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... sondern besser leben: Der Palliativstützpunkt Hameln betreut jährlich mehr als 450 todkranke Menschen

Länger leben ist nicht unbedingt der Anspruch...

Hameln. Der Tod ist für die Patienten, die der Palliativstützpunkt Hameln betreut, meist unausweichlich. Den Medizinern dort geht es darum auch nicht um Lebensverlängerung, sondern um einen menschenwürdigen Tod. Leiden gehört nicht dazu.

veröffentlicht am 12.02.2016 um 13:35 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 19:41 Uhr

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Autor:

Svenja-A. Möller
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Hameln. Allein der Begriff schreckt viele Menschen schon ab: Palliativmedizin. Das hat doch irgendwas mit dem Tod zu tun oder? Mit Sterben. Mit dem Ende, das nah ist. Und mit Leiden. Ja und Nein.

Ute Watzlaw-Schmidt, Michael Scheider und Frank Heithecker sind Hamelner Palliativmediziner und Geschäftsführer des Palliativstützpunktes in Hameln. 2009 schlossen sie sich zusammen und gründeten den Stützpunkt, der seinen Sitz an der Süntelstraße hat. Von dort wird die palliative Betreuung von Patienten im gesamten Landkreis Hameln-Pyrmont organisiert. Im Jahr betreuen der Stützpunkt und die landkreisweiten Partner etwa 450 Menschen, deren Lebenserwartung stark eingeschränkt ist.

„Palliative Betreuung ist immer eine symptombezogene Behandlung von Schwerstkranken, die darauf abzielt, die verbleibende Zeit so angenehm wie möglich zu machen“, erklärt Claudia Getschmann, Koordinatorin des Stützpunktes. Palliativmedizin ziele nicht darauf ab, das Leben eines Menschen mit aller Macht in die Länge zu ziehen. Denn die Menschen, die sich für eine palliative Pflege entschieden haben, sind todkrank. „Die Patienten haben zum Beispiel weit fortgeschrittene Krebserkrankungen, Asthma oder chronische Bronchitis“, sagt Getschmann. Palliativmedizinerin Ute Watzlaw-Schmidt fügt hinzu: „Oder ALS oder Multiple Sklerose. Allgemein Erkrankungen, die nicht heilbar sind und zeitnah zum Tode führen werden.“

Palliativmedizin hat also schon etwas mit dem Tod zu tun. Denn der ist für die Patienten meist unausweichlich. Es geht aber um einen menschenwürdigen Tod. Leiden gehört nicht dazu. „Die Menschen sollen möglichst symptomarm betreut werden. Nicht symptomfrei. Das wäre ein sehr hoher Anspruch“, erklärt Michael Scheider. In der Palliativmedizin wird der Tod also akzeptiert. Nicht aber die Tatsache, dass er mit Schmerzen einhergehen muss. „Die Schmerzlinderung geht vor Lebensverlängerung“, sagt Scheider.

Die meisten Patienten werden ein paar Monate von den Pflegediensten und Ärzten, die mit dem Stützpunkt zusammenarbeiten, betreut, ehe sie versterben. Frank Heithecker erklärt: „2013 hatten wir dazu mal eine Studie. Im Schnitt waren unsere Patienten damals 74 Jahre alt und 64 Tage in Betreuung.“

Mehr als ein Jahr am Stück wurde noch kein Patient betreut. „Es kam aber schon vor, dass der Zustand eines Patienten sich zwischenzeitlich verbesserte, wir die Betreuung lösten und später wieder aufnahmen“, erklärt Claudia Getschmann.

Wird ein Patient palliativ betreut, kann er sich entscheiden, ob er zu Hause oder in einem Hospiz bleiben möchte. „Wir können dem Patienten den Krankenhausaufenthalt ersparen“, sagt Michael Scheider. „Der Vorteil ist, dass der Patient bis zuletzt autonom bleibt. Er kann selbst entscheiden, welche Behandlungen gemacht werden“, erklärt Frank Heitecker. Zudem würden die meisten Patienten sich dann eher in Sicherheit und geborgen fühlen. „Studien haben sogar ergeben, dass Menschen, die zu Hause betreut werden, länger leben“, sagt Waltzlaw-Schmidt. „Auch wenn das ,Länger leben‘ gar nicht unser Anspruch ist“, so Michael Scheider.

Oftmals wird die Palliativmedizin in einem Atemzug mit der Sterbehilfe genannt. „Man muss aber unterscheiden zwischen aktiver, passiver und indirekter Sterbehilfe. Bei der passiven Sterbehilfe zum Beispiel wird ein Patient nicht mehr künstlich ernährt oder beatmet. Bei der indirekten Sterbehilfe wird durch die Therapie in Kauf genommen, dass sich die Lebenszeit dadurch eventuell verkürzt“, erklärt Michael Scheider. Aktive Sterbehilfe ist in Deutschland verboten. „Palliativmediziner lehnen sie ohnehin ab“, sagt Ute Watzlaw-Schmidt. Passive und indirekte Sterbehilfe hingegen sind erlaubt. „Demzufolge sind also ein Therapieverzicht bei aussichtsloser Prognose, die Beendigung von aussichtslosen Maßnahmen sowie der Einsatz von Beruhigungsmitteln zur Linderung intolerablen Leidens in den letzten Tagen des Lebens keine aktive Sterbehilfe“, so die Erklärung der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin. Sie gelten als legitime Behandlungen der Palliativmedizin. „Natürlich hat man den Satz ,Beenden Sie es doch einfach‘ schon mal von einem Patienten gehört“, sagt Ute Watzlaw-Schmidt. Das sei aber nie wirklich ernst gemeint.

Dass über die Palliativmedizin noch immer viele Unsicherheiten bestehen, bestätigt Koordinatorin Claudia Getschmann. „Oftmals haben die Menschen schon vor dem Begriff Palliativmedizin Angst und begegnen uns mit Skepsis“, erklärt sie. Was die palliative Betreuung aus macht und was der Hamelner Stützpunkt damit zu tun hat, sei noch nicht in allen Köpfen angekommen.

Die Mitarbeiter des Stützpunktes sind Koordinations- und Planungstalente, Ansprechpartner und Experten, wenn es ums Fachwissen geht. „Die Kunst unserer Koordinatorinnen liegt darin, aus unserem Netzwerk Patient und Team zu finden, die zusammenpassen“, sagt Ute Watzlaw-Schmidt. 21 Pflegedienste und 16 Ärzte des Landkreises arbeiten mit dem Stützpunkt zusammen.



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