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Immer weniger verschlossene Türen, Gurte und Bettgitter: Viele Heime überdenken Konzepte

Leben im Heim: Freiheit kontra Sicherheit

HAMELN. Die Freiheit des Menschen ist im Grundgesetz verankert. Doch in der letzten Phase des Lebens, wenn Menschen zu Hause oder im Heim der Pflege bedürfen, bekommt sie Risse. Fixierungen und Medikamente, die die Bewohner „außer Gefecht“ setzen, gehören ebenso zum Alltag wie das Abschließen von Türen.

veröffentlicht am 04.12.2018 um 11:18 Uhr

Die Türen in der Scharnhorstresidenz sind stets geöffnet, sagt Marius Marczik. Foto: doro
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite

Manchmal wird mit Tricks gearbeitet: vorgetäuschte Bücherwände, hinter denen sich eine Tür verbirgt, schwer zu betätigende Drehknäufe oder komplizierte Zahlencodes, die demente Menschen überfordern. Der Bundesgerichtshof zählt so etwas zu freiheitsentziehenden Maßnahmen (FEM).

Die Hamelner Initiative Werdenfelser Weg versucht seit 2014, einen bewussten Umgang mit freiheitsentziehenden Maßnahmen in den Köpfen zu verankern. Ins Leben gerufen haben den Zirkel, der aus Pflegekräften, Ärzten, Juristen und Berufsbetreuern besteht, Marius Marczik, Pflegedienstleiter der Hamelner Scharnhorst-Residenz zusammen mit Vertretern des Amtsgerichtes Hameln. Marczik spricht von Erfolgen, wenn auch nicht flächendeckend. Ebenso eine Betreuungsrichterin des Amtsgerichtes. Die Zahl der Beschlüsse für unterbringungsähnliche Maßnahmen oder eine geschlossene Unterbringung seien rückläufig, sagt eine Sprecherin. Auch die Heimaufsicht des Landkreises bestätigt, das „ein Umdenken“ stattfindet. Zugleich aber heißt es: Der Personalmangel behindert die Umsetzung massiv.

„Das ist für jedes Heim schwierig“, räumt Marczik ein. Besonders nachts, wenn nur eine Pflegekraft für ein Gebäude zuständig sei. Dann werde es schwierig mit einigen Bewohnern, die großen Bewegungsdrang haben. Freiheit ist dann nur noch ein schmaler Grat. Immerhin sind die Türen in der Scharnhorst-Residenz nicht verschlossen. Statt mit Bettgittern und Gurten wird mit Niederflurbetten und Sensormatten vor dem Bett gearbeitet. Ein Restrisiko bleibt natürlich.

„Das Sturzrisiko, dass oftmals der Grund für die freiheitsentziehende Maßnahme ist, muss als Lebensrisiko gesehen werden“, sagt Marczik. Wichtig sei, dass alle Beteiligten, Bewohner, Angehörige, Betreuer und die Pflegeeinrichtung die Entscheidung gleichermaßen tragen.

Die Beratung der Angehörigen ist deshalb auch im Amtsgericht Hameln wichtig. Absicherung spiele als Motiv bei den Anträgen, ohne die FEM-Maßnahmen nicht angewendet werden dürfen, eine zentrale Rolle, sagt Richterin Wilkening. „Diesen Effekt haben wir man am Anfang stark beobachtet.“ Nachdem die Zahl der Anträge zunächst gestiegen sei, sinke sie nun.

Dass der Werdenfelser Weg Wirkung zeigt, bestätigt auch Kerstin Stammel, Qualitätsmanagerin der Julius Tönebön-Stiftung. Nach einem Hinweis aus dem Fachzirkel wurde dort aus einem Regal wieder eine Tür. Zusätzlich habe man die Besetzung an der Rezeption verdoppelt. In den Einrichtungen Tönebön am See und dem Alten- und Pflegeheim an der Fischbecker Landstraße kommen Sensormatten und Niederflurbetten zum Einsatz. Die Häuser seien ebenfalls offene Häuser, und auch hier heißt es bezüglich der Sicherheit: „Wir sind bemüht, aber ein Sturz kann nicht in jedem Fall verhindert werden.“

Das bedeutet viele Gespräche mit den Angehörigen. Diese möchten in sehr vielen Fällen hundertprozentige Sicherheit, bestätigt Stammel auf Nachfrage. Für die Pflegende bedeutet das zusätzlichen Druck, denn sie sind es, die in der Praxis die empfindliche Balance zwischen Lebensrisiko und Obhutpflicht austarieren müssen.

Von einem „Abwägungsprozess“ spricht Michael Wyrwoll, Leiter der Heimaufsicht des Landkreises Hameln-Pyrmont, der mit Holzminden zusammenarbeitet. Einerseits habe es in den letzten eineinhalb Jahren vier Todesfälle gegeben. Einer davon wurde nie bestätigt, der Bewohner wurde bis heute nicht gefunden. Andererseits seien die Bewohner mobiler, sicherer, so Wyrwoll. Seit mit Niederflurbetten und Sensormatten anstatt Bettgittern gearbeitet wird, gebe es weniger Unfälle.

Während er bei den Gerichten eine nivellierte Rechtssprechung beobachtet – „Holzminden war dabei Vorreiter – steigt der Druck durch die Krankenkassen. Dort forsche man genau nach woher welche Verletzung stammt und nehme Einrichtungen auch in Regress.

Mein Standpunkt
Dorothee Balzereit
Von Dorothee Balzereit

Die Debatte um Freiheit versus Sicherheit wirft ein grelles Licht auf den Umgang der Gesellschaft mit ihren Menschen, die immer älter werden. Wir Jüngeren können unseren Eltern kaum noch versprechen, dass wir ihnen denn Aufenthalt in einer Einrichtung ersparen können. Und wenn man sich dort schon nicht so viel kümmern kann, dann soll es wenigstens sicher sein. Auf die schwierige Umsetzung schauen wir nicht all zu gern. Dann müssten wir uns eingestehen, dass es dort, wo noch Freiheiten gewährt werden, Sicherheitslücken geben muss.



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