weather-image
Trotzdem hilft Gisela Hölscher einer albanischen Flüchtlingsfamilie in Königsförde

Manchmal stößt sie an Grenzen

Reher. Gisela Hölscher war schon immer ein sozialer Mensch. Den Nachrichten über die Flüchtlingsströme, die nach Deutschland und ins Weserbergland kommen, konnte sie nicht mehr tatenlos zusehen. Anfang des Jahres meldete sie sich als ehrenamtliche Helferin bei der Gemeinde und betreut seit nun acht Monaten eine vierköpfige albanische Flüchtlingsfamilie in Königsförde. Die Familie mit den beiden kleinen Töchtern ist der 70-Jährigen aus Reher mittlerweile richtig ans Herz gewachsen „Ich bin die Oma der Familie“, sagt sie mit einem Lächeln.

veröffentlicht am 12.08.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 18:41 Uhr

270_008_7755615_lkae101_ms_1208.jpg
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Die jüngste Tochter der Flüchtlingsfamilie ist erst vor vier Monaten hier in Deutschland geboren worden. Für sie hat Gisela Hölscher schon so einiges an Babysachen und Erstausstattung organisiert. „Freunde und Bekannte kommen auf mich zu und fragen, ob ich etwas für die Familie gebrauchen könnte“, erzählt die Rentnerin. „Ich möchte ihnen aber nichts aufdrücken, was sie nicht haben wollen. Das sollen sie selbst entscheiden.“ Die Autonomie der Familie ist ihr sehr wichtig, denn Hölscher weiß sehr wohl, dass ihre Hilfe auch irgendwo ihre Grenzen hat. Sie fährt in ihrem Alter nicht mehr überall hin und auch rechtliche Ratschläge vermag sie nicht zu geben.

Jederzeit kann es sein, dass die Albaner Deutschland wieder verlassen müssen, weil Wirtschaftsflüchtlinge aus Balkanländern, die hergekommen sind, um ihren Familien ein besseres Leben zu bieten, schlechte Chancen auf eine permanente Aufenthaltserlaubnis haben. „Man versucht, eine Existenz aufzubauen – aber im Hinterkopf zu haben, dass man bald wieder weg muss, das kann einen doch krank machen“, beklagt Hölscher. Sie kann das nicht verstehen. „In Aerzen wird für 2020 ein Bevölkerungsrückgang von zehn Prozent prognostiziert, warum können diese Menschen dann nicht hierbleiben?“

Momentan ist die albanische Familie in Deutschland geduldet, denn der Familienvater hat einen Job in Aerzen bei der Firma Thermomont bekommen, die unter anderem Fußbodenheizungen und Wärmepumpen montiert. Mit seinen Arbeitskollegen müsse er dort Deutsch reden, was ein Ansporn sei, seine Sprachkenntnisse zu verbessern. „Ich bekomme sehr positive Resonanz vom Arbeitgeber über seine Leistung und würde mir sehr wünschen, dass mehr Firmen diesem Beispiel folgen“, hofft die Helferin. Zum 1. September zieht die albanische Familie in eine neue Wohnung nach Aerzen um. Das sei zentraler als Königsförde und die dreieinhalbjährige Tochter hätte es dann nicht mehr so weit zu Fuß zum Kindergarten. Eine Wohnung für die Flüchtlingsfamilie zu finden, war im Gegensatz zu allen anderen Dingen nicht schwer. Die Regelung formaler Angelegenheiten kostet Gisela Hölscher nicht nur Zeit – aktuell seien es zehn bis 15 Stunden in der Woche – sondern auch Nerven. Bei verschiedensten Banken hatte sie wegen eines Gehaltskontos für den Familienvater angefragt. Keine wollte für den Mann eines anlegen. „Der Duldungstitel würde dafür nicht ausreichen, sagen mir die Banken“, berichtet Hölscher. „Jetzt bekommt der Vater eine Art Lohntüte von seinem Arbeitgeber, aber wenn mal etwas anderweitig überwiesen werden muss, steht die Familie vor einem unlösbaren Problem.“

Zweimal in der Woche fährt die fitte Seniorin die Familie besuchen, sieht die Post durch, kümmert sich um Behördenangelegenheiten, rechnet Gelder nach, kommt mit zum Einkaufen oder zu Arztterminen. Zu ihrem ersten Besuch nahm Hölscher neben einer Karte von Aerzen und einem Terminkalender, in den sie alles Wichtige für die Familie einträgt, auch einen Laptop mit Übersetzungsprogramm zur Verständigung mit. Das hätte aber nicht so richtig funktioniert. Mittlerweile verständigt sie sich mit der Familie in einfachen Sätzen. „Ich stelle immer Fragen, auf die sie nur mit Ja oder Nein antworten müssen. Das funktioniert ganz gut.“ Wenn es um ein kompliziertes Thema geht, dann hilft ihnen eine andere albanische Familie, die schon seit vielen Jahren in Aerzen wohnt, dabei, die Sprachbarriere zu überwinden.

Anfangs waren sowohl die Familie als auch die freiwillige Helferin noch skeptisch, aber das Eis sei schnell gebrochen. „Die meisten Menschen haben viele Vorurteile gegen Flüchtlinge, aber wenn man unser Grundgesetz zugrunde legt – Die Würde des Menschen ist unantastbar – dann beinhaltet das ja sehr viel. Ich sage immer, wer hierherkommt, der hat immer auch einen Grund dazu“, erzählt sie. Sich um die Flüchtlingsfamilie zu kümmern, das ist für Gisela Hölscher eine wertvolle Aufgabe. „Ich bin froh, dass ich das machen darf, und bekomme so viel zurück.“ Zur Anerkennung ihres Engagements ist sie Ende August zu einer Würdigung für ehrenamtliche Helfer nach Berlin eingeladen worden und Mitte September zu einem Treffen mit Ministerpräsident Stephan Weil in Hannover.ms

Flüchtlingswellen, die nicht abreißen, Flüchtlingsdramen, die sich abspielen. Hinter diesen Worten stecken Menschen. In einer Serie stellt die Dewezet Flüchtlinge vor. Und die, die ihnen helfen. So wie Gisela Hölscher aus Reher.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt