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Frei und doch eingesperrt: Welche Chance der offene Vollzug bietet und warum sie nicht jeder nutzt

„Manche haben falsche Vorstellungen“

Hameln. „Hier kann man es aushalten.“ Die Worte von Philipp klingen komisch – für jemanden, der bisher wenig zu tun hatte mit Gefängnis. Denn der 22-jährige sitzt im sogenannten offenen Vollzug, früher auch „Freigängerhaus“ genannt. Es ist eine Frage der Perspektive: Wer Freiheit gewohnt ist, dem erscheint das Gebäude an der Eugen-Reintjes-Straße karg, funktional, unpersönlich. Wer aber, wie Philipp, aus dem „richtigen“ Gefängnis – also der Jugendanstalt in Tündern – kommt, für den ist es ein Privileg.

veröffentlicht am 18.04.2016 um 06:41 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 13:48 Uhr

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Autor:

von andrea tiedemann
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Selbstverständlichkeiten werden zu Besonderheiten: „Die Zellen sind nicht verschlossen“, antwortet der junge Mann auf die Frage, was in seiner neuen Bleibe für ihn besonders ist. „Und Freigänge.“ Daher sei es auch sein Ziel gewesen, wieder in den offenen Vollzug zu kommen. Denn der verurteilte Betrüger hatte schon einmal die Chance auf Haftlockerung – sie nach einigen Wochen aber selber wieder verspielt, weil seine „UK“, die Urinkontrolle auf Drogen, nicht sauber war, wie er sagt. Damit ist er nicht allein: Im vergangenen Jahr wurden 16 Männer zurück in die geschlossene Anstalt gebracht, weil sie Straftaten während der Lockerung begangen haben. Sind es keine schwerwiegenden Delikte, wird allerdings zunächst mal versucht, innerhalb des offenen Vollzugs mit Sanktionen zu arbeiten.

Drogenprobleme?

Dann kommt der offene Vollzug nicht infrage

Seit 1983 gibt es den Offenen Vollzug, seit 1984 ist er in dem Gebäude in der Eugen-Reintjes-Straße untergebracht. 72 Männer zogen damals in den neun Wohngruppen ein – heute gibt es nur noch 48 Plätze. Aktuell wohnen 26 Häftlinge dort, im vergangenen Jahr waren es sogar nur 22. Gibt es immer weniger, die für die Unterbringung dort geeignet sind? Und: Wer hat überhaupt eine Chance auf diese privilegierte Art der Haft? „Jeder hat eine Chance, herzukommen“, sagt Vollzugsabteilungsleiterin Melanie Djakovic – unabhängig davon, welche Straftat er begangen hat. Von Anfang an werde die Lockerungsmöglichkeit geprüft. Wer sich bei den ersten Freigängen bewährt, bekommt weitere Freiheiten. Dass immer weniger Plätze belegt sind, liege daran, dass die Zahl der Häftlinge insgesamt zurückgegangen sei. Waren 2004 noch 659 Männer in Jugendanstalt und offenen Vollzug zusammen inhaftiert, waren es im vergangenen Jahr nur noch 403. Man wolle nicht um jeden Preis die Hafträume belegen, so Djakovic, sondern suche die Bewerber gewissenhaft aus. Immerhin sei die offene Unterbringung ein sensibles Thema – geht etwas schief, sei das schwer zu rechtfertigen.

Eine eigene Rückfallstatistik für den offenen Vollzug gibt es nicht – insgesamt sei die Prognose hier aber gut, weil ohnehin nur Männer aufgenommen werden, deren Rückfallrisiko gering ist, ist sich die Anstaltsleitung sicher. 22 Fragen müssen die JA-Insassen beantworten, um sich für den offenen Vollzug zu qualifizieren – wer zum Beispiel noch ein unbehandeltes Suchtproblem hat, hat keine Chance auf das besondere Privileg.

Wie unterscheidet sich nun der Alltag der Häftlinge, wenn sie in den offenen Vollzug umziehen? „Manche haben falsche Vorstellungen“, sagt David Lamers, stellvertretender Vollzugsabteilungsleiter, „und wollen gleich stundenlang raus.“ Dabei muss der Gang in die Freiheit erst mal wieder erlernt werden, in kleinen Schritten. „In der Jugendanstalt werden die Männer für jeden Gang begleitet, das fällt hier völlig weg.“ Das bedeutet, dass die ersten Ausgänge erst mal in Begleitung stattfinden, dann dürfen die Männer alleine ins Stadtgebiet, später bis zu 12 Stunden – über Nacht allerdings nicht. Wer sich gut schlägt, bekommt bis zu 21 Werktage Hafturlaub pro Jahr. Dabei geht es vor allem darum, wieder im Leben anzukommen – Alltägliches wie bargeldloses Zahlen und die Benutzung von Einkaufschips gibt es im Gefängnis eben nicht.

Neu für die Männer ist auch, sich hier eine eigene Tagesstruktur aufzubauen – und sich die Frage selber beantworten, worauf sie Lust haben. Was für Menschen ohne Hafterfahrung selbstverständlich klingt, war auch für Philipp zunächst eine große Herausforderung. Mittlerweile weiß er aber, was er will: Einen Teil seiner Freizeit verbringt er freiwillig im Tierheim, um dort mitzuhelfen.

14 Mitarbeiter des Vollzugsdienstes bewachen die aktuell 26 Männer im offenen Vollzug. Wer das Haus betreten will, muss an der Pforte vorbei – und seinen Atem auf Alkoholgeruch kontrollieren lassen. Der Eingangsbereich muss ständig besetzt sein. Denn: „Zum Teil verlassen die Insassen um vier Uhr das Gebäude, um zur Arbeit zu gehen“, sagt Lamers, „der Späteste kommt um 23.55 Uhr von der Spätschicht zurück.“ Gitter gibt es nicht – ausbrechen tut trotzdem kaum jemand. Das letzte Mal gab es so einen Fall im Dezember 2014.



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