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Zermürbende Angelegenheit für pflegende Angehörige

Langwierige Suche: Kurzzeitpflegeplätze immer knapper

HAMELN. Wer für einen Angehörigen einen Kurzzeitpflegeplatz sucht, muss Geduld mitbringen. Angebot und Nachfrage decken sich längst nicht mehr, wie Mitarbeiter von Pflegestützpunkten und -beratungen vor Ort bestätigen. Zum kontinuierlich steigenden Bedarf einer alternden Gesellschaft gesellt sich ein wirtschaftlicher Grund: Die Rechnung geht für viele Einrichtungen nicht mehr auf.

veröffentlicht am 03.05.2018 um 13:12 Uhr
aktualisiert am 07.05.2018 um 19:11 Uhr

Fest eingerichtete Kurzzeitpflegeplätze werden immer mehr zur Mangelware, weil sie den Heimen zu teuer sind. Ein Dilemma für pflegende Angehörige, die kaum mehr planen können. Foto: Bilderbox
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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So ergeht es auch dem Alten- und Pflegeheim der Julius-Tönebön-Stiftung an der FIschbecker Landstraße. Andere Anbieter im Landkreis haben ihre Plätze ebenfalls reduziert oder ganz zugemacht, wie die DRK-Kurzzeitpflege in Hessisch Oldendorf. Insgesamt gibt es nur noch vier Pflegeheime, die durchgängig Kurzzeitpflegeplätze anbieten. Der Aufwand ist hoch, die Einnahmen decken kaum die Kosten, erklären die Betreiber. Das gilt besonders bei Patienten, die aus dem Krankenhaus entlassen werden. Bringen Angehörige Eltern oder Partner in die Kurzzeitpflege, dann meist nur zu Stoßzeiten. Viele Heime verzichten deshalb gern auf diese Plätze, auch solitäre Kurzzeitpflege genannt, zumal bei es bei der vollstationären dauerhaften Belegung nicht an Nachschub mangelt. Waren es 2015 noch 76 Plätze, werden inzwischen insgesamt nur noch 46 angeboten, wie die Heimaufsicht des Landkreises erklärt. Was bleibt, sind sogenannte „eingestreute“ Plätze, die kurzfristig verteilt werden und von jeder Einrichtung in Niedersachsen vorgehalten werden können. Und selbst hier wird es enger.

Für Angehörige ist das ein Dilemma. Denn die Möglichkeit der planbaren vollstationären Kurzzeitpflege im Heim ist wichtig, um aufzutanken, mal wieder rauszukommen, um durchzuhalten. Von der zermürbenden Suche nach einem geeigneten Platz kann Monika Bremer aus Friedrichshagen ein Lied singen. Bis vor einiger Zeit, so sagt sie, konnte sie für ihre demente Mutter (Pflegestufe fünf) ohne Probleme einen solitären Kurzzeitpflegeplatz buchen. Inzwischen telefoniert als alle Heime einzeln ab – aus der Not heraus auch die, die nur eingestreute Plätze bieten. Eine zentrale Stelle, an der die Informationen über freie Plätze zusammenlaufen, ähnlich wie sie das FiZ für Kita-Plätze vorhält, gibt es nicht. Wünschenwert fänden das zwar auch Mitarbeiter der Senioren- und Pflegestützpunkte von Stadt und Landkreis, aber mitmachen müssten vor allem die Heime.

Bremer bleibt die Möglichkeit, sich auf Wartelisten setzen zu lassen. In der Regel bekomme man für einen eingestreuten Platz acht bis 10 Tage vorher Bescheid. „Es ist schlimm“. „Für die Familien ist das eine Katastrophe“, pflichtet Angelika Rudolf, Einrichtungsleiterin beim Alten- und Pflegeheim der Julius-Tönebön-Stiftung, bei. Dort existierte früher Stammkundschaft für die zwölf solitären Kurzzeitpflegeplätze, dennoch wurden sie Ende 2016 in vollstationäre Plätze umgewandelt. Aus finanziellen Gründen. Für das Tönebön waren die Plätze betriebswirtschaftlich nicht tragbar, sagt Rudolf. Anderen Heimen ergehe es nicht anders.

Finanziell heikel seien Patienten, die aus dem Krankenhaus in die Kurzzeitpflege kommen. Abgerechnet werden könne für sie die Pflegegrad zwei, der Aufwand entspreche aber nicht selten Pflegegrad vier oder fünf. Gleichzeitig sei bei der hohen Fluktuation aufseiten der Patienten besonders gut qualifiziertes, flexibles Personal notwendig. Verzögere sich die Ankunft von Krankenhauspatienten, komme niemand für den freigehaltenen Platz auf. Probleme habe es zudem immer wieder mit der Rückerstattung von Kosten durch die Krankenkassen gegeben, wenn Patienten ohne Pflegestufe (zum Beispiel mit zwei gebrochenen Armen) in die Kurzzeitpflege kamen.

Für Monika Bremer ist gerade der solitäre Kurzzeitpflegeplatz attraktiv: Neben den Pflegekosten (1.612 Euro für maximal 28 Tage pro Kalenderjahr) werden vom Land auch die Investitionskosten von 10,62 Euro pro Tag, übernommen. Diese zahlt sie beim eingestreuten Platz selbst.

Um wieder solitäre Kurzzeitpflegeplätze vorzuhalten, müsste sich aus Angelika Rudolfs Sicht politisch etwas bewegen. „Bisher läuft das in eine völlig falsche Richtung“. Dürfte sie sich etwas wünschen, wäre es ein besseres Entlassungsmanagement und die Einstufung ihrer Kurzzeitpflegegäste in Pflegstufe drei, wenn sie aus dem Krankenhaus kommen. Einige Bundesländer wären da schon weiter.

Auch Karin Raestrup, Einrichtungsleiterin im Hessich Oldendorfer Einrichtung „Lebensbaum“erklärt: Das muss politisch geregelt werden. Im Lebensbaum wurde ebenfalls eingedampft, es gibt nur noch einen einzigen Dauerplatz für solitäre Kurzzeitpflege und der ist bis Jahresende belegt.

Monika Bremer hat noch mal Glück gehabt. Nach acht Wochen hat sie einen solitären Kurzzeitpflegeplatz für ihre Mutter im Senioren-Domizil in Klein Süntel gefunden. Sogar zwei weitere Termine konnte sie festmachen.

Information

Solitäre Kurzzeitpflegeplätze

  • Senioren Domizil, Klein Süntel, 12 Plätze
  • Pflegewohnheim St. Larentius, Bad Pyrmont, 10 Plätze
  • Parkresidenz, Salzhemmendorf, 10 Plätze
  • Seniorenheim Zur Höhe, Sana, Hameln, 14 Plätze.

Niedersachsenweit gibt es 38 solitäre gegenüber 1400 stationären Einrichtungen. Während die Anbieter- und Platzzahlen der solitären Kurzzeitpflege in den letzten Jahren leicht zurückgeht, verzeichnet die AOK landesweit bei der Kurzzeitpflege nicht sinkende, sondern steigende Zahlen:

Von 2016 auf 2017 ist die Zahl der Fälle um 12,1 Prozent gestiegen, die Tage um 12,3 Prozent.



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