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Auf dem Weg in die digitale Zukunft: Hamelns weiterführende Schulen im Vergleich

Lehrer der größte Hemmschuh?

HAMELN. Verschlafen Niedersachsens Schulen wirklich die digitale Zukunft? Der Vorwurf des Branchenverbands Bitcom traf die Lehrerverbände empfindlich. Wir haben uns in Hamelner Schulen einmal genauer umgesehen.

veröffentlicht am 07.04.2017 um 18:52 Uhr

Die Nase vorn: Schüler des Beruflichen Gymnasiums Wirtschaft (BGW) der Handelslehranstalt, Klasse 11, lernen vernetzt. Foto: Dana
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Nicht zuletzt, weil Bitcom-Präsident Thorsten Dirks die Lehrer als größten Hemmschuh in der digitalen Bildung bezeichnete. Eine Aussage, die vom mbb Institut (Medien- und Kompetenzforschung mbH) in Essen gestützt wird: Die digitale Kompetenz der Lehrenden sei die größte Herausforderung, heißt es, das geringste Problem sehen die Experten aufseiten der Lernenden.

An den Hamelner Gymnasien hält sich die kritische Selbsteinschätzung in Grenzen. Die digitale Kompetenz der Lehrer wird als überwiegend gut eingeschätzt, ein gewisses, oft altersbedingtes Gefälle wird aber eingeräumt.

Doch worüber reden wir eigentlich, wenn wir über digitale Kompetenz reden? Jedenfalls längst nicht mehr nur über den Einsatz digitaler Hilfsmittel, die den üblichen Unterricht technisch unterstützen. Schulportale wie „i-serv“ wo Schüler und Lehrer einen eigenen Mailaccount haben, Daten ausgetauscht werden, oder der Vertretungsplan auf digitalem Schwarzen Brett eingesehen werden kann, sind Standard. Die Ausstattung ist eine wichtige Voraussetzung, doch moderne Konzepte beinhalten vor allem eine gute digitale Vernetzung. Kollaboratives Lernen gilt als wichtigste didaktische Innovation: Beim vernetzten Lernen werden beispielsweise Experten per Skype zugeschaltet, so dass Lernprozesse eingeübt werden können, die in der Arbeitswelt Standard sind. Weitere Zukunftsperspektiven sind Wissensplattformern statt klassischer Bildungsverlage und E-Learning.

Am weitesten sind dabei im allgemeinen die berufsbildenden Schulen, und in Hameln im Besonderen die Handelslehranstalt, die sich mit einem ausgefeilten Konzept bereits im siebten Jahr der „digitalen Reformation“ befindet und bereits einen Preis gewonnen hat. Die HLA ist auch die einzige Schule, die sich mit einem „BYOD-Konzept“ (Bring Your Own Device) auseinandersetzt: Dafür bringen Schüler eigene Smartphones, Notebooks, Tablets mit. Der Vorteil: leichtes Handling und Kostenersparnis für die Schule.

Schwerer tun sich mit Neuerungen die traditionellen Gymnasien: „Gegenüber den tradierten Gymnasien sind die berufsbildenden Schulen nachdrücklicher mit den Erfordernissen einer digitalen Welt konfrontiert“, meint Schiller-Schulleiter Andresa Jungnitz. Das liege an inhaltlichen Schwerpunkten wie Wirtschaft, Informationsverarbeitung oder Technik. „Das liegt vermutliche aber auch daran, dass die berufsbildenden Schulen durchgängig mit erwachseneren Schülern zusammenarbeiten und einen stärkeren Praxis- wie Berufsbezug aufweisen.“

Unter den traditionellen Gymnasien ist das Albert-Einstein-Gymnasium den anderen einen Schritt voraus, die Schule hat ihr Konzept gerade wieder überarbeitet. Am schmalsten sind die Informationen zur digitalen Ausstattung und zu entsprechenden Lernkonzepten an IGS.

Kritik an übergeordneten Instanzen kommen vom Schiller-Gymnasium und von der Vikilu: Digitale Kompetenz setze die Fortbildung der Lehrkräfte voraus, doch eine Lehrerausbildung, die auf dem neuesten Stand von Technik und Konzeption sei, finde nicht statt, sagt Andreas Jungnitz. „Hier besteht ein erheblicher Entwicklungsbedarf.“ Auch Glaubitz, Leiter der Vikilu, betont: So didaktisch innovativer digitaler Unterricht sei, „so sehr müssen wir aber feststellen, dass solcher Unterricht kaum oder gar nicht zur gegenwärtig vorgeschriebenen Prüfungspraxis in Schulen passt. Erst wenn in diesem Bereich substanziell Änderungen vorgenommen werden, ist zu erwarten, dass auch der Unterricht nachzieht, beziehungsweise nachziehen kann.“

Albert-Einstein-Gymnasium

Insgesamt gibt es für 800 Schüler 550 mobile Endgeräte, 25 Lehrer-PCs, im Computerraum (für Schüler der Jahrgänge 5 bis 6) gibt es einen Multipoint-Server, 20 ZeroClients (Benutzerschnittstelle), in der Mediathek fünf Windows PCs. Die Jahrgänge 7 bis 11 haben einen eigenen Windows-Laptop oder Windows-Convertible (einige Apple-Geräte sind darunter). Im kommenden Jahr werden es dann die Jahrgänge 7 bis 12 sein. Pads oder Tabs werden weniger benutzt, da das Konzept den Einsatz von Laptops vorsieht. Smartphones werden zur Recherche genutzt. Videosequenzen, Standbilder, Fotostorys werden projektorientiert eingesetzt. Das Computerklassenkonzept wird aktuell ersetzt durch ein ganzheitliches, umfassendes Medienbildungskonzept. Zum Einsatz kommen Tools und Anwendungen wie bettermarks Mathelernumgebung, Orthografietrainer, GeoGebra, Office-Pakete, Digitaler Atlas, Bildbearbeitung, Videoschnitt und andere.

IGS

Die Integrierte Gesamtschule (IGS)hat 774 Schüler zwei Computerräume und 30 Laptops. Im Ganztagsbereich gibt es zwei Notebooks für Recherchen.Dazu kommen Arbeitsplätze für Lehrer. Smartphones werden für Recherche oder Mathe genutzt. Flächendeckendes WLAN gibt es nicht, da vor dem Umbau eine Ausstattung nicht sinnvoll sei. Die Information zu Inhalten bleibt knapp: Die digitale Kompetenz der Lehrer sei „gut“. Digitale Materialien würden, soweit sinnvoll, im Unterricht eingesetzt.

Viktoria-Luise-Gymnasium

Das Vikilu besitzt bei 1186 Schülern 26 Ipads, 30 Laptops und 50 Computer. Neben 3 PC-Räumen verfügt die Schule über Notebook-Wagen. Die PCs werden in allen Fächern, vor allem im Mathematikunterricht, genutzt. Smartphones werden bei Blitzrecherche, fotografischer Dokumentation von Unterrichtsergebnissen oder Experimente eingesetzt. Ab April werden beide Standorte mit Highspeed-Internet (DSL 100.000) versorgt sein, es gibt flächendeckendes, aber durch Filter begrenztes WLAN. Die Unterrichtsräume der Grütterstraße sind zusätzlich per LAN vernetzt. Es gibt ein Medienkonzept und eine Digital-AG. Es gibt Beispiele für die innovative Nutzung digitaler Medien, wie die Planung eines „Virtual Field Trip“ mit dem Microsoft-Programm „Skype in the Classroom“. Ein anderes Projekt ist eine (synchrone) Vermessung des nächtlichen Sternenhimmels mit Schülern in anderen Teilen der Welt. Ein derartiger Einsatz ist jedoch die Ausnahme.

Selbert-Schule

Die Elisabeth-Selbert-Schule hat rund 2000 Schüler (ein Drittel Teilzeit, der Rest Vollzeit). Zur Verfügung stehen den Schülern 103 PCs, 187 Laptops, 61 I-Pads und 12 Lenovo Tablets. Der Einsatz von Smartphones hängt von der Lerngruppe ab. An
der ELS wird vergleichsweise viel mit Erklärvideos gearbeitet. Schwäche: W-Lan bricht öfter zusammen. Dafür hat die Schule einen eigenen IT-Administrator.

Schiller-Gymnasium

Das Schiller-Gymnasium hat für rund 1200 Schüler drei Computerräume mit jeweils 16, 17 und 12 Arbeitsplätzen, außerdem 11 Arbeitsstationen für Lehrer, 10 Rechercherechner in der Schulbibliothek, 20 Laptops zur allgemeinen Ausgabe an die Schüler, sechs weitere Laptops zur Ausgabe an die Kollegen. Dazu kommen 50 Laptops in den Fachgruppen. Das WLAN ist flächendeckend auf dem neuesten Stand. Der Einsatz von Smartphones erfolgt im Schiller zur Recherche oder zur Videoanalyse, besonders in Sport und Physik. In der Schule existiert ein Medienkonzept, das regelmäßig weiterentwickelt wird.

Handelslehranstalt

1670 Schüler haben 352 Computer und acht Laptops zur Verfügung. In der Mediothek können sie 28 PCs außerhalb des Unterrichts nutzen. Die Nutzung von digitalen Hilfsmitteln ist obligatorisch. Die HLA hat seit 2010 das ausgefeilte Medienkonzept „GOING 2020“, bei dem jährlich neue digitale Bausteine dazukommen. 2017 steht die stärkere Einbindung digitaler Endgeräte, der Ausbau virtueller Arbeitsräume für kollaboratives Arbeiten und die Intensivierung der Vernetzung mit externen Partnern auf dem Programm. 2016 hat die HLA den ECDL School Award bekommen, mit dem die Dienstleistungsgesellschaft für Informatik Schulen auszeichnet, die neue Wege in der Digitalen Bildung gehen. Demnächst sollen die Projekte „Bring your own Device“und das digitale Klassenbuch integriert werden. Es gibt überall WLAN (15 Mbits/s) und als ECDL-Prüfungszentrum hat die HLA unter den Lehrern 14 zertifizierte Prüfer und etwa 500 Prüfer im Jahr.

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