frühe Bedeutung Hamelns als Handelsort spricht auch der Fund einer sogenannten Reliefbandamphore, die 2006 bei Ausgrabungen zum Vorschein kam. Diese Gefäße wurden während des frühen Mittelalters im Rheinland für den Transport von Wein hergestellt. Das Fragment belegt, dass Schiffe von dort die Weser aufwärts bis Hameln kamen.

Doch welche Handelsgüter hatte Hameln im Gegenzug zu bieten? Hier sind insbesondere die Mühlsteine zu erwähnen. Nicht zufällig führt die Stadt einen Mühlstein im Wappen. Im Mittelalter ist für den Ort auch der Name „Quernhameln“ bezeugt, der anscheinend in besonderem Maße den Marktort im Gegensatz zum „Dorf“ meinte: „Querne“ ist ein altes Wort für „Mühle“ (besonders für die Handmühle). Die Mühlen am Hamelbach selbst können nicht Anlass zu dieser Namengebung gewesen sein, wie Ilka Göbel 1993 aufzeigte. Es gab in Hameln nicht mehr Mühlen als in anderen, vergleichbaren Orten. Dafür bargen aber die umliegenden Berge einen besonderen Rohstoff: Sandstein, der zu den begehrten Mühlsteinen verarbeitet wurde. Zwar dürften die Hamelner Mühlsteine nicht so weit verhandelt worden sein wie die Basaltmühlsteine aus der Eifel, die schon in vorchristlicher Zeit ein weit verbreiteter „Exportschlager“ waren, aber wer weiß? Bisher gibt es keine Untersuchungen zu dieser Frage. Die Bedeutung der aufstrebenden Marktsiedlung lässt die Lebensgeschichte des Heiligen Vizelin erahnen. Von ihm wird berichtet, dass er um 1100 im „vicus publicus“ Quernhameln aufwuchs und wohl die Stiftsschule besuchte. Nach dem frühen Verlust seiner Eltern und seines Hauses wurde er auf der Burg Everstein aufgenommen.

Der mittelalterliche lateinische Begriff „vicus publicus“ ist schwer zu übersetzen, bedeutet aber wohl soviel wie „öffentlicher, königlich privilegierter Marktort“. Demnach war Hameln schon lange vor der Herausbildung der spätmittelalterlichen Stadtverfassung ein wichtiger Handelsplatz. Stadtrecht und Ratsgremien sowie Zünfte erhielten erst im späten zwölften beziehungsweise im 13. Jahrhundert ihre endgültige Ausprägung. Stadtgründungen wurden damals zu einem wichtigen Faktor der Territorialpolitik weltlicher Fürsten. Im zehnten bis ins frühe zwölfte Jahrhundert oblag dagegen vielfach geistlichen Institutionen die Organisation des Marktbetriebs, wozu das Prägen von Münzen, die Einnahme des Marktzolls, aber auch die Aufsicht über die Marktgerichtsbarkeit gehörte. Dabei dürften die Hamelner Stiftsherren wohl durch den Stiftsvogt vertreten worden sein. Wahrscheinlich übten im zwölften Jahrhundert bereits die Grafen von Everstein dieses Amt aus.

Die Marktsiedlung erhielt im zwölften Jahrhundert allmählich auch ein neues Gesicht: Es entstand eine Marktkirche, und erste Steinhäuser wurden gebaut. Deren Fundamente kamen auf dem Stadt-Galerie-Gelände zum Vorschein. Es handelte sich um Speicherhäuser auf den Hinterhöfen, die das feuersichere Lagern von Handelsgütern und Vorräten gestatteten. Die Analyse des Stadtplanes lässt vermuten, dass die Grundstücke vor allem an der Osterstraße zunächst sehr weitläufig waren, mit einer Breite von bis zu 45 Metern und Tiefen von 70 bis 90 Metern. Die Parzellen rings um den Markt dürften bescheidener zugeschnitten gewesen sein.

Die Marktkirche war zunächst ein einfacher Saalbau, der wohl in der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts zu einer dreischiffigen Basilika ausgebaut wurde. Die Querhauswände sind bis heute in der gotischen Kirche erhalten geblieben. Eine Befestigung gab es anfangs nicht, sondern die Siedlung wuchs „frei“ in die Landschaft hinein. Unregelmäßige Trampelpfade, aus denen sich später unter anderem die Bungelosenstraße entwickelte, führten im Osten um die Siedlung herum.

Nicht nur der Handel erlebte einen großen Aufschwung, sondern offenbar auch das Stift selbst. Die Stiftskirche wurde zu einer ständigen Baustelle. Wolfgang Erdmann, der sich intensiv mit der Baugeschichte des Münsters befasste, deutete die noch erkennbaren Spuren davon aber nicht ganz richtig, denn er ging von einer einzigen, großen Umbauphase im zwölften Jahrhundert aus. Tatsächlich sind zwei, sich einander ablösende Baukonzepte zu identifizieren. Zunächst, in der ersten Hälfte beziehungsweise dem mittleren Drittel des zwölften Jahrhunderts, verlängerte man die alte, niedrige Krypta nach Westen, vielleicht, damit die Chorherren mehr Platz für den Gottesdienst erhielten. Der Löwe, dessen Torso im nördlichen Vierungspfeiler zu sehen ist, dürfte damals in einem Chorpfeiler verbaut gewesen sein, wie man es zum Beispiel noch in der Klosterkirche Nikolausberg bei Göttingen sehen kann: Dort „bewacht“ ein menschenverschlingender Löwe den Zugang zum Sanktuarium. Im Dom zu Königslutter befinden sich an der nördlichen Eingangspforte zwei Löwen, die einen Menschen und ein Tier als Beute in ihren Pranken halten. Sie sind als Symbole für die Gefahren zu deuten, die den Menschen in der Welt drohen. Auch einen neuen Westturm baute man damals.

Um die Mitte des zwölften Jahrhunderts begannen die Stiftsherren dann, eine ganz neue, viel größere Stiftskirche zu bauen. Die Krypta sollte doppelt so hoch werden wie die alte, frühromanische Krypta. Dementsprechend weit ragte der Chor darüber auf. Die Ornamente an den Vierungspfeilern lassen vermuten, dass der Neubau sich an die welfischen Stifts- und Stadtkirchen anlehnte, wie sie etwa in Braunschweig zu sehen sind. Heinrich der Löwe war demnach ein wichtiger Förderer, wenn nicht gar Initiator des Neubaus. Als Urahn der einstigen Stiftsgründer lag ihm das Stift an der Weser sicher am Herzen. Es wurden aber nur drei Joche der neuen Krypta gebaut, dann ging den Stiftsherren „die Puste aus“. Die alte Vorkrypta aus der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts blieb daher erhalten. Man hatte jedoch schon die angrenzenden Pfeiler der Vierung errichtet und die Basen der Ecksäulen auf den geplanten Fußboden über der Krypta abgestimmt. Da die Krypta unvollendet blieb, liegt sie nunmehr in drei Meter Höhe. Der Löwentorso im westlichen Vierungspfeiler wäre nach dem ursprünglichen Bauplan unter dem Fußboden der Vierung verdeckt geblieben. Möglicherweise sollte die Krypta bis in die Querhäuser hineinreichen, wie beim Kaiserdom zu Speyer. War sie gar als offenkundige Kopie von dessen Krypta und somit als bewusste, imperiale Geste gedacht, als Ausdruck der – immer wieder diskutierten – Thronambitionen des großen Welfen?

Leider ist die Ursache für die Unterbrechung der Bauarbeiten unklar, da sich wegen des Brandes der Stiftsgebäude 1209 keine Urkunden aus dieser Zeit erhalten haben. Sollte die eben vorgestellte These stimmen, dann dürfte die politische Entwicklung gegen Ende des zwölften Jahrhunderts den Baufortschritt nachhaltig gelähmt haben.

1179/80 wurde Heinrich der Löwe von einem Fürstengericht verurteilt; er verlor seine ganzen Lehen und alle Herrschaftsfunktionen. Da er nicht klein beigeben wollte, kam es in Sachsen zu langwierigen Kämpfen, die sich nicht gerade positiv auf die Schicksale des Bonifatiusstifts ausgewirkt haben werden. Dennoch setzte man in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts den Münsterbau fort: Es entstanden die Elisabethkapelle und das Querhaus. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Brand verlängerte man den gotischen Chor dann erheblich nach Osten, sodass auch ohne die hohe Krypta genug Platz im Sanktuarium war. Allerdings fehlte den Vierungspfeilern ohne die ursprünglich geplante Vierungskrypta das Widerlager, und sie neigten sich allmählich zur Seite. Im 19. Jahrhundert musste man deshalb das nördliche Seitenschiff ganz abtragen und neu errichten.

„Zwölf Monate – zwölf Jahrhunderte“: Im März wurde in unserer Serie zum Münster-Jubiläum das Hamelner Stift als Grundherr vorgestellt. Nun, im Beitrag über das zwölfte Jahrhundert rückt ein anderer Aspekt in den Mittelpunkt: der Stiftsort als Handelsplatz – der Anfang der Stadt Hameln.

Eine „Hanseschale“ für die Reinigung der Hände am Tisch mit der Darstellung eines Engels.



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