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Hamelnerin muss hinter Gitter / Größter Fall von Heroin-Handel in der heimischen Kriminalgeschichte

„Leid über Menschen gebracht“

Hameln/Hannover. Es ist entschieden: Die Hamelnerin Sabine W. (46) wird vorerst nicht in ihr schmuckes Eigenheim mit Panoramablick zurückkehren können – sie muss die nächsten fünf Jahre und zwei Monate in einer kleinen Zelle hinter schwedischen Gardinen ausharren. Schon seit Mitte Juni vergangenen Jahres sitzt sie in U-Haft. Was sie vielleicht noch härter trifft: Das Landgericht Hannover hat auch einen sogenannten Wertersatz-Verfall in Höhe von 400 000 Euro angeordnet. Auf diese Weise kann der Staat eine „rechtswidrige Bereicherung beseitigen“. Die Summe entspreche in etwa dem Bruttowert der gehandelten Drogen, stellte die Vorsitzende Richterin Monika Thiele fest.

veröffentlicht am 28.01.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 13.01.2017 um 12:41 Uhr

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Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Die Strafkammer sieht es als erwiesen an, dass die zierliche Großdealerin mit der schwarzen Brille und den kurzen braunen Haaren kiloweise harte Drogen verkauft hat. „Sie haben viel Leid über Menschen gebracht“, sagte die Richterin. Sabine W. hätte für das, was sie gestanden hat, auch 15 Jahre Haft bekommen können. Sie habe aber Namen genannt und mit ihrem Geständnis „erhebliche Aufklärungshilfe geleistet“, sagte Thiele. Mit dem verhältnismäßig milden Urteil hat die Justiz gestern am späten Nachmittag einen ersten vorläufigen Schlussstrich unter den bislang größten Fall von Heroin-Handel in der heimischen Kriminalgeschichte gezogen.

Als Polizisten am 14. Juni vergangenen Jahres den Neubau, in dem die Frau wohnte, durchsuchten, fanden sie etwa 2,3 Kilo ungewöhnlich reinen Stoff. Noch niemals zuvor war im Landkreis Hameln-Pyrmont eine größere Menge Heroin beschlagnahmt worden. Sabine W. hat zugegeben, zwischen Oktober 2013 und Juni 2014 insgesamt zehn Kilogramm reines Heroin für 440 000 Euro von ihrem Lieferanten gekauft zu haben. Insider sagen, für den Straßenverkauf könnte man daraus 100 Kilo gestreckte Ware machen.

Die Frau muss für 84 Straftaten büßen, in den kommenden Jahren auf Familie und Komfort verzichten. Finanziell dürfte sie ruiniert sein.

Ihr Kunde Oliver H. (31) soll jahrelang regelmäßig Rauschgift von der unter anderem wegen Drogenhandels vorbestraften Frau (22 Einträge im Bundeszentralregister) bezogen haben – zum Eigenkonsum, aber auch zum gewinnbringenden Weiterverkauf. So soll der 31-Jährige seine eigene Sucht finanziert haben. Der Staatsanwalt listete bei Oliver H. 144 Straftaten auf. Zählt man alle vom Ankläger geforderten Einzelstrafen zusammen, kommt man auf 100 Jahre. Der Staatsanwalt zog sie wenig später zu einer deutlich geringeren Gesamtfreiheitsstrafe zusammen, beantragte zwei Jahre und neun Monate Gefängnis.

Verteidiger Anselm Schanz konnte die Argumentation des Staatsanwalts nicht nachvollziehen. Er kämpfte wie ein Löwe für seinen Mandanten, zählte zahlreiche Bewährungsgründe auf und bat das Gericht, es möge Oliver H. von der Haft verschonen. Das Gericht folgte dem Antrag. Dem Mann bleibt der Knast erspart. Zwei Jahre Freiheitsstrafe – ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung, lautete das Urteil. Der 31-Jährige, der freiwillig eine Entgiftung gemacht hat, konnte aufatmen. Er muss jedoch an Gesprächen bei der Drogenberatung teilnehmen und einmal pro Monat das Ergebnis seiner Urinprobe mitteilen. Wird er wieder süchtig, könnte er schneller als ihm lieb ist hinter Gitter kommen. Er habe Farbe bekannt, reinen Tisch gemacht, Reue gezeigt und Aufklärungshilfe geleistet, sagte die Richterin. Deshalb habe die Kammer auf eine „moderate Strafe“ erkannt. Allerdings sei Oliver H. beileibe kein Kleindealer gewesen. Thiele sprach auch von „Verbrechenstatbeständen“.

Jede Tat wird bestraft. Bei Sabine W. liegen die von der Kammer verhängten Einzelstraftaten zwischen zwölf Monaten und zweieinhalb Jahren. Für die 84 ihr zur Last gelegten Delikte wären das unter dem Strich 91 Jahre. Anders als in den USA werden in Deutschland Strafen nicht einfach aufsummiert. Die Gerichte bilden Gesamtstrafen. Das Gesetz sieht vor, die höchste Einzelstrafe angemessen zu erhöhen. Und so lautete das Urteil am Ende: fünf Jahre und zwei Monate. Der Staatsanwalt hatte nur vier Monate mehr gefordert.

Mit Spannung wird jetzt der Prozess gegen den seinerzeit ebenfalls geschnappten mutmaßlichen Lieferanten der Hamelnerin erwartet. Insider erwarten, dass Sabine W. gegen den Mann (28) als Zeugin aussagen muss. Als solche ist sie verpflichtet, zu reden und die Wahrheit zu sagen. Ihr Verteidiger Marco Neumann hatte in seinem Plädoyer erwähnt, seine Mandantin habe sich während der Untersuchungshaft Sorgen um Ehemann und Enkel gemacht und von „Körperverletzung“ gesprochen. Was genau er damit meinte, wollte er auf Nachfrage nicht sagen. Auch der Staatsanwalt gab sich wortkarg. Unbestätigten Informationen zufolge soll Sabine W.s Ehemann von vier Männern überfallen und zusammengeschlagen worden sein. Die Täter bestellten „schöne Grüße an Sabine“.



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