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Der Wunsch nach Bettgittern – warum der Werdenfelser Weg für Bernd Teichmann nichts ist

Lieber sicher als frei

Hameln. Wie viel Freiheitsentzug ist in der Pflege vertretbar, um Sicherheit zu schaffen? Mit dieser schwierigen moralischen Frage sehen sich Pflegekräfte und Angehörige tagtäglich konfrontiert. Auch Bernd Teichmann, dessen Frau in der Einrichtung Tönebön am See untergebracht ist. Der 73-Jährige ist Betreuer seiner ebenso alten dementen Frau. Auch wenn diese nicht mehr wirklich gut gehen kann, habe sie immer noch „Weglauftendenzen“, so Teichmann. Daher passiere es, dass sie zeitweise versuche, aus dem Bett oder dem Rollstuhl zu kommen.

veröffentlicht am 19.02.2016 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 19:21 Uhr

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Autor:

von andrea tiedemann
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Um Unfälle zu verhüten, wäre Teichmann glücklich, wenn man ein Bettgitter oder auch einen Plexiglastisch am Rollstuhl anbringen dürfte, um seine Frau zu schützen. Das ist allerdings eine Form der Freiheitsentziehung – und bedarf einer Genehmigung durch das Gericht. Mitglieder des sogenannten Werdenfelser Wegs, die sich regelmäßig in Hameln treffen (wir berichteten), wollen solche Einschränkungen nach Möglichkeit vermeiden. Teichmann hat dafür nur bedingt Verständnis. Auch wenn er zum Beispiel grundsätzlich gegen Fixierung sei, gehe ihm der Werdenfelser Weg zu weit. „Man versucht, einen idealen Weg zu gehen, ohne dass dafür die personelle Voraussetzung geschaffen ist.“

Verfahrenspflegerin

schlägt Matratze vor dem Bett vor

Auf seinen Antrag bei Gericht, ein Bettgitter bei seiner Frau anzubringen, wurde ihm zunächst von einer Verfahrenspflegerin vorgeschlagen, eine Matratze vors Bett der Frau zu legen, um bei einem Sturz die Folgen zu mindern. Ein mittlerweile übliches Verfahren, um Bettgitter zu vermeiden. Teichmann hingegen empfindet den Vorschlag eher als Zynismus. „Wichtig ist also, dass jeder die Freiheit hat, aus dem Bett oder Rollstuhl zu stürzen“, kommentiert er den Vorschlag.

Er habe am 5. Dezember einen Antrag auf Genehmigung gestellt – „zum Schutz der Gesundheit meiner Frau“. Dass Verfahren bis zu sechs Wochen dauern, sei normal, teilt Gerichtssprecherin Sabine Quak mit. In vielen Fällen – wie auch in dem von Herrn Teichmann – versuche man zunächst, mithilfe der Verfahrenspfleger nach Alternativen zu suchen. Sei der Antragsteller nicht einverstanden, könne er eine gerichtliche Entscheidung erzwingen. Dass es oft länger als gedacht dauert, liege daran, dass die ärztlichen Stellungnahmen Fragen offen lassen. Für besonders eilige Fälle gebe es zwar das Schnellverfahren des einstweiligen Rechtsschutzes – dies kommt aber nur in wirklich dringenden Fällen zum Einsatz. Dass es durch die Initiative des Werdenfelser Wegs zu einem Einbruch der Anträge auf freiheitsentziehende Maßnahmen gekommen sei, könne Quak zwar nicht beobachten, durchaus aber einen Rückgang der Anträge. Unproblematisch sei ein Bettgitter zum Beispiel bei Pflegebedürftigen, die ihren „Fortbewegungswillen“ gar nicht mehr deutlich machen können. „Es ist immer eine Abwägung zwischen Sicherheit und Lebensqualität der Betroffenen“, sagt Quak. Teichmann wiederum sieht gerade in der Sicherheit die Lebensqualität seiner Frau gesteigert. Alles eine Frage des Blickwinkels.

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  • Pflege von dementen Menschen erfordert eine Abwägung zwischen Freiheit und Sicherheit. dpa


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