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Ausbildung – uncool oder unpassend? / Was dem jungen Berufsmarkt zu schaffen macht

Leere Lehrstellen

Hameln-Pyrmont. In Deutschland wird so wenig ausgebildet wie nie seit der Wiedervereinigung. Die Zahl der unbesetzten Lehrstellen ist auf neuem Höchststand. Das zeigt der Berufsbildungsbericht 2015. Zurückgeführt wird die Entwicklung auf weniger Schulabgänger und mehr Studienbewerber. Im Arbeitsagenturbezirk Hameln wurden im vergangenen Jahr 2220 Ausbildungsverträge abgeschlossen (laut Bundesinstitut für Berufsbildung). In der Bundesrepublik waren es etwa 522 200 junge Menschen, die 2014 eine Ausbildung begannen.

veröffentlicht am 20.04.2015 um 20:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 19:41 Uhr

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Autor:

von Nina Reckemeyer
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Als Faustregel für den Landkreis gelte, dass kleine Betriebe alle drei bis vier Jahre einen Azubi ausbilden, größere jedes Jahr ein bis zwei junge Menschen, sagt Ulrich Wichmann, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Hameln-Pyrmont.

Von 2350 Ausbildungsstellen, die dem Arbeitsagenturbezirk Hameln für 2015 zur Besetzung vorliegen, sind aktuell 1608 unbesetzt, 142 mehr als im Vorjahr. Insgesamt wurden aber auch 203 Ausbildungsstellen mehr gemeldet als letztes Jahr. Die Zahl der Jugendlichen, die auf der Suche nach einer Lehrstelle bei der Berufsberatung in Hameln gemeldet ist, ist gegenüber dem Vorjahr aber weiter gesunken (-3,3 Prozent). Christina Rasokat, Sprecherin der Arbeitsagentur, gibt dabei allerdings zu berücksichtigen, dass dies erste Zahlen zu einem sehr frühen Zeitpunkt zum anstehenden Ausbildungsjahr sein. „In den kommenden Monaten bis zum Ausbildungsbeginn wird sich noch sehr viel tun.“ Fakt ist aber auch: „Bei mehr gemeldeten Stellen und weniger Bewerbern, so wie der Trend auch in Hameln, wird der Druck für die ausbildungssuchenden Unternehmen größer“, heißt es aus der Arbeitsagentur.

Das umfängliche Angebot an Informationen zum Berufseinstieg ist Bereicherung und Fluch zugleich, „dass junge Menschen nicht mehr wissen, wo sie anfangen sollen“, sagt Dorothea Schulz von der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Hameln.

Grund für die vielen leergebliebenen Ausbildungsstellen sei dann auch der Trend unter Jugendlichen, nach der Schule nicht direkt eine Berufsausbildung anzuschließen. Unter einigen gelte das als „völlig uncool“, was die heimische Wirtschaft bedauere, sagt Schulz. Orientierungsphasen wie Freiwillige Soziale Jahre, die FSJ, oder Work-and-Trave-Erfahrungen sind angesagt.

Die Welt ist komplexer geworden – und

mit ihr die Berufe

„Der Abstand vom Schulabschluss zum Ausbildungsbeginn wird damit immer größer“, so Schulz. Viele beginnen ein Studium, aus ähnlichen Gründen, vor allem aber wegen der höheren Statuswahrnehmung. Und nicht zuletzt wirke eine gewisse Gruppendynamik auf die Schulabgänger ein. Nach dem Motto: „Es gibt zehn für attraktiv befundene Ausbildungsberufe und auf die stürzen sich alle. Weil Nadine und Peter das ja auch machen.“

Vor allem aber müssen die Menschen heute immer breiter aufgestellt sein, auch bei ihrem Ausbildungsbeginn. „Unsere Welt ist so komplex und schwierig geworden, dass Sie keinen normalen Job mehr haben.“ Dieter Mefus, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands der Unternehmen im Weserbergland (AdU), vermutet den Grund für die angespannte Situation nicht zuletzt auch in den ständigen Veränderungen und stetig steigenden Anforderungen, denen sich der Arbeitsmarkt und damit Ausbildungsbetriebe wie Schulabgänger gleichermaßen ausgesetzt sähen. Ein Maler müsse heute viel mehr Fähigkeiten vereinen, als es noch vor Jahren der Fall war. Das gelte für die meisten anderen Handwerksberufe auch.

„Arbeitgeber im Landkreis gehen mit gleichbleibender Intensität an die Besetzung ihrer ausgeschriebenen Lehrstellen“, so Mefus. Aber: „Es muss auch passen.“ Ein Bewerber, der nicht zur Stelle passe, nütze dem Betrieb genauso wenig, wie dem Bewerber eine Stelle, die nicht zu seinen Fähigkeiten passe. Viele Jugendliche seien inzwischen bereit, Kompromisse einzugehen, wie auch die Betriebe bis zu einem gewissen Maße.

Sogenannte „Softskills“ gewinnen eben immer mehr an Bedeutung, meint Schulz. „Die Persönlichkeit hat einen hohen Stellenwert bei der Auswahl der Auszubildenden. Jugendliche kommen nicht mehr umhin, Verantwortung zu übernehmen. Dabei geht es um Dinge wie Verlässlichkeit und Pünktlichkeit, sagt Schulz. „Jugendliche sollten aber auch nicht nur in der Region schauen“, wenn nicht das Passende dabei ist, so die IHK.

Trotz der Bemühungen auf beiden Seiten, mit den gegebenen Umständen zu arbeiten und aufeinander zuzugehen, gibt es Grenzen. Und so passt es ins Bild, dass auch der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft im vergangenen Ausbildungsjahr von einer Reihe von Betrieben hörte, dass es ihnen gänzlich an Bewerbern fehle oder eben an den für Beruf und Betrieb passenden Bewerbern.

Die demografischen Veränderungen kommen zum Tragen. In Zukunft wird es wohl so sein: „Unternehmer müssen sich darauf einstellen, was da ist“ und sich den Fachkräftenachwuchs gegebenenfalls „selbst heranziehen“, erklärt die IHK. Der Tenor für die nächsten Jahre laute im Sinne der Arbeitsagentur also: „Die ausbildenden Unternehmen müssen ihre Bemühungen, um für Azubis attraktiv zu sein, verstärken.“ Marketingstrategien für die Stellenbesetzung werden wichtiger werden. Und große Unternehmen werden es da leichter haben als kleinere.



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