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„Kleiner Tierfreund“ aus Schaumburg heute zu Gast in Hameln

Macht Provinz lustig, Herr Wischmeyer?

Hameln. Er ist einer der Köpfe des legendären „Frühstyxradios“, er erfand etwa den „Kleinen Tierfreund“ und „Günther, den Treckerfahrer“. Inzwischen teilt Dietmar Wischmeyer in der ZDF-„heute-Show“ in „Wischmeyers Logbuch der Bekloppten und Bescheuerten“ kräftig aus. Heute macht sich der Satiriker aus seiner schaumburgischen Heimat Niedernwöhren auf den kurzen Weg nach Hameln.

veröffentlicht am 13.03.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 02:41 Uhr

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Herr Wischmeyer, ihr aktuelles Programm heißt „Achtung Artgenosse“, sie leben in Niedernwöhren. Da begegnet man doch nie jemandem, wenn man nicht will, oder?

Doch, ganz vielen. Ich glaube, dass es in Deutschland mittlerweile ganz unmöglich ist, nicht täglich mehreren Artgenossen zu begegnen. Es ist ja auch ein Irrtum zu glauben, dass die schwindende Bevölkerungszahl, der demografische Wandel, zu einer Reduktion der Begegnungen führt. Menschen oszillieren ja immer mehr. Am vergangenen Sonntag war der erste richtig schöne Tag. Das ermuntert 90 Prozent aller Wohnrauminsassen, ihre Zelle zu verlassen und irgendwie sinnlos durch die Gegend zu irren. Das ist eine Tätigkeit, die es vor 20 Jahren noch überhaupt nicht gab: Dass Leute ihr Auto am Waldrand parken, ihren Hund, ihr Pferd oder ihr Krokodil ausladen und damit durch die Feldmark latschen. Alles ist voller Menschen.

Und was ist das Hauptübel des Mitmenschen an sich?

Dass er nicht mehr zu Hause sein kann. Der soll gefälligst auf seiner Parzelle stehen. Doch es gibt ja auch keine Gemüsegärten mehr. Nichts – nur noch Freizeitgelände. Deshalb können die Leute ihre Freizeit dann irgendwo verbringen. Sie sitzen in Biergärten, fahren ständig auf Fahrrädern sinnlos durch die Gegend, statt einfach mal ein paar Kartoffeln anzubauen.

Ist Schaumburg ein gutes Pflaster für gepflegte Menschenfeindlichkeit?

Misanthropie könnte man natürlich viel eher in einer Großstadt ausleben. Berlin ist das beste Pflaster, um so richtig scheiße draufzukommen. Da ist der Mitmensch ja vielfältiger ekelerregend als auf dem Land. Da gibt es ganz andere Typen, die man hier nur vom Hörensagen kennt. Aber das wäre eine Überdosis für mich, das würde ich nicht aushalten.

Macht Provinz lustig?

Ob lustig, weiß ich nicht. Aber sie schärft den Blick – auf seine Umgebung, auf die Mitmenschen, auf Kulturen. Wenn man in der Stadt aufwächst, ist ja die Verblödung kaum noch aufzuhalten. In der Stadt ist man viel zu sehr abgelenkt. Man kann ja alles Mögliche machen. Man kann dauernd in Kinos gehen, man sieht so viele verschiedene Leute. Man ist mit so vielen Eindrücken konfrontiert, dass man selten Gelegenheit hat, auch nur einen davon zu verarbeiten und zumindest eine eigene Meinung zu entwickeln. Die vielen Eindrücke nützen nichts. Wenn man keine eigenen Gedanken hat, muss man sich auch nicht die von anderen Leuten angucken. Deshalb kommt ja auch alles aus der Provinz. Immanuel Kant hat in Königsberg gelebt, das hat ihm gereicht.

Das ffn-„Frühstyxradio“ ist legendär. Was halten Sie von heutiger Radio-Comedy? Radio will inzwischen ja fast ganztags lustig sein …

Das stimmt. Wir waren ja keine lustige Sendung, wir waren eine ernsthafte Witzesendung, fast schon eine anarchische Satiresendung – Satire ohne Botschaft. Heutiges Radio hat ja überhaupt nicht mehr den Stellenwert als Medium, den es in den 90ern hatte. Es gibt viele Konkurrenzmedien, wobei ich das Fernsehen schon gar nicht mehr erwähnen will. Aber all dem, was so über Youtube und andere Internet-Kanäle in die Haushalte und in die Gehirne weht, eine dreistündige zum Zuhören animierende Radiosendung entgegensetzen zu wollen wäre, glaube ich, ein auswegloses Unterfangen.

Und was sagen Sie zur Qualität dessen, was man heute so hört?

Die Qualität ist so, wie es das Nutzungsverhalten des Mediums vorschreibt. Selbst eine sehr ambitionierte Satiresendung wie die „Intensivstation“ des NDR dringt überhaupt nicht mehr vor. Das ist alles von vorgestern, dieser Wahrheit muss man sich stellen.

Und was ist heute Ihr Medium?

Ganz viele Medien nebeneinander. Mein Rückzugsgebiet, wenn man so will, ist tatsächlich der Livesektor. Dort kann man alles machen – ohne Redaktion, Teamarbeit und diesen ganzen Horror. Und die Leute konzentrieren sich vor allem auch zweieinhalb Stunden darauf, was in keinem anderen Medium mehr der Fall ist.

Eine Frage noch: Im Internet ist ein altes Foto von Ihnen zu sehen, auf dem Sie als „Kleiner Tierfreund“ neben dem Hamelner Rattenfänger an einem offenen Grab stehen. Was war da los?

Da habe ich ein Känguru beerdigt, das auf der A7 zu Tode gekommen ist. Wie hieß das Vieh noch? Das war so ein typisches Sommertier, das aus einem Tierpark ausgebüchst und durch Südniedersachsen gegeistert ist. Ich glaube in Bockenem ist es beerdigt worden auf einem Tierfriedhof. Das muss das Foto sein. Ich schätze, das war 1991.Interview: Frank Henke

Termin: Dietmar Wischmeyer: „Achtung Artgenosse“, heute, 20 Uhr, Rattenfänger-Halle, Tickets noch erhältlich.

Foto: J. Schmidt



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