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Wer ist der „Größte“ in der Stadt? Psychologe Hans-Jürgen Fromm über Motive für illegale Autorennen

Macht, Motoren, Machogehabe – warum manche rasen müssen

Hameln. Der geschrottete Ferrari auf der Deisterstraße. Seit das Dasein dieser Rennmaschine am Wochenende ein Ende fand, spricht Hameln über illegale Straßenrennen, getunte Sportautos und Männer mit tollem Testosteronspiegel. Hans-Jürgen Fromm ist seit 25 Jahren als Verkehrspsychologe tätig. Als Gebietsleiter des Medizinisch-Psychologischen Instituts der Tüv Nord Mobilität GmbH & Co. KG begegnen ihm Männer mit PS-starken Autos, die irgendwas falsch gemacht haben. Andernfalls wäre es nie zu den Treffen gekommen. Fromm kennt sich aus mit den Motiven illegaler Rennfahrer.

veröffentlicht am 06.08.2015 um 19:10 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 20:21 Uhr

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Wie häufig haben Sie bei Ihrer Arbeit mit Menschen zu tun, die illegale Autorennen fahren? Das ist nicht so häufig, nur einige im Jahr. Oft werden sie ja gar nicht erwischt.

Was veranlasst (junge) Männer, sich ein Rennen in der Innenstadt zu liefern? Die Motive können sehr unterschiedlich sein. Ein wichtiges Motiv ist sicherlich, zu zeigen, ,ich selbst bin der Beste, Größte, ich habe das beste Auto und kann mir das auch leisten’.

Warum sind es vor allem Männer, die diese Rennen fahren? Es geht natürlich auch um Anerkennung, teilweise sind viele Zuschauer bei den Autorennen. Der „Sieger“ ist der Größte, Beste. In diesem Zusammenhang ist sicherlich auch zu beachten, dass gerade (jungen) Männern Anerkennung sehr wichtig ist. Ursachen können sein, dass in anderen Bereichen die Anerkennung oder Bestätigung fehlt, zum Beispiel arbeitslos, keine Anerkennung im Beruf. Eine wichtige Rolle spielt auch die starke „emotionale Beziehung“ zum Auto und zum Autofahren. Das Auto als Prestigeobjekt, Faszination durch Motorisierung.

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  • H.-J. Fromm pr

Gibt es ein Schema, nachdem häufig Männer mit der Eigenschaft XY zu verbotenen Autorennen neigen? Häufig spielt hier ein mangelndes Selbstwertgefühl eine wichtige Rolle. Durch die Teilnahme an illegalen Rennen zeige ich, dass ich bereit bin, etwas Verbotenes zu tun. Ebenso führt allein die Teilnahme an einem illegalen Autorennen zu Aufmerksamkeit, durch die Zuschauer, die danebensitzende Freundin und so weiter. Eventuell wird sogar in der Presse darüber berichtet und ich kann sagen, ,da war ich als Teilnehmer dabei’. Weiterhin fehlt es den Teilnehmern häufig an Verantwortungsbewusstsein, die Risiken, insbesondere für andere werden vollkommen ausgeblendet.

Wo liegen die Wurzeln dafür, evolutionär betrachtet? Evolutionsgeschichtlich: Schon vor Jahrtausenden wurde unter Männern die „Führung“ ausgekämpft, der Sieger hat das Sagen. Bei Autorennen geht es auch darum zu zeigen, wer der „Mächtigere“ ist. Auch im Tierreich wird das „Leittier“ bei manchen Tierarten ausgekämpft.

Wen wollen Männer, die einen Kickstart an der Ampel hinlegen, mit quietschenden Reifen davonfahren oder ihre Autos extrem tunen, beeindrucken? Sich selbst, Frauen oder andere Männer? Vordergründung wollen sie andere beeindrucken. Aber letztlich geht es ihnen um das Streben nach Anerkennung und Aufmerksamkeit.

Welche Rolle spielt der Nervenkitzel dabei? Gerade bei jungen Männern spielt Nervenkitzel eine große Rolle. In dem Alter bin ich bereit, ein hohes Risiko einzugehen, ich halte mich für unverwundbar.

Aus Ihrer Erfahrung: Was schreckt Straßenrennfahrer ab? Das Problem ist, dass illegale Straßenrennfahrer die Gefahr, die von ihnen ausgeht, nicht sehen, sehen wollen. Wenn allerdings einige ihrer Kumpel aufgrund der Teilnahme ihre Fahrerlaubnis entzogen bekommen haben, kann dies abschreckend wirken. Die Fahrerlaubnis ist bei diesen Verkehrsteilnehmern ein wichtiges Statussymbol. Wenn sich herumspricht, dass ich meine Fahrerlaubnis verloren habe, ist auf einmal mein Status geringer. Sprich, es wurde genau das Gegenteil von dem erreicht, was ich erreichen wollte. Eine hohe Kontrolldichte und die damit verbundene Gefahr „erwischt“ zu werden, wirkt sicherlich abschreckend.

Was sind die verkehrsrechtlichen und -psychologischen Folgen für einen Fahrer, der auf frischer Tat, oder nach einem Unfall, ertappt wird? „Probleme“ mit der Fahrerlaubnis. In letzter Konsequenz kann sie entzogen und eine MPU, medizinisch-psychologiche Untersuchung, angeordnet werden. Außerdem gibt es zwei Punkte und ein Bußgeld von 400 Euro.

Und ein Umdenken? Die „Raser und Rennfahrer“ müssten ein Bewusstsein für die Gefährlichkeit ihres Handelns entwickeln. In diesem Zusammenhang muss auch eine Empathie hinsichtlich eventueller Opfer aufgebaut werden. Diese ist in der Regel gar nicht oder nur in geringem Ausmaß vorhanden. Weiterhin müssten sie Verhaltensalternativen entwickeln, Selbstbestätigung in anderen Bereichen, zum Beispiel im Sport, finden.

Interview: Nina Reckemeyer



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