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Heute vermittelt die Arbeitsagentur den Schaustellern Arbeitskräfte zum Auf- und Abbau der Kirmes

Männer zum Mitreisen nicht mehr zu finden

Hameln (mod). Zwischen den Wohnwagen auf der Kirmes-Wiese liegen wohlgeordnet meterlange Kabel. Sie liefern den Strom für die Fahrgeschäfte – und für die Menschen, die auf dem Tönebön-Platz für ein paar Tage wohnen und arbeiten. Rund 100 Männer und Frauen ermöglichen in der Rattenfängerstadt die Frühlings-Kirmes. Wie sieht ihr Leben aus?

veröffentlicht am 02.04.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 17:21 Uhr

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Einer von ihnen ist der aus Hameln stammende Schausteller Robert Tacke. Seine Familie ist seit Generationen auf Rummelplätzen zu Hause. „Holz-, Maler- und Elektroarbeiten machen wir selber“, sagt der 61-Jährige. Sein Autoskooter, einer der modernsten, passe komplett mit Fahrzeugen und Bodenbrettern in einen einzigen Anhänger, erklärt er. Der Aufbau dauere vier bis fünf Stunden.

„Früher haben wir dafür zwei Tage gebraucht“, erinnert er sich. Damals habe dann ein Schild ausgehangen: „Junge Leute zum Auf- und Abbauen gesucht“. Doch das sei schon 15 Jahre her. Heute vermittle die Arbeitsagentur Mitarbeiter, die meist aus Polen und Rumänien kommen. Die Genehmigung der Arbeitsanträge dauere zwar lange, aber er habe keine andere Wahl: „Deutsche wollen nicht mehr, sie haben keinen Bock zu arbeiten“, sagt Tacke. Wenn er nur einen Mann habe, aber zwei brauche, müsse er das Geschäft sonst stehen lassen.

Tacke ist als Schausteller in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Hessen unterwegs. Seine Mitarbeiter, alle sozialversicherungspflichtig angestellt, ziehen von Ort zu Ort mit. Durcharbeiten müsse niemand an den Kirmestagen, dafür gebe es Schichten. „Manche fahren ab und zu mal in ihre Heimat zu ihren Familien, manche gar nicht.“ Von Ende November bis März ist Winterpause. Dann baue er zum Beispiel selbst einen Anhänger für sein Fahrgeschäft, berichtet Tacke.

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Seine sechsjährige Enkelin Mila streckt lachend ihre Arme im Regen aus. Das blonde Mädchen mit der rosa Schleife im Haar wirkt aufgeweckt. Im Juni ist ihr erster Schultag. „Die Anforderungen sind für Kinder etwas größer, sie werden früher selbstständig“, erklärt Großvater Tacke, dessen zwei Töchter ebenfalls auf Kirmesplätzen groß geworden sind. Von Ort zu Ort reisen bedeute, dass die Kinder ständig die Schulklasse wechseln. In größeren Städten wie Hannover kommen Lehrer in Schulwagen auf die Plätze. Manche Kinder hätten auch Privatlehrer.

200 bis 300 Bewerbungen von Schaustellern gehen zu jeder geplanten Veranstaltung ein, berichtet Björn Eggers, der eine Ausbildung zum Event-Kaufmann macht und den Organisator der Kirmes, Jürgen Schädel, unterstützt. Eggers‘ Eltern haben kein Fahrgeschäft. „Sie haben mich seit meiner Geburt auf die Kirmes gezogen“, erzählt der 18-Jährige grinsend. So habe er schon früh seine Leidenschaft für den Rummel entdeckt. Mittlerweile hat der 18-Jährige aus Lauenau ein eigenes Kaspertheater und eine Schmalzkuchenbude.

Er suche mit Schädel „eine gute Mischung“ aus den Angeboten aus. Jugendliche wollten die Fahrgeschäfte „immer schneller, höher und weiter“ erleben. „Jumpstreet“ sei der „schnellste Scheibenwischer“ mit 21 Umdrehungen pro Minute. „Das merkt man im Magen“, meint Eggers. Mit zwei Männern sei dieses Fahrgeschäft in zwei Stunden aufgebaut. Beim „Hully Gully“ dauere es länger. Jede einzelne Eisenstange müsse angepackt werden, drei Mitarbeiter bräuchten vier bis fünf Tage dafür. Das Kettenkarussell habe sich überholt. „Autoscooter gehören auf jeden Fall dazu“, erklärt der 18-Jährige. Und was kostet solch ein Fahrgeschäft? Robert Tacke hat die Zahlen im Kopf: 1997 habe er für ein Autoscooter-Fahrzeug noch 7800 D-Mark bezahlt, heute koste es 6000 Euro. Allein für die Gummi-Umrandung müsse er 500 Euro zahlen, früher seien es 380 Mark gewesen. „Die Kosten laufen uns davon“, klagt Tacke. An drei Tagen zahle er allein für Strom bis zu 700 Euro. Auch die Spritkosten für den Transport steigen. Deshalb sei es notwendig, mit möglichst wenig Personal und Transportkosten sowie geringem Aufwand eine Kirmes zu veranstalten, ergänzt Eggers. So ersetze man heute Holzteile aus Aluminium und benutze LED-Beleuchtung.

Etwa 40 Schausteller laden bei der Rattenfänger-Kirmes zum Besuch ein. „Ich bewundere bei ihnen die Familienzusammengehörigkeit und den Zusammenhalt“, sagt Eggers. Wenn einer ein Problem habe, helfe der andere sofort. Fürs Anpacken und Handwerkliche seien die Männer zuständig. Aber Frauen spielten auf der Kirmes eine ebenso wichtige Rolle. Sie kümmern sich um die Buchhaltung, die Verwaltung und das Abschließen der Verträge. Außerdem sitzen sie an der Kasse und sorgen für das Essen. „Ohne meine Frau wäre mein Betrieb nicht möglich“, sagt Tacke.

Heute ist Familientag bei der Rattenfänger-Kirmes. Die Schausteller reduzieren die Preise auf die Hälfte.

Darf auf keinem Rummelplatz fehlen: Der Autoscooter.

Foto: Wal

Zwei Schausteller-Generationen nebeneinander: Robert Tacke mit seiner Enkelin Mila. Das Schild braucht der Schausteller heute nicht mehr.

Foto: mod



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