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Ralf Wilde: „Das beschäftigt uns ungemein“/ Studie: Bei antibiotikaresistenten Keimen versagt neue Klärstufe

Machtlos gegen Keime?

HAMELN. Seit der NDR multiresistente Keime in Proben aus Bächen, Seen und Flüssen gefunden hat, ist die Aufregung groß. Wie gefährdet ist der Mensch? Und wie kann man die Keime in den Griff bekommen? Unter anderem wurde eine vierte Klärstufe gefordert. Ist man in Hameln dafür gerüstet?

veröffentlicht am 28.02.2018 um 15:00 Uhr
aktualisiert am 28.02.2018 um 21:21 Uhr

Ob die Kläranlagen in der Lage sind, antibiotikaresistente Keime mittels einer neuen Klärstufe herauszufiltern, bezweifelt Ralf Wilde, Chef der Abwasserbetriebe Weserbergland. Foto: Dana
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Kurz nach dem Bericht kündigte das niedersächsische Umweltministerium an, selbst Proben nehmen zu wollen. Nun folgen Taten: 200 Proben will Umweltminister Olaf Lies an verschiedenen Stellen nehmen lassen, darunter Standorte an Kläranlagen.

Deren Nachrüstung forderte unlängst die Präsidentin des Umweltbundesamtes, Maria Krautzberger, im NDR-Bericht. Eine zusätzliche, vierte Reinigungsstufe könne Abhilfe schaffen, die Techniken seien vorhanden, es fehle aber an den gesetzlichen Grundlagen, um sie einzuführen.

In Hameln hat Ralf Wilde, Chef der Abwasserbetriebe Weserbergland und Fachbereichsleiter Umwelt bei der Stadt Hameln, bereits auf die Frage gewartet, wie man die Ergebnisse und ihre möglichen Folgen einschätzt. „Das beschäftigt uns ungemein“, erwidert Wilde. Doch der Beamte ist skeptisch: „Aus meiner Sicht gibt es kein geeignetes Verfahren, dass in der Lage ist, die Keime vollständig zu entfernen.“ Bisher gebe es lediglich Pilotkläranlagen, in denen eine Art Reinigung getestet würde. „Ob die zielführend ist, ist fraglich.“

Multiresistente Enterobakterien - in einer Petrischale nachgewiesen. Viele Krankenhauspatienten bringen von zu Hause multiresistente Keime mit in die Kliniken. „Foto: Axel Hamprecht/IMMIH/dpa“
  • Multiresistente Enterobakterien - in einer Petrischale nachgewiesen. Viele Krankenhauspatienten bringen von zu Hause multiresistente Keime mit in die Kliniken. „Foto: Axel Hamprecht/IMMIH/dpa“

Martin Weyand, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), äußert sich deutlicher: „Uns liegen keine Erkenntnisse vor, dass eine vierte Reinigungsstufe multiresistente Keime entfernen kann“. Mit Ozon und Aktivkohlefiltern, die in dieser Stufe eingesetzt werden, bekomme man die Keime nicht heraus, im Gegenteil, ihr Anteil könne nach neuesten Erkenntnissen sogar steigen.

Um die Keime herauszulösen, sei ein sogenanntes Nanofiltrat notwendig, „quasi eine fünfte, beziehungsweise sechste Reinigungsstufe“, erklärt Weyand. Er verweist auf die vom Bund geförderte Maßnahme „RiSKWA“ (Risikomanagement von neuen Schadstoffen und Krankheitserregern im Wasserkreislauf). Fünf Jahre haben dafür Forscher aus Wissenschaft, Wirtschaft, Behörden und Praxis eng mit Akteuren aus Wasserwirtschaft und Gesundheitswesen zusammengearbeitet.

Die Nachrüstung der Kläranlagen wäre also ein sinnloses Unterfangen. Und ein teures dazu. 1,3 Milliarden Euro würde die Nachrüstung aller Kläranlagen mit der vierten Reinigungsstufe pro Jahr kosten, umgelegt auf eine Betriebsdauer von 30 Jahren wären das 37 Milliarden Euro, rechnet Weyand vor. In großen Städten entstünden Mehrkosten in Höhe von 25 Prozent, für kleinere Städte wie Hameln müsste man die Summe individuell berechnen. Tragen müsste die Gebührenerhöhung am Ende der Bürger.

Richtiger wäre aus Weyands Sicht, die gesamte Kette zu betrachten, also auch die Verursacher der Keimbelastung mit in den Blick zu nehmen. Er nennt als Pfade die Krankenhäuser und die Landwirtschaft. Die Krankenhäuser bräuchten entsprechende Rückhaltemaßnahmen, Nanofiltrationsanlagen, um die Verbreitung gefährlicher, mutationsfähiger Keime zu verhindern. „Sie dürfen den Ort gar nicht erst verlassen. Das haben wir aus dem Krisenfall mit dem ‚Ehec-Erreger‘ gelernt.“ Zusätzlich müssten die Hygienemaßstäbe im Krankenhaus so hoch hängen, dass die Ausbreitung verhindert wird.

Im Sana-Klinikum Hameln sieht man das ein wenig anders: „Unsere Abwässer unterliegen regelmäßigen Kontrollen und entsprechen den gesetzlichen Vorgaben“, erklärt eine Sprecherin. Weil man die Abwässer in die Kanalisation leite und nicht in die Umwelt, läge die Entscheidung über die Installation von Filtrationsanlagen bei der Stadt. Sinnvoller sei dieses Vorgehen auch, „weil die Mehrzahl der Menschen, die mit Keimen besiedelt ist, sanitäre Einrichtungen in ihren privaten Haushalten nutzt“.

Der zweite Pfad für die Verbreitung von multiresistenten Keimen in Gewässern ist die prophylaktische Gabe von Antibiotika in der Landwirtschaft, erklärt Martin Weyand. Die Gülle werde anschließend auf die Felder gebracht und ausgeschwemmt, so gelangten die Keime in die Oberflächengewässer. „Hier hilft nur die verminderte Gabe von Antibiotika und eine dementsprechend angepasste Viehhaltung.“ Zwar wurde der Einsatz von Antibiotika in der Tiermast in den letzten Jahren um die Hälfte gesenkt, dennoch sei es notwendig, an der Frage zu arbeiten, wie man die Eintragspfade für Keime verhindern kann. Sie sei wichtiger, als über zusätzliche Klärstufen nachzudenken. „Da lohnt es sich, zu schauen, wie es zum Beispiel die Holländer machen“, sagt Weyand.

Ähnlich sieht es Olaf Lies. Er erklärte gestern: Wir müssen vor allem an die Primärquellen ran. Es ist billiger, den Einsatz von Antibiotika an der Quelle zu reduzieren, als die Mittel später dann wieder für viel Geld aus den Gewässern zu filtern.“ Neben den Kläranlagen sollen auch in Regionen mit einer hohen Viehdichte sowie an Stellen, an denen bereits die Gewässergüte beprobt wird, Proben genommen werden. Untersucht werden sollen ebenfalls Stellen im Küstenbereich sowie vermeintlich unbelastete Standorte. Die Ergebnisse sollen bis zum Sommer vorliegen.

Hier die Pressemitteilung des Umweltministeriums im Wortlaut:

Umweltministerium lässt Gewässer nach multiresistenten Keimen untersuchen

Lies: „Land setzt Strategie gegen Antibiotikaresistenz fort“

Um die Verbreitung von antibiotikaresistenten Erregern in der Umwelt zu untersuchen, hat Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies heute eine Beprobung von Gewässern in Niedersachsen angekündigt. Insgesamt sollen an die 200 Proben an verschiedenen Stellen genommen werden, darunter Standorte an Kläranlagen, in Regionen mit einer hohen Viehdichte, sowie an Stellen, an denen bereits die Gewässergüte beprobt wird. Untersucht werden sollen ebenfalls Stellen im Küstenbereich sowie vermeintlich unbelastete Standorte. Die Ergebnisse sollen bis zum Sommer vorliegen.

Umweltminister Olaf Lies: „Wir wissen zur Zeit noch zu wenig über die Wirksamkeit und Übertragungswege von Resistenzen über den Pfad der Umwelt. Ebenso gibt es momentan weder national noch international Kriterien oder Grenzwerte zur Bewertung von multiresistenten Keimen. Nur Badegewässer werden in der Badesaison auf Keime untersucht. Andere Gewässer werden zwar auf Schadstoffe, nicht aber auf multiresistente Keime untersucht. Der Gesetzgeber hat dafür bisher keine Veranlassung z.B. in der Wasserrahmenrichtlinie gesehen. Wir haben also Wissenslücken.“

Um diese zu schließen, fordert Minister Lies den Bund auf, sich aktiv in den Prozess der Datenerhebung und der Schaffung von Bewertungsmethoden einzubringen. „Wir brauchen bundesweite Standards“, sagte Lies. Dies habe er auch bereits in einem Brief an Bundesumweltministerin Barbara Hendricks deutlich gemacht. „Es ist notwendig die Kenntnisse über die Menge, die Risiken und die Bekämpfung multiresistenter Keime in Gewässern zu verbessern. Um verlässliche Daten zu erhalten, sollten Bund und Länder in diesem Punkt stärker zusammenarbeiten“, sagte Lies.

Das Land selbst beschäftigt sich bereits seit 2016 intensiv mit diesem Thema. Damals hat der Interministerielle Arbeitskreis der Niedersächsischen Landesregierung eine Strategie gegen Antibiotikaresistenz beschlossen und 2017 den Abschlussbericht für eine Antibiotikastrategie vorgelegt (www.antibiotikastrategie.niedersachsen.de). Die Strategie verfolgt den sogenannten „One-Health-Ansatz“, nach dem die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt in Beziehung stehen und somit auch gemeinsam betrachtet werden müssen.

Die wirkungsvollste Eindämmung von Multiresistenzen liegt demnach in einem verantwortungsvollen Einsatz von Antibiotika in der Human- und in der Tiermedizin. In Letzterer konnte auch schon ein beachtlicher Erfolg verbucht werden: mit dem von Niedersachsen entwickelten bundesweiten Antibiotikaminimierungskonzept konnte erreicht werden, dass sich der Einsatz von Antibiotika im Bereich der Nutztierhaltung seit dem Jahr 2011 insgesamt um mehr als 50 Prozent reduziert hat.

Abschließend sagte Lies: „Um Resistenzen zu bekämpfen ist ein vernünftiger Umgang mit Antibiotika sowohl in der Human- als auch Tiermedizin absolut erforderlich. Wir müssen deshalb vor allem immer an die Primärquellen ran. Es ist billiger, den Einsatz von Antibiotika an der Quelle zu reduzieren, als die Mittel später dann wieder für viel Geld aus den Gewässern zu filtern.“

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