weather-image
17°

Die Klasse 2a der Wangelister Grundschule wird für vorbildliche Integration ausgezeichnet

Marie-Sophie: „Heute habe ich Freundinnen“

Konzentrierte Arbeit: Marie-Sophie schreibt mit den Füßen – für ihre Mitschüler ist das inzwischen ein gewohnter Anblick.

veröffentlicht am 17.03.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 12.11.2016 um 06:41 Uhr

270_008_4077413_hm408_1803.jpg
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Foto: Dana

Hameln (ni). Marie-Sophie ist anders. Sie hat auch im Winter keine Schuhe an, rutscht wieselflink auf Po und angewinkelten Beinen über den Fußboden der Klasse zu ihrem Platz und legt ganz selbstverständlich ihre Füße auf den Tisch. Marie-Sophie ist anders. Sie hat keine Hände, ihre Arme enden kurz unterhalb der Schulter, ihr linkes Bein reicht nur bis zur Wade des rechten. Weil Marie so geboren ist, kann sie bestimmte Dinge nicht allein tun. Und weil ihre Umwelt nicht gemacht ist für diesen Körper, braucht Marie-Sophie hin und wieder Unterstützung.

„Wir helfen Marie, wenn sie irgendwo nicht drankommt, und weil wir ihr helfen, kriegen wir einen Preis.“ So einfach ist das heute für die 17 Jungen und Mädchen, die gemeinsam mit Marie-Sophie die zweite Klasse der Wangelister Grundschule besuchen. So einfach war es nicht von Anfang an; nicht für Marie, nicht für die anderen Schüler der 2a und auch nicht für ihren Klassenlehrer Matthias Lauckner.

Alle erinnern sich an das erste Mal

Die Kinder sitzen im Erzählkreis zusammen, Marie mittendrin. Und alle erinnern sich noch gut, wie das damals war, als sie sich zum ersten Mal begegneten. „Ich hatte Angst vor Marie“ – keiner nimmt sich da aus. „Ich hatte Angst, dass Marie zickig ist, traurig oder vielleicht auch eifersüchtig, weil sie so viel nicht hat, was wir alle haben.“ Später erzählt Nicole Ditz, dass ihre Tochter die ersten zwei Wochen in der Schule furchtbar gelitten hat, dass sie nachts schreiend aufgewacht ist und sich mittags weinend in ihre Arme geflüchtet hat, „weil sie in den Pausen von allen Kindern angestarrt oder einfach angefasst wurde“.

3 Bilder
Marie-Sophie hat sich mit ihrer Behinderung arrangiert. Foto: Dana

Die ersten Tage waren für alle hart. Die Klassenkameraden hatten so ein Kind wie Marie noch nie gesehen. Und Marie, die vorher einen Integrationskindergarten besucht hatte, fühlte sich entsetzlich einsam: „Keiner wollte neben mir sitzen, und ich hatte keinen in der Klasse, den ich schon kannte.“

Und heute? Maries Gesicht hellt sich auf, sie strahlt: „Heute habe ich Freundinnen.“ Es war Lea, die damals den Bann gebrochen, die sich getraut hat, auf Marie zuzugehen, „weil ich dachte, sie ist so alleine, ich freunde mich mal mit ihr an“. Und seit diesem Tag „haben wir uns nicht ein einziges Mal gestritten“. Und allmählich wurde es auch für die anderen Kinder „ganz normal“, dass Marie zwar anders, aber eben auch „sehr, sehr nett“ ist. Dass sie gelegentlich Hilfe braucht, spielt gar nicht mehr die große Rolle, denn „Marie kann ganz viel, was wir überhaupt nicht können“. Sie kann mit dem Fuß ihre Federmappe aus der Tasche holen, den Reißverschluss öffnen, sich einen dünnen Stift zwischen die Zehen klemmen und fein säuberlich ihre Hausaufgaben ins Heft schreiben.

Prothesen mag sie nicht so gerne

„In der ersten Klasse haben wir auch mal versucht, mit dem Fuß zu malen, aber das ist gar nichts geworden“, erinnert sich Jan. Marie kann Suppe essen, mit dem Löffel zwischen den Zehen und ohne zu kleckern. Sie kann schwimmen, sie kann reiten. Und sie spürt, schneller und sensibler als alle anderen, „wenn es einem mal nicht so gut geht“.

Auch dass Marie zwei Armprothesen hat, wissen die Kinder, und „dass sie die nicht gerne mag“. Weil die so schwer sind, erklärt Marie, und weil sie mit ihren Füßen besser zurechtkommt als mit den künstlichen Händen.

Marie und die 2a – sie sind zusammengewachsen. „Es war hammerhart für Marie, sie hat nichts geschenkt gekriegt“, sagt Nicole Ditz. Ohne einen Lehrer, der sich dieser Aufgabe stellte, ohne die Erzieherin Yvonne Neumann, die Marie täglich in die Schule begleitet, und ohne ihre Eltern, die sie immer wieder trösteten und ermutigten, hätte die inzwischen Neunjährige die schwere Zeit vielleicht nicht durchgehalten.

Nicole und Sebastian Ditz haben „lange gegrübelt, welche Schule für Marie-Sophie die richtige ist“. Sie entschieden sich gegen eine Einrichtung für körperbehinderte Kinder und für die Grundschule vor ihrer Haustür. Trotz ihres gravierenden Handicaps sollte Marie so normal wie möglich aufwachsen, sollte Freundschaften schließen, ihre Nachmittage mit Klassenkameraden verbringen können und sich in einer Umgebung behaupten lernen, die nicht speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist. „Später, sagt Sebastian Ditz, „muss sie in dieser Welt ja auch zurechtkommen.“

Dass mit Yvonne Neumann eine ausgebildete Erzieherin an Maries Seite ist, die engen Kontakt zur Schule für körperbehinderte Kinder und Jugendliche hält, mussten sich die Eltern erkämpfen. Der Landkreis wollte dem Mädchen zunächst nur einen Zivildienstleistenden zugestehen. Und nur weil Yvonne Neumann sich bereit erklärte, „für Zivilohn plus einen geringen Aufschlag“ zu arbeiten, ließ das Sozialamt sich auf die Einstellung ein. Zu jedem neuen Schuljahr müssen die Eltern die Erneuerung des auf ein Jahr befristeten Vertrages beantragen.

Integration – einfach praktiziert

Mit dem Begriff „Integration“ kann Marie genauso wenig anfangen wie ihre Mitschüler – aber sie praktizieren sie. „Seit ich Freunde habe, gehe ich gern in die Schule“, strahlt Marie über das ganze Gesicht. Und freut sich mit ihren Klassenkameraden auf den Preis, mit dem das „Kuratorium zur Förderung der Integration von Menschen mit Behinderungen im Landkreis Hameln-Pyrmont“ ihre 2a am Mittwochnachmittag auszeichnet: dafür, dass sie alle zusammen zu einer Klassengemeinschaft geworden sind, in der Marie-Sophie einen ganz festen Platz hat.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?