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Leben im Knast – spannend in Szene gesetzt

veröffentlicht am 18.07.2011 um 19:36 Uhr
aktualisiert am 05.12.2017 um 14:35 Uhr

Von Maja Jelkmann
Plötzlich dreht Markus Ulbig durch, schreit los und bedroht mit einem kurzen Stichmesser in der Hand die beiden Justizbeamten, die vor ihm stehen. Michael Wehmann und Karsten Hilker sind alarmiert. Solchen Szenen sind sie immer wieder ausgesetzt – Routinesituationen sind es dennoch nicht. Ihre Hände tasten intuitiv nach dem Pfefferspray und dem Einsatz-Mehrzweck-Stock – sie sind zur Abwehr bereit. Beide versuchen, den jungen Mann zu beruhigen, reden auf ihn ein – erfolglos. Ulbig greift an. Dann geht alles ganz schnell: Wehmann sprüht mit dem Pfefferspray, Hilker bringt Ulbig mit gekonntem Griff zu Boden und verschränkt dessen Arme hinter dem Rücken. Wehmann legt die Handfesseln an. Sie haben den Mann und die Situation fest im Griff.

Die Zuschauer atmen auf, applaudieren. In der Sporthalle der Jugendanstalt Hameln waren sie Beobachter einer nachgestellten Szene. Markus Ulbig ist kein aggressiver Insasse, und die Situation war nicht gefährlich. In der Realität kommen solche Szenen allerdings durchaus vor. Deshalb trainieren die Justizbeamten der Einsatztruppe regelmäßig und intensiv Konfliktbewältigung, Selbstverteidigung und Stocktechniken. „In den meisten Fällen geht es weniger darum, sich selbst zu verteidigen, als vielmehr darum, die Insassen zu schützen, sie davon abzuhalten, sich etwas anzutun“, erklärt Wehmann.

Diese eindrucksvolle Demonstration war nur ein Teil der knapp dreistündigen Führung durch die JA Hameln, einer „Stadt in der Stadt“, wie unsere Leser später feststellen. Da Sport ein wichtiges Element der Therapie jedes Häftlings ist, stellt Justizbeamtin Christine Kutzschbauch die große Sportanlage sowie den Werkstatt-Bereich vor. Denn um erfolgreich in der Welt „draußen“ zu überleben, können alle Inhaftierten einen Schulabschluss und eine Handwerks-Ausbildung absolvieren. Im inneren Sicherheitsring stehen die großen Wohnblocks der Anlage. Dort gewährt ihr Kollege Ralf Jäger einen Blick in die Einzelzellen der Häftlinge: Wenige Quadratmeter, ausgestattet nur mit dem nötigsten. „Spätestens um 19.30 Uhr ist Einschluss, um 6 Uhr morgens die Lebendkontrolle“, erklärt er. Handys, Computer und Spielekonsolen sind nicht erlaubt, einen Fernseher haben nicht alle. Wer in welchem Block wohnt, entscheidet der Haftgrund und die Bereitschaft der Jugendlichen, an ihrer individuellen Therapie mitzuarbeiten. Wer kooperiert, wird mit Zugeständnissen wie private Kleidung oder mehr Aufschlusszeit belohnt.

Kutzschbauch arbeitet seit acht Jahren in der JA – und noch immer sehr gerne. Das merkt man, wenn sie vom Leben hinter Gittern erzählt. Und es gibt viel Spannendes zu erzählen. Alle wären gerne noch länger geblieben.



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