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Wenn Kinder ihr Geschlecht ablehnen / Selbsthilfegruppe bei den Paritäten Hameln will Rat geben

Lisa/Tim – im falschen Körper gefangen?

Hameln. Bettina B. (Name geändert) aus Hameln betrachtet ein Foto ihre Tochter Lisa (Name geändert). „Was für ein hübsches Mädchen sie doch ist mit ihren langen lockigen Haaren und dem charmanten Lächeln!“ Als das Foto entstand, war Lisa acht Jahre alt. Jetzt ist sie zehn. Ihre Haare sind raspelkurz, ihr Lächeln ist anders. Auch ihre Kleidung ist anders. Statt knallbunter Röcke und Mädchenjeans trägt sie nur noch blaue oder olivgrüne Jungenjeans und knabenhafte Pullis. Für die Fotos, auf denen sie mit langen Haaren und dem niedlichen Mädchengesicht zu sehen ist, schämt sie sich. „Das war einmal. Ab jetzt bin ich Tim und nicht mehr Lisa“, hat das Mädchen vor zwei Jahren beschlossen.

veröffentlicht am 08.05.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 11.11.2016 um 23:21 Uhr

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Autor:

Christiane Stolte
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Mutter nahm das nicht ernst

„Ich habe das damals nicht wirklich ernst genommen und gedacht, es sei nur eine Laune“, erinnert sich die Mutter. Lisa sei ihrer Meinung nach bis dahin ein sich völlig normal verhaltendes Mädchen gewesen. Vielleicht ein bisschen wild, aber das seien andere Mädchen doch auch. Ob als Säugling oder Kleinkind – Lisa habe sich nicht anders verhalten als Gleichaltrige. Und dann das! Von einem Tag auf den anderen war Lisa weg und Tim da.

„Ich kann es kaum glau-ben, dass mein Mädchen nun ein Junge sein möchte“, sagt die Mutter. Jeder, der ihre Tochter sehe, halte sie für einen Jungen. Fremden Leuten stelle sie sich als Tim vor. Ihre Bekannten weise sie ständig darauf hin, jetzt Tim zu sein. „Die meisten halten es eher für eine Spaß und gehen auf ihren Wunsch ein“, so die Mutter.

Je öfter Lisa für einen Jungen gehalten werde, desto stolzer sei sie. Ihr Wunsch nach einer operativen Geschlechtsumwandlung zu gegebener Zeit werde immer größer. Sie spare bereits auf diesen Eingriff. „Wir haben viele Gespräche geführt, in denen Lisa immer wieder betonte, dass sie sich nichts sehnlicher wünsche, als ein Junge zu sein“, so die Mutter.

Ist es Provokation, eine Laune, Wichtigtuerei, befindet sich Lisa in einer pubertären Findungsphase, oder sollte in ihrem als äußerlich erkennbarem Mädchenkörper tatsächlich ein Junge „gefangen“ sein? Bettina B. weiß es nicht. Auch nicht nach einem Gespräch mit der Kinderärztin, die ihr vorerst geraten habe, abzuwarten. Dazu rät auch Dr. Michael Heilemann. „Die Pubertät sollte bei einem Kind in diesem Alter abgewartet werden“, betont der Hamelner Psychotherapeut auf Anfrage der Dewezet. Ein Therapeut sollte dennoch zurRate zogen werden.

Zur Beantwortung der Frage „Warum gefangen im falschen Körper?“ und überhaupt, um eine Diagnose zu stellen, seien intensive Gespräche mit dem betroffenen Kind erforderlich, eine sogenannte Tiefen-Anamnese. Liegen das „Andersseinwollen“ und die gestörte Geschlechtsidentität des Kindes im familiären Umfeld, in der Erziehung, an einem extrem strengen oder auch psychisch labilen Elternteil, an Missbrauch – oder gibt es andere Gründe? Die Ursachen seien sehr vielseitig. Ohne eine Tiefenanamnese könne keine Diagnose erfolgen, so Heilemann. Seiner Kenntnis nach sind im Landkreis Hameln-Pyrmont die Fälle, in denen sich Kinder im falschen Körper fühlen, sehr selten. Meist seien es aber eher Jungen, die sich als Mädchen fühlen.

Psychologen bieten Hilfe an

Das bestätigt auch Dieter Haberstroh, der Leiter des Kinder- und Jugendpsychologischen Dienstes Hameln. „Wir haben extrem selten mit solchen Fällen zu tun. Man muss aber auch bedenken, dass es sich um ein Tabu-Thema handelt“, räumt der Diplompsychologe ein. Be-troffenen Eltern rät auch er, sich unbedingt mit Therapeuten in Verbindung zu setzen. Unterstützung biete auch der Kinder- und Jugendpsychologische Dienst als Anlaufstelle (Telefon 05151/9033599).

Zu einem Psychologen möchte Bettina B. mit ihrem Kind derzeit noch nicht gehen. Vielleicht handele es sich tatsächlich um eine pubertäre Laune oder Findungsphase. Fest steht für sie jedenfalls: „Egal, in welche Richtung sich mein Kind entwickelt, ich werde mich der Realität stellen und sowohl zu Lisa als auch zu Tim halten“, betont sie. Gern möchte sie sich mit anderen betroffenen Eltern in Verbindung setzen und eine Selbsthilfegruppe bei den Paritätischen Diensten in Hameln ins Leben rufen. Interessierte können sich dort unter Telefon 05151/576113 melden.

Unglücklich in der Pubertät sind viele, unglücklich mit dem eigenen Geschlecht nur wenige. Was deren Eltern zunächst vielleicht für eine Laune ihres Kindes halten, kann zu erheblichen Problemen führen.

Fotomontage: Wal



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