weather-image
16°

Hetzschrift auf Platz 1 der Beststellerliste – in Hameln wird die Neuausgabe im Schulunterricht nicht genutzt

Lehrer lassen „Mein Kampf“ links liegen

Hameln. In dieser Woche wäre Adolf Hitler 127 Jahre alt geworden. Passend zum Geburtstag führt seine Hetzschrift „Mein Kampf“ die Sachbuch-Bestsellerliste des „Spiegel“ an. Während die im Januar erschienene Neuausgabe im Buchhandel und online vergriffen ist, spielt sie im Geschichtsunterricht keine Rolle.

veröffentlicht am 20.04.2016 um 12:45 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 18:18 Uhr

270_008_7860715_hm_104_2004_mein_kampf.jpg
Wiebke Kanz

Autor

Wiebke  Kanz Reporterin (in Elternzeit) zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Am 8. Januar erschien eine Neuausgabe von Adolf Hitlers Propagandaschrift „Mein Kampf“. Am 31. Dezember 2015 waren, 70 Jahre nach Hitlers Todesjahr, gemäß deutschem Urheberrechtgesetz die Urheberrechte an dem Buch erloschen. Mit „Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition“ brachte das Münchner Institut für Zeitgeschichte eine kommentierte Neuausgabe auf den Markt, rund 2000 Seiten stark, mit etwa 3700 Fußnoten versehen.

Im Januar, als die Veröffentlichung der kritischen Edition von „Mein Kampf“ kurz bevorstand, konnte sich Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt vorstellen, dass die kommentierte Ausgabe sogar als Material für den Unterricht an Schulen verwendet wird. „Wir haben Vertrauen in unsere Lehrkräfte, dass sie kritisch kommentierte Textauszüge angemessen in den Unterricht einbinden“, sagte sie. Auch Johannes Heinßen, Vorsitzender des Niedersächsischen Geschichtslehrerverbands, und Horst Audritz, Vorsitzender des Philologenverbands, begrüßten das: „Ich bin der Meinung, dass das Buch im Schulunterricht eingesetzt werden muss“, sagte Heinßen im Januar. „Es ist besser, das Buch im Unterricht zu analysieren als der Entwicklung auf dem Markt freien Lauf zu lassen“, fand Audritz.

Genau diese Entwicklung scheint nun aber einzusetzen: Während „Mein Kampf“ in dieser Woche, in der Adolf Hitler 127 Jahre alt geworden wäre, auf Platz 1 der Sachbuch-Bestsellerliste des „Spiegel“ geklettert ist – ein Publikum gibt es für die Hetzschrift also durchaus, sie hat sich seit Januar rund 20 000 Mal verkauft –, wird es für den Schulunterricht so gut wie gar nicht benutzt. Das hat gleich mehrere Gründe: Als die kritisch kommentierte Neuausgabe im Januar auf den Markt kam, versuchte Sina Seebode, die am Hamelner Albert-Einstein-Gymnasium (AEG) die Fachschaft Geschichte leitet, ein Exemplar zu bekommen. „Es war aber überall sofort vergriffen“, sagt sie. Das sei das Hauptproblem.

Darüber hinaus nennt Seebode den Preis des Buches als Hinderungsgrund: Die aus zwei Bänden bestehende „kritische Edition“ kostet 59 Euro – „das ist für Schüler unmöglich“, sagt die Lehrerin. Eine Behandlung im Geschichtsunterricht sei demnach nur möglich, wenn man den Schülern kopierte Auszüge zur Verfügung stellen würde – „oder in einer für Schüler handhabbaren Version“, sagt sie. Diese aber gibt es bereits. Seebode: „Es gibt und gab auch vor Erscheinen der Neuausgabe bereits Unterrichtsmaterialien zu ,Mein Kampf‘“ – dafür brauchen Lehrer die neue Ausgabe nicht. Auch ihre Kollegen, berichtet die AEG-Lehrerin, benutzten „Mein Kampf“ im Unterricht nicht.

Im Buchhandel ist die Neuausgabe derzeit vergriffen. Dies liege, sagt Peter Peschke von der Hamelner Buchhandlung Seifert, aber nicht an der starken Nachfrage – sondern an Lieferengpässen. Schon vor Verkaufsstart am 8. Januar war klar gewesen, dass die Startauflage von 4000 Stück nicht ausreichen würde. Institutsdirektor Andreas Wirsching sprach bei der Präsentation von 15 000 Vorbestellungen. Man habe deshalb begonnen, das Werk nachzudrucken – 40 000 Exemplare seien derzeit gedruckt, sagt Peschke.

„Auch wir bekommen nicht alle Exemplare, die wir bestellen“, sagt Peschke weiter, „hier kommen mal drei, mal fünf Exemplare an, mal gar keins.“ Die Buchhandlung Seifert habe noch nicht alle Kundenwünsche abdecken können. Eine gesteigerte oder gar große Nachfrage kann Peschke aber nicht feststellen, wie er sagt: „Die große Nachfrage gab es vor dem Erscheinungstermin – jetzt haben wir kaum noch Anfragen.“

Auch online, etwa bei Amazon, gibt es die kritisch kommentierte Ausgabe von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ derzeit nur gebraucht. Dort werden die beiden Bände für bis zu 550 Euro verkauft.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?