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Polizei: Unterbringung "zwischen Blut und Sperma“ / Landrat: "Überzogene Darstellung"

Landrat kritisiert Polizei-Vorwürfe zur Linsingen-Kaserne

Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) hat am Samsag den Zustand einiger Zimmer in der Linsingen-Kaserne mit drastischen Worten kritisiert. Polizisten, die für den Obama-Besuch abgestellt sind, hätten dort "zwischen Blut und Sperma" übernachten sollen. Landrat Tjark Bartels kritisierte die Darstellung als überzogen.

veröffentlicht am 23.04.2016 um 18:44 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:22 Uhr

Polizei in Linsingen-Kaserne_unspecified2.jpg
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Hameln. Polizisten zweier Hundertschaften, die anlässlich des Obama-Besuchs in Hannover, von Nordrhein-Westfalen nach Niedersachen abkommandiert wurden, haben sich geweigert, in der Linsingen-Kaserne an der Hamelner Süntelstraße zu übernachten. Die Unterkunft sei unbewohnbar, teilte die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) am Samstag mit. Die Polizisten sollten nach Gewerkschaftsangaben „zwischen Blut und Sperma“ schlafen.

Das Innenministerium in Nordrhein-Westfalen hat am Samstagabend entschieden, dass die Hundertschaften nicht - wie zunächst geplant - in der eilig gereinigten Erstaufnahmeeinrichtung untergebracht werden. Die finale Entscheidung, ob die Kräfte alternativ anderswo untergebracht werden oder aus dem Einsatzraum entlassen werden, steht derzeit noch aus. Das erfuhr die Dewezet aus sicherer Quelle. Landrat Tjark Bartels räumte Reinigungsmängel ein, kritisierte die Polizisten für deren "überzogene Darstellung".

Die Beamten hätten sich geweigert, die zuvor von Flüchtlingen bewohnten Zimmer zu beziehen, sagte Michael Haug, stellvertretender Bundesjugendleiter der Nachwuchsorganisation „Junge Polizei“ der Deutschen Polizeigewerkschaft, die den Großeinsatz begleitet. Nach siebenstündiger Wartezeit seien die Polizeikräfte schließlich vorübergehend in einem Appart-Hotel in Hannover untergebracht worden. Nach der „Aufdeckung dieser Missstände“ durch die DPolG am Samstagmorgen sei ein zweiköpfiges Reinigungsteam angerückt, um die Zimmer zu säubern. „Eine Bodenreinigung allein genügt hier jedoch nicht ansatzweise. Neben Erbrochenem, Fäkalien und Sperma auf dem Boden und an den Wänden, sind die Matratzen, Kissen, Bettdecken und deren Bezüge voller Haare, Blut und Flecken von Fäkalien“, berichtet Haug empört. Christian Wulf, stellvertretender Landesvorsitzender der DPolG, arbeitet als Polizeibeamter in Hameln. Er machte sich am Samstag selbst ein Bild von der Situation. Wulf hat Block 3 inspiziert. Er ist empört: „Das ist schon ein Hammer. Es war lange genug bekannt, dass Einsatzkräfte in der Linsingen-Kaserne untergebracht werden. Da haben die Zimmer sauber zu sein.“ Polizisten im Einsatz verlangten keine Luxusunterkünfte. „Aber hygienisch einwandfrei sollten die Zimmer schon sein – egal, ob dort Flüchtlinge oder Polizisten untergebracht werden“, sagte Wulf im Gespräch mit der Dewezet. Die Toiletten und Duschen seien im Gegensatz zu den Zimmern allerdings okay, meint Wulf.

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Fotos: pr

Die Polizeibeamten aus Bielefeld und Wuppertal sind sauer und wütend. „Nach 16 Jahren Hundertschaft und unzähligen Einsätzen bin ich fassungslos was uns zugemutet wird. Hier geht es nicht um irgendwelche Befindlichkeiten, sondern um die Gesundheit der eingesetzten Polizeibeamten“, sagt PHK K., der in der Erstaufnahmeeinrichtung untergebracht werden sollte. Auch polizeiliche Führungskräfte aus Nordrhein-Westfalen hätten sich die Unterkunft angeschaut und „die gravierenden Zustände erkannt“, heißt es in einer von der DPolG verbreiteten Erklärung. „Hierbei waren sich alle einig. Die Unterkunft ist unbewohnbar.“ Trotz dieser Feststellungen habe Polizeidirektor Kaiser, „dass die Kräfte in den unbewohnbaren Zimmern untergebracht werden, da keine alternativen Unterbringungen zur Verfügung stehen“, sagte Haug.

Die Junge Polizei fordert die Polizeiführung auf, eine adäquate Unterbringung für die Polizeikräfte zur Verfügung zu stellen. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Nordrhein-Westfalen soll bereits NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) eingeschaltet haben. Laut DPolG-Landesvize Christian Wulf sollten die gereinigten Zimmer wieder bezogen werden. „Das Problem“, sagt Wulf, „ist allerdings: Wer den Dreck gesehen hat, hat die Bilder im Kopf und ekelt sich weiter.“

Landrat Tjark Bartels hat am späten Abend Reinigungsmängel in der Linsingen-Kaserne eingeräumt. Er wirft den Polizisten, die Fotos von dreckigen Matratzen und Bettbezügen, Erbrochenem auf dem Teppichboden veröffentlicht haben, eine unfaire und völlig übertriebene Darstellung vor. Die Aussage, Polizisten müssten zwischen Blut und Sperma schlafen, bildete nicht die Realität ab, sagte Bartels kurz vor Mitternacht der Dewezet während eines Stuben-Rundgangs durch die inzwischen intensiv gereinigten Zimmer. Auch Matratzen waren nach den Protesten der Polizeibeamten ausgetauscht worden. In zwei Räumen roch es intensiv und unangenehm nach Reinigungsmitteln. Der Teppichboden war an einigen Stellen noch feucht.

Ralf Hermes, Kreisvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, war am Nachmittag gegen 16.30 Uhr in seiner Funktion als stellvertretender Vorsitzender des Polizeihauptpersonalrats im Niedersächsischen Innenministerium in die Kaserne geeilt, um sich ein Bild zu machen. Sein Fazit gegen 23 Uhr: „Die Kritik der Kollegen war berechtigt.“ Gleichwohl habe es in der Kaserne kein Sodom und Gomorrha gegeben. „Der Gesamteindruck der Anlage stimmt nicht mit den drastischen Beschreibungen der Polizisten überein.“ Hermes war allerdings auch erst 23 Stunden später vor Ort. Wie es am Vortag in den beanstandeten Zimmern ausgesehen habe, könne er nicht sagen. Er habe sich von Kollegen aber noch Mängel zeigen lassen. Nach der Reinigung sei die Situation „nicht schön, aber in Ordnung“.  



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