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Afferder wehren sich gegen den Stempel des sozialen Brennpunkts / Streetworker gefordert

„Man muss das Übel an der Wurzel packen!“

Afferde (CK). Der brutale Übergriff eines 16-jährigen polizeibekannten Afferders auf einen 53 Jahre alten Frührentner in einer Gartenkolonie hat in Afferde eine Diskussion losgetreten: Ist der Hamelner Ortsteil stellenweise ein sozialer Brennpunkt oder handelt es sich hier vielmehr um einen „bedauerlichen Einzelfall“, wie manche glauben machen möchten? Fest steht: Einzelne Einwohner haben inzwischen Angst, andere wehren sich dagegen, dass „alles über einen Kamm geschoren“ wird. Und fordern vor allem künftig eine „aufsuchende Sozialarbeit“ im Problemviertel.

veröffentlicht am 08.06.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 05:41 Uhr

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„Ich bin erschüttert angesichts der großen Brutalität und Aggression, die diese Tat begleitet hat. Das ist eine schlimme Sache für Afferde“, sagt etwa Ines Buddensiek (SPD), seit der letzten Kommunalwahl neue Ortsbürgermeisterin von Afferde. Aus ihrer Erfahrung wisse sie zwar, dass es viele Vorkommnisse gebe, die für einen schlechten Ruf sorgten („das Biotop ist von oben bis unten vermüllt, manche Jugendliche stehlen“). Andererseits: „Die fühlen sich nur in der Clique stark.“ Die Einrichtung „Haltestelle“ etwa, so die Ortsbürgermeisterin, leiste hervorragende Arbeit, ebenso der städtische Jugendtreff. Deshalb warnt sie davor, einzelne Jugendliche an den Pranger zu stellen oder nach Schnellschüssen zu rufen. Gerade erst habe der Jugendhilfeausschuss des Kreistages Fördermittel für die Fortführung des Stadtteilprojekts für benachteiligte Familien in Afferde bewilligt. Gut 14 000 Euro soll es sich der Landkreis kosten lassen, dass die Maßnahme („eine feste Einrichtung“) im November nahtlos fortgeführt wird. Was Ines Buddensiek außerdem für wichtig hält: einen Streetworker, der auch abends mal durchgeht.

Am Anfang aber steht für die Ortsbürgermeisterin die Frage nach dem Warum. Die Antworten glaubt sie zu kennen. „Es gibt zu wenig Freizeitangebote, stattdessen Sprachprobleme bei vielen jungen Leuten mit Migrationshintergrund, die ihre Situation oft als ausweglos ansehen. Deshalb muss man das Übel an der Wurzel packen, statt die Bürger in Angst und Schrecken zu versetzen.“ Dabei hofft sie unter anderem auf Förderprogramme des Landes.

Das Jugendamt des Landkreises jedenfalls ist personell nicht in der Lage, die Probleme mit Jugendlichen in Teilen von Afferde zu lösen. Das jedenfalls glaubt Uwe Wilhelms-Feuerhake, Rektor der dortigen Grundschule. Er hat die meisten der jungen Leute bereits als Schüler gehabt und setzt bei den Jüngeren auf soziale Trainingsprogramme zur gewaltfreien Konfliktlösung in „altersangemessener Form“. „Wir haben auch nachmittags viele Angebote und arbeiten mit allen Eltern zusammen. Aber wenn die Kinder älter werden, gibt es für sie einen Bruch im Angebot“, meint der Pädagoge. Und Einrichtungen wie die Halterstelle seien zwar begrüßenswert, litten aber darunter, dass sie ständig ums Überleben kämpfen müssten. Ein auch von ihm geäußerter Vorschlag: „aufsuchende Sozialarbeit“.

Ein Streetworker, der auch abends vor Ort ist – das ist eine Lösung, wie Monika Stetter sie sich ebenfalls vorstellen könnte. Die Anwohnerin der Leipziger Straße – sie besitzt dort seit zwölf Jahren eine Eigentumswohnung – ist alles andere als glücklich mit der derzeitigen Situation. „Wir sitzen doch hier im Chaos. Ich muss mit Kopfhörer fernsehen und freue mich inzwischen über jeden Regentag, weil es dann etwas ruhiger ist“, sagt die Afferderin, die zugleich bedauert, „dass die Polizei eigentlich nie kommt“. Laut deren Sprecher Jörg Schedlitzki hat die allerdings „keine Erkenntnisse“, wonach die Gewaltbereitschaft bei den Jugendlichen in dem Ortsteil zugenommen hat. Monika Stetter macht aber auch die Wohnstruktur für die nach ihren Worten teilweise unerträglichen Zustände verantwortlich: „Nach dem Abzug der Briten saß damals eine Maklerin mit Klapptisch vor den Hochhäusern und hat an jeden verkauft, von dem sie glaubte, dass er sich eine günstige Wohnung leisten kann.“ Sie klagt inzwischen gegen ihren Hausverwalter. Der habe eine Teilungserklärung außer Acht gelassen, wonach die Eigentümergemeinschaft jedem neuen Käufer hätte zustimmen müssen.

Stadträtin Gaby Willamowius hat inzwischen erneut Kontakt mit der Polizei aufgenommen, um zum einen das Problem der kriminellen Jugendlichen in Afferde in den Griff zu bekommen, zum anderen aber auch mit denen zu arbeiten, die nicht straffällig werden, aber dort planlos rumhängen. Der fragliche Fall mit dem Frührentner sei „beängstigend“, gleichwohl dürfe man nicht stigmatisieren, sondern müsse kurz- und langfristige Konzepte entwickeln. Die Dezernentin: „Wir nehmen die Sorgen der Bürger ernst.“

Dr. Juri Sokolsi, Mitarbeiter der Caritas als Trägerin der „Haltestelle“, weiß durchaus, dass es bei etlichen Jugendlichen in Afferde aus unterschiedlichen Gründen eine latente Gewaltbereitschaft gibt – „für die sind wir da“. Er kennt auch den 16-jährigen Straftäter. Von einem sozialen Brennpunkt allerdings möchte Sokolski trotzdem nicht sprechen. „Die Situation ist nicht außer Kontrolle. Unser Alltag ist ganz normal“, versichert er.

Jugendliche in der Leipziger Straße in Afferde – manche sorgen für negative Schlagzeilen, aber längst nicht alle, meinen Anwohner. Foto: Wal

„Es gibt zu wenig Freizeitangebote“, sagt Afferdes Ortsbürgermeisterin Ines Buddensiek. Foto: Wal



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