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Die gute alte Plättmaschine – es gibt sie noch: zum Beispiel bei Familie Trant

Männer sind hier Mangelware

Draußen herrschen winterliche Temperaturen um fünf Grad. Öffnet man die Tür zur Heißmangel Trant, schlägt einem eine warme Wolke entgegen. In der Luft liegt der Duft von frisch gewaschener, gebügelter Wäsche. „Hier ist immer Teneriffa“, sagt Bernhard Trant, Heißmangel-Assistent in dritter Generation. Das Kommando an der Plättmaschine ist den Frauen der Familie vorbehalten. Dort wo die großen Bettlaken und Tischdecken von der Wäschemangel eingezogen werden, stehen seine Frau Jutta Trant und Assistentin Daniela Tosch. Mit geübten Griffen platzieren sie die Kanten der Wäsche zwischen Walze und Verletzungsschutz und streichen sie glatt. Dort, wo sie platt wie eine Briefmarke wieder hervorkommt, wird sie von Bernhard Trants Schwester Sieglinde und Kundin Ursula Kasting in Empfang genommen. Sie hilft, die Wäsche zusammenzulegen. Das ist in einer Heißmangel durchaus üblich – so kann der Kunde die Wäsche anschließend gleich wieder mitnehmen und billiger ist es noch dazu.

veröffentlicht am 17.12.2014 um 20:06 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:16 Uhr

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Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Reich werden die Trants mit der Mangelei nicht – es ist kaum mehr als ein Zubrot. 35 Cent kostet eine Minute plätten, wenn der Kunde dabei bleibt. 51 Cent, wenn er mangeln und zusammenlegen lässt. Für einen Korb voll mit Bettwäsche bezahlt man ungefähr 4,60 Euro – das ist nicht gerade viel, wenn man bedenkt, wie viele Stunden dafür am Bügelbrett draufgehen würden. Doch genau dort liegt das Problem: Von den jungen Leuten bügelt kaum noch jemand. Die kaufen lieber pflegeleichte Kunstfaser, und eine Tischdecke haben nur die wenigsten auf dem Tisch, weiß Sieglinde Heidrich. Die 74-Jährige ist mit dem Mangelbetrieb aufgewachsen. Schon die Oma und die Mutter haben gemangelt – und zwar mit demselben Gerät, das noch heute bei den Trants im Keller in der Hamelner Lessingstraße 40 steht. Die Mangel, mit der früher die Wäsche für das Hotel „Zur Sonne“ geplättet wurde, wiegt mehr als ein Auto. Wie viel weiß Bernhard Trant nicht, nur, dass man die Maschine wohl nie wieder aus dem Keller herausbekommt. Darüber, wie sie im Jahr 1956 hineingekommen sein mag, hat er schon oft gerätselt.

Für die Familie war die Maschine Anfang der 50er Jahre ein Glücksfall: Während das Hotel in der Osterstraße im April 1945 durch Artilleriebeschuss zerstört wurde, überstand die unverwüstliche Heißmangel den Krieg unbeschadet – sie hatte ihren Platz nämlich in einem Gebäude in der Goethestraße. Dort hat die Oma von Bernhard und Sieglinde schon an der Mangel gestanden. Es war eine Zeit, in der die Leute neben Bettwäsche und Tischdecken auch Gardinen, Servietten und abknöpfbare Kragen brachten, die wegen ihrer Biegung ein gewisses Geschick beim Plätten erforderten.

Heute liege die Kunst eher darin, die richtige Temperatur der Mangel zu „erfühlen“, um das Schmelzen von Knöpfen zu verhindern. Vorbei die Zeit, in der es noch mit Stoff bezogene Knöpfe gab, denen es nichts ausmachte, durch die Mangel gezogen zu werden. „Besonders schlimm sind die Plastikknöpfe von Ikea“, sagt Heidrich. Die günstige Bettwäsche aus dem schwedischen Möbelhaus könne nur gemangelt werden, wenn man den Rand mit den schnell schmelzenden Knöpfen an der Walze vorbeiführe.

Vorbei auch die Zeit von Stoffen, denen die Heißmangel nichts anhaben kann. Bügelfreundliche Stoffe wie Polyester, Seersucker und Biberbettwäsche haben hochwertige Baumwolle und schweres Leinen längst abgelöst. So, wie die Wäsche aus dem Trockner kommt, wird sie meist wieder auf Kissen und Bett gezogen.

„Wir brauchen uns nichts vormachen, wenn es so weitergeht, wird in 20 Jahren keiner mehr in die Heißmangel kommen“, sagt Jutta Trant. Während die Schwiegermutter früher von morgens bis abends an der Maschine gestanden habe, arbeitet die 55-Jährige nur noch drei Nachmittage in der Woche im Mangelkeller, vormittags ist sie in einer Kita beschäftigt. Anfang der 60er Jahre hatten Trants die Mangel für längere Zeit verpachtet. „Aber als ich 1979 angefangen habe und die Kinder klein waren, war die Tätigkeit für mich ideal“, sagt sie.

Die Kunden, die heute in die Mangel kommen, sind in der Regel um die 50 Jahre und älter. So wie Rentnerin Ursula Kasting, die immer wartet, bis sich zu Hause eine lohnenswerte Wäschemenge angesammelt hat. Bevor sie kommt, wird die Wäsche gesprengt und wahlweise gezockt – andere sagen gezockelt oder gezogen. Gut angefeuchtet und gezockt ist halb gebügelt – diese Hausfrauenweisheit gilt auch für die Mangel. Je besser die Wäsche vorbereitet ist, desto glatter wird sie.

„An der Mangel muss man darauf achten, dass die Wäsche schnell und ordentlich durchgeht“, sagt Sieglinde Heidrich. Zum Träumen bleibe da kaum Zeit. „Das Horrorszenario sind Herren mit Krawatte“, sagt Bernhard Trant, seine Frau winkt ab: „Männer sind hier Mangelware.“

Heißmangeln sind heute eine Mangelerscheinung – faltenfreie Wäsche aus hochwertigen Stoffen ebenso. Bei Familie Trant wird noch geplättet wie früher, mit einer unverwüstlichen Hotel-Mangel aus dem Jahr 1933.



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