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„Ich muss mich nicht schämen“

Marcia Jordan und ihr Kampf gegen den Krebs

HAMELN. Als Marcia Jordan vor zwei Jahren die Diagnose Brustkrebs bekam, musste sie sich erst mal einen Wein aufmachen. „Am Ende waren es drei Flaschen“, sagt sie. „Ich habe nur versucht, den Schmerz abzutöten an diesem Tag.“ Nach der Chemotherapie trug sie Glatze – und geht weiterhin ganz offen mit der Krankheit um.

veröffentlicht am 17.09.2018 um 13:20 Uhr
aktualisiert am 17.09.2018 um 15:30 Uhr

Dann eben Glatze: Nach der Chemotherapie fielen Marcia Jordan die Haare aus. Das war ihr egal. Foto: privat
Muschik, Moritz

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Die kupferfarbenen Pendellampen leuchten den Massivholztisch aus. Marcia Jordan, Dutt, goldene Kreolen, setzt Lotte, ihre Hündin, auf das kleine Kissen im Wohnzimmer. Ihre Freundin bringt ein Glas Weißwein. Die 33-Jährige lehnt sich zurück und beginnt, zu erzählen: von einer Zeit in ihrem Leben, die schwer war, sie zweifeln ließ – und schließlich noch stärker machte.

Warum ich? Das hat sich Marcia Jordan oft gefragt. Zum Beispiel, als sie mit Anfang 20 am Herzen operiert werden musste, weil sie nachts mit einem Puls von 180 im Bett lag und nicht schlafen konnte. Oder als ihr eine Türklinke unglücklich einen Cut im Gesicht und einen gebrochenen Kiefer zufügte. Oder als sie vor zwei Jahren die Diagnose bekam, die ihr Leben radikal verändern sollte: Brustkrebs. Warum ich?

„Meine Schwester hat damals zu mir gesagt: Becci, Jeder bekommt seinen Rucksack so voll gepackt, wie er auch tragen kann.“ Und „Becci“ – ihr zweiter Vorname ist Rebecca – kann viel tragen in ihrem symbolischen Rucksack. So viel, dass sie Glatze trägt, offen über den Brustkrebs spricht und jeden Morgen glücklich ist, obwohl sie Schmerzen von der Chemotherapie plagen. Die wohl schwerste Zeit ihres Lebens – erzählt in drei Kapiteln:

Gemeinsam durch die schwere Zeit: Ihr Freund Roland Schneider unterstützt sie. Foto: mo
  • Gemeinsam durch die schwere Zeit: Ihr Freund Roland Schneider unterstützt sie. Foto: mo
„Ich muss mich nicht schämen“: Marcia Jordan kämpft für mehr Transparenz. Foto: mo
  • „Ich muss mich nicht schämen“: Marcia Jordan kämpft für mehr Transparenz. Foto: mo
Selfie! Die Hamelnerin unternahm in der schweren Zeit viel mit Freundinnen, um nicht zu viel Zeit zum Grübeln zu haben. Foto: privat
  • Selfie! Die Hamelnerin unternahm in der schweren Zeit viel mit Freundinnen, um nicht zu viel Zeit zum Grübeln zu haben. Foto: privat

Plötzlich krebskrank

Marcia Jordan hat viel vergessen durch die Chemotherapie. Aber an manche Details kann sie sich erinnern – auch an diesen Novembertag vor zwei Jahren. Sie hatte sich einen Rückenwirbel ausgerenkt und es schmerzte, als sie sich über die Brust strich. Sie ging zum Arzt. Ihr Freund Roland Schneider, Inhaber vom Fitnessstudio Lifesports, hatte sie dazu gedrängt.

Als sie nach dem Ultraschall in das Gesicht des Arztes sah, wusste sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Ein MRT und eine Gewebeprobe brachten traurige Gewissheit: Brustkrebs. „Ich hatte gerade Einstand in einer neuen Abteilung vom BHW“, sagt sie. „Als ich vom Frühstück an den Schreibtisch kam, klingelte mein Handy.“ Der Frauenarzt war dran. Sie sollte schnellstmöglich in die Praxis kommen.

Ich habe nur versucht, den Schmerz abzutöten an diesem Tag.

Marcia Jordan nach der Diagnose

„Als die Diagnose ausgesprochen wurde, habe ich nur noch geweint.“ Ihr Partner, der mit ihr durch die schwere Zeit ging, regelte alles Weitere mit dem Arzt. „Danach sind wir nach Hause, ich habe mir eine Flasche Wein aufgemacht. Am Ende waren es drei Flaschen“, erzählt sie. „Ich habe nur versucht, den Schmerz abzutöten an diesem Tag.“

Dann eben Glatze

Kurze Zeit später wurde sie operiert. Weil der Tumor sehr aggressiv war, musste sie in die Chemotherapie. „Ich bin dann zum Friseur, habe 60 Zentimeter Zopf abgeschnitten und gespendet für Kinderperücken“, sagt sie. Schließlich verlor sie die ersten Haare. Aus Solidarität rasierten sich ihr Freund, ihre Geschwister und das Team im Fitnessstudio eine Glatze.

„Es gab Tage, an denen habe ich vier Stunden gebraucht, um aus dem Bett zu kommen“, sagt sie. „Ich bin auf allen vieren ins Badezimmer und habe meine Tabletten genommen.“ Weil ihr Immunsystem durch die Behandlung stark angegriffen war, durfte sie Freunde und Verwandte für eine gewisse Zeit nicht umarmen. „Das war das Schwerste“, sagt sie. Verstecken wollte sie sich trotzdem nicht.

„Es gab auch Zeiten, an denen ich gedacht habe: Ich kann nicht mehr“, erzählt sie. Trotzdem gab Marcia Jordan nie auf. Freunde, Verwandte und ihr Partner stärkten ihr den Rücken. Sie trainierte weiter im Fitnessstudio, gab Kurse, soweit es möglich war – auch mit Glatze. Und sie ging ganz offen mit ihrer Erkrankung um, ließ Tausende Menschen über Instagram an ihrem Leben mit dem Krebs teilhaben. „Viele Frauen haben sich mit Fragen bei mir gemeldet“, sagt sie und fügt ganz selbstverständlich hinzu: „Ich muss mich nicht schämen.“ In erster Linie wollte sie gar kein Vorbild sein. Für viele ist sie das aber geworden.

Aus Liebe zum Leben

Heute sagt die 33-Jährige: „Ich möchte leben, weil ich das Leben liebe. Aber ich habe keine Angst vorm Sterben.“ Auch mit dem Tod musste sie sich auseinandersetzen. Das hat sie stärker gemacht. Was ihr hilft? Viel reden. „Man soll nicht Mitleid haben oder einen komisch behandeln oder bevorzugen“, meint sie. „Aber ich finde es schon wichtig, dass man darüber redet. Das hilft dem Betroffenen.“ Ihr Freund tat genau das. Für sie verzichtete er auf vieles, fuhr mit ihr in den Urlaub, lenkte sie ab. Die wohl schwierigste Zeit in ihrem Leben hat sie viel nachdenken lassen. Viel Zeit zum Grübeln und Hinterfragen möchte sie nicht mehr haben, geht tagsüber arbeiten, abends zum Sport, trifft sich mit Freunden. Das hilft ihr.

Die Therapie hat Marcia Jordan hinter sich. Als krebskrank gilt sie noch immer. Geheilt ist sie erst nach fünf Jahren. Nach ihren Erfahrungen wünscht sie sich mehr Aufklärung, mehr Offenheit. Krebs sollte kein Tabu-Thema sein. Diese Einstellung lebt sie. „Viele haben mir gesagt, dass es gut ist, Transparenz zu schaffen“, sagt sie.

Als Erinnerung an die schwere Zeit hat sie sich eine Brustkrebsschleife tätowieren lassen. Und einen Kolibri. „Der steht für Leben und Freiheit“, sagt sie – und nimmt einen Schluck Weißwein.

Mein Standpunkt
Muschik, Moritz
Von Moritz Muschik

Selten zuvor habe ich ein Interview geführt, das so emotional war. Beeindruckend, wie offen Marcia Jordan mit ihrer Krebserkrankung umgeht – und damit auch anderen Frauen Mut macht. Respekt!



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