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Heiligabend als „totales Highlight“

Marktkirchen-Pastor verabschiedet sich nach elf Jahren

HAMELN. Am Sonntag verabschiedet er sich mit einem besonderen Gottesdienst ab 10.30 Uhr in der Kirche St. Nicolai aus Hameln: Thomas Risel verlässt die Gemeinde der Marktkirche und geht zur Evangelisch-Lutherischen Kirche Zürich. Ein Blick zurück auf elf Jahre in Hameln.

veröffentlicht am 16.06.2017 um 18:46 Uhr
aktualisiert am 16.06.2017 um 20:00 Uhr

Tschüß! Am Sonntag verabschiedt sich Pastor Thomas Risel in der Marktkirche von seiner Gemeinde Foto: Dana
Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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Sein Arbeitsbeginn in Hameln fiel in eine turbulente Zeit: Drei Monate zuvor waren bei einem schweren Busunglück in Coppenbrügge zwei Kinder und ein Jugendlicher ums Leben gekommen. „Damit hatte ich persönlich und seelsorgerlich noch länger zu tun“, erinnert sich Thomas Risel an das Frühjahr 2006. Im Mai desselben Jahres wechselte er als Pastor von Coppenbrügge zur Marktkirchengemeinde nach Hameln, wo das Großprojekt „Haus der Kirche“ in vollem Gange war und die Erwartungen in der Gemeinde riesig gewesen seien, was „den neuen Pastor“ anbetraf. Viele hat er wohl erfüllt, manche nicht – auch seine eigenen nicht immer.

Elf Jahre in Zahlen lesen sich so: 50 Trauungen, 150 Taufen, 440 Beerdigungen/Trauerfeiern, 140 Kirchenvorstandssitzungen à drei Stunden, elf Heiligabende – bis auf die letzte, alles „Etwa“-Angaben. Vor allem die Größe der Gemeinde ist in Risels Augen eine Herausforderung für einen Pastor. 3200 Gemeindemitglieder sind es, für 2800 ist er zuständig. „Allein im Juni hätte ich 21 Geburtstagsbesuche“, erzählt er. Und fragt: „Wie soll ich das machen?“ Grundsätzlich ist in der Kirchenarbeit Unterstützung gefragt, doch derer gibt es in seinen Augen zunehmend weniger. „Es ist unglaublich schwierig geworden Leute mit einer gewissen Verbindlichkeit zu gewinnen, Verantwortung zu übernehmen“, bedauert Risel, der selbst an zig Projekten aktiv beteiligt war.

Das Haus der Kirche hat er zunächst als Projektsprecher begleitet, von der Planung bis heute, wo es mit Leben erfüllt ist. Die Netzwerkarbeit mit anderen Kulturschaffenden und an Kirche Interessierten waren und sind ihm wichtig, eine Herzensangelegenheit ist ihm aber vor allem das Senior-Schläger-Haus, genauer gesagt, die Menschen, denen sich das Leben weit weniger komfortabel präsentiert als anderen. Er wünscht sich für Hameln, dass „die Armut bei älteren Menschen schwindet, beziehungsweise überhaupt mehr gesehen wird, und dass es mehr Wohnungen für von Obdachlosigkeit bedrohte oder ärmere Menschen gibt“. Der Gegensatz ist groß: „Wir haben diese wunderbare Kirche mit Konzerten von Bach, Händel, Mozart – und daneben große, versteckte Armut in der Stadt“, kritisiert Risel.

Immer wieder große Konzerte in der Marktkirche: Risel neben dem ehemaligen Kreiskantor Christoph Becker-Foss. Foto: Dana
  • Immer wieder große Konzerte in der Marktkirche: Risel neben dem ehemaligen Kreiskantor Christoph Becker-Foss. Foto: Dana
Privat: Thomas Risel mit Hund 2008. Foto: pr
  • Privat: Thomas Risel mit Hund 2008. Foto: pr
Risel 2007 mit einem der beiden Engelleuchter (1536). wal
  • Risel 2007 mit einem der beiden Engelleuchter (1536). wal

Neben bedrückenden Themen und schwierigen Momenten – zum Beispiel die Radio- Andacht kurz nach der Ermordung des Landrats Rüdiger Butte – hat sich für Thomas Risel ein großer Fundus schöner Erinnerungen angehäuft. Da von einem „schönsten Erlebnis“ zu sprechen, scheint unmöglich, zu lang ist die Liste: 40 Jahre Partnerschaft St. Maur–Hameln und andere, Apotheker ohne Grenzen, 40 Jahre Kita St. Nicolai, Gottesdienst anlässlich 200 Jahre Gebrüder-Grimm-Sagen, der Kontakt zu den Briten, die gemeinsamen Gottesdienste mit den Briten, Radiogottesdienste. Und „jeder Heiligabend“. „Das war immer ein totales Highlight“, sagt Risel. Jeder Heiligabend, elf Jahre lang, 16.30 Uhr, oft noch abends, manchmal auch ein drittes Mal in der Nacht. Die „U-Boot-Christen“, wie sie in Kirchenkreisen gerne scherzhaft genannt werden, also jene, die nur an diesem Tag in der Kirche auftauchen, – mit ihnen hat Risel überhaupt kein Problem.

Und dann war da noch eine Predigt, die ihn nachhaltig beeindruckt hat. Kein Pastor, keine Pastorin, sondern eine Politikerin hatte von der Kanzel gesprochen: die Bundestagsabgeordnete Gabriele Lösekrug-Möller im Oktober 2011 zum achten Gebot Du sollst nicht falsch Zeugnis reden gegen deinen Nächsten. „Das war eine der besten Predigten, die ich hier je gehört habe“, sagt Risel anerkennend. Wie sieht es mit seinen eigenen Predigten aus – gab es da auch mal schlechte?

„Oh! Viele!“, antwortet er spontan. Jene, „die ich beim Lesen selbst nicht mehr verstanden habe“. Und die dann bei den Zuhörern in den Bänken gleichfalls unverständige Gesichter hervorgerufen haben. Zeitmangel mag eine Ursache dafür sein, wenn eine Predigt schlecht ausfällt. Erst kürzlich hat er noch ein Predigt-Coaching absolviert, erzählt er, bei dem er viel gelernt habe.

Ob oder wie das Coaching wirkt, können am Sonntag noch einmal die Hamelner in der Marktkirche erleben und danach die Mitglieder der Evangelisch-Lutherischen Kirche Zürich. Dort tritt er zum Juli seine neue Stelle an, mit allen Zweifeln und Unsicherheiten, die mit großen Wechseln einhergehen. Und Zweifel – die haben auch im Leben eines Pastors Raum. „Wenn Menschen keine Perspektive mehr sehen, gerade jüngere – da hadere ich total“, sagt Risel. Das Schicksal des 96-Spielers Robert Enke, der Suizid begangen hat, habe ihn damals zum Beispiel sehr mitgenommen. In einigen Situationen gewönne auch er gerne die nachhaltige Erkenntnis: Es gibt einen größeren Sinn. Doch auch der Pastor Thomas Risel muss sich damit abfinden, dass es „auf manche Dinge keine Antwort gibt“.

Ein Wunsch für seine Heimatstadt, in der er 1962 im Kreiskrankenhaus bei Dr. Fischer („den kennen noch viele“), geboren wurde: „Dass mehr junge Menschen kommen und in ihre bleiben wegen attraktiver Bildungs- und Jobangebote.“ Er selbst – ist dann jetzt mal weg.

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