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Das Ende des Traditionskaufhauses / Angestellte trauern / Vermakelung der Immobilie schwierig

Licht aus! Heute Abend ist bei Hertie Schluss

Hameln. Die Stimmung ist gedrückt. Durchsagen zum „letzten Countdown“ schlagen aufs Gemüt. Die meisten Regale sind längst leergeräumt. Es sieht trostlos aus. Heute um 18 Uhr gehen in Hamelns Traditionskaufhaus im Herzen der Altstadt die Lichter aus: Hertie macht dicht. Bis zuletzt gaben sich hier die Kunden buchstäblich die Klinke in die Hand, um das eine oder andere Schnäppchen aus dem Räumungsverkauf zu ergattern oder um einfach nur „Tschüss“ zu sagen. Stammkunden nehmen traurig Abschied. Die Stammbelegschaft bewahrt mühsam Haltung, die meisten würden am liebsten heulen.

veröffentlicht am 27.02.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 12.11.2016 um 09:41 Uhr

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Autor:

Karin RohrVon Karin Rohr
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Wenig Hoffnung

für die Zukunft

„Es ist deprimierend“, sagt die Betriebsratsvorsitzende Inge Wessel und kämpft mit den Tränen. Das bittere Ende heute erlebt sie nicht mehr. Sie macht Ferien. Als sie den Urlaub „vor ewig langer Zeit“ buchte, war ihre (Arbeits)Welt noch in Ordnung: „Damals ahnte ich nicht, dass es kein Zurück mehr geben würde“, sagt Inge Wessel und ringt sichtbar um Fassung. „Es ist hart für alle“, meint die 53-Jährige, die 34 Jahre lang dem Kaufhaus die Treue hielt und wie etwa die Hälfte der 24-köpfigen Belegschaft von (fast) der ersten Stunde an dabei war. „Wir sind wie eine große Familie“, erzählt sie: „Wir duzen uns, haben gemeinsam viel unternommen, Radtouren gemacht, Partys gefeiert.“ Freundschaften und auch Partnerschaften haben sich im Laufe der vielen Jahre ergeben. Das Aus für das Kaufhaus hat alle wie aus heiterem Himmel getroffen. „Da kam diese Mail, die uns mitteilte, welche Hertie-Häuser schließen würden: Hameln war auch dabei“, erinnert sich Inge Wessel. Dabei habe das heimische Kaufhaus immer schwarze Zahlen geschrieben. Doch Engagement und Loyalität der Belegschaft konnten das Aus nicht verhindern: Wegen der Finanzprobleme des Miteigentümers Dawnay Day hatte Hertie im Juli vergangenen Jahres einen Insolvenzantrag gestellt.

Zwar haben die Angestellten bislang keine Kündigung erhalten, aber sie sind bereits als Arbeitsuchende gemeldet. Ohne sich allzu große Illusionen zu machen: „Wir sind pessimistisch, was die Zukunft angeht“, meint Inge Wessel. Berthold Eising, Chef der Hamelner Hertie-Filiale teilt ihre Bedenken: „Die Belegschaft ist im Durchschnitt 50 Jahre alt. Da hat man es nicht leicht auf dem Arbeitsmarkt.“ Sein eigenes Schicksal ist auch ungewiss: „Vielleicht kann ich die Leitung einer anderen Filiale übernehmen“, hofft Eising. Der Belegschaft bescheinigt er „gute Arbeit“. Sie habe sich bei den Kunden einen hervorragenden Ruf erworben. Bei der Abschiedsfeier heute Abend nach Toresschluss werden Tränen rollen. „Aber wir bleiben alle im Kontakt“, sagt Inge Wessel.

Gemeinsame Arbeitsjahre und Erinnerungen an den Ansturm beim Schlussverkauf in früheren Jahren, an lustige und kuriose Erlebnisse mit Kunden – das alles schweißt zusammen. „Jeder kennt Hape Kerkeling“, erzählt Inge Wessel: „Vor ein paar Jahren hat er bei uns in der Jeansabteilung eine Hose anprobiert, noch ein paar Schuhe dazu gesucht und alles gleich anbehalten.“ Bezahlt habe er dann mit einer Karstadt-Personalkarte. Inge Wessel: „Wir haben uns ganz schön gewundert: Hape, eine Angestellter bei Karstadt? Nein, die Karte hatte er von seiner Tante.“

Abdullah Sade bangt um seine Existenz: Er würde mit dem „Imbiss im Hertie“ gerne weitermachen, hat bislang aber keine Antwort auf seine Nachfragen bekommen. Fotos: Dana

Auch der Imbiss

ist bedroht

Wenn Hertie heute schließt, bedeutet das gleichzeitig das Aus für den kleinen Blumenladen im ehemaligen Schaufenster. Und auch Abdullah Sade (47), der den „Imbiss im Hertie“ betreibt, bangt um seine berufliche Existenz. Er möchte gern weitermachen, der Imbiss läuft gut, hat einen separaten Eingang, ist aber im Hinblick auf Wasser und Strom vom zentralen Trafo im Kaufhaus abhängig: „Wird der abgestellt, geht’s für mich nicht weiter.“ Denn mehr als die Miete von 4200 Euro plus Nebenkosten, die er derzeit zahle, könne nicht aufbringen.

Die Zukunft der traditionsreichen Immobilie ist noch völlig unklar. „Dawney Day hat sich dazu noch nicht geäußert“, sagt Berthold Eising. Eine echte Chance für das Gebäude aus den 60er-Jahren sieht Hamelns Hertie-Chef nur in einer Modernisierung: „500 000 Euro müsste man reinstecken“, schätzt er.

Auch Stadtmanager Stefan Schlichte ist der Ansicht, dass die Immobilie mindestens grundsaniert werden muss. Im Moment sei die Vermarktung schwierig, er stehe in direktem Kontakt mit der zuständigen Berliner Makler-Firma Atisreal. „Wir sind aber auch selbst aktiv und schreiben Kunden an, die in das Einzelhandelskonzept der Stadt passen“, sagt der Geschäftsführer des Hamelner Stadtmarketings. Nach Stefan Schlichtes Meinung kommen für die 2200 Quadratmeter Kaufhausfläche am ehesten „die Elektro-Branche oder der Warenhausbereich“ in Betracht.

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Von Kepa bis Hertie

Kepa eröffnet 1961 das Kaufhaus an der Osterstraße, das auf dem einstigen Grundstück des Weserkaufhauses gebaut wurde. Der Rohbau aus 1750 Kubikmetern Beton und 215 Tonnen Stahl wurde in nur 61 Arbeitstagen errichtet. Eine Geschwindigkeit, die Straßenpassanten verblüffte: „Staunend standen sie Tag für Tag vor dem Neubau“, berichtete damals die Dewezet, „staunend darüber, welches Bautempo hier vorgelegt und welch hoher Grad einer gut funktionierenden Organisation sichtbar wurde.“ 124 Mitarbeiter beschäftigte Kepa damals in Hameln.

Von Kepa zu Karstadt: 1978 wurde das Gebäude von Kepa in Karstadt umfirmiert. Während die 60er-Jahre-Optik der Fassade nahezu erhalten blieb, gab es im Inneren immer wieder Veränderungen. 1984 wurde die Lebensmittelabteilung im Untergeschoss geschlossen, der Textilbereich um 350 Quadratmeter erweitert. 1992 wurde das Haus für 2,2 Millionen Mark umgebaut und modernisiert, das Warensortiment um die Multimedia-Abteilung ergänzt und der Textilbereich weiter aufgestockt.

Von Karstadt zu Karstadt-Kompakt: Als sich Karstadt im Jahr 2005 von allen Häusern unter einer Verkaufsfläche von 8000 Quadratmetern trennte, kam das Hamelner Objekt zusammen mit 72 weiteren Häusern zur Karstadt-Kompakt-Gruppe.

Von Karstadt-Kompakt zu Hertie: 2007 übernahm Hertie alle 73 Karstadt-Kompakt-Häuser in Deutschland, darunter das in Hameln. Die Belegschaft ist von ehemals 124 Kepa-Mitarbeitern inzwischen auf 24 Hertie-Mitarbeiter geschrumpft. Der Textilbereich wird mit populären Mode-Labels wie „edc“ oder „Staccato“ neben Haushaltswaren und Multimedia-Artikeln zum wichtigsten Standbein.

Hertie meldet Insolvenz an: Im Juli 2008 meldet die Warenhauskette Hertie Insolvenz an. Die britische Investmentgruppe Dawnay Day steigt ein, ist neuer Eigentümer der Hertie-Häuser, wird aber selbst insolvent. Nach fast 50 Jahren kommt für Hamelns traditionsreiches Kaufhaus an der Osterstraße das Aus.

Gedrückte Stimmung bei den Hertie-Mitarbeitern: Heute Abend ist Schluss. Das Foto zeigt einen Teil der Belegschaft mit der Betriebsratsvorsitzenden Inge Wessel (li.) und dem Chef der Hamelner Filiale, Berthold Eising (re.).

Abdullah Sade (kleines Foto) bangt um seine Existenz: Er würde mit dem „Imbiss im Hertie“ gern weitermachen, hat bislang aber keine Antwort auf seine Nachfragen bekommen. Fotos: Dana



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