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Hameln wächst weiter – aber die Stadtverwaltung bleibt skeptisch

Kurz vor 60 000

HAMELN. Wird Hameln in diesem oder im nächsten Jahr die 60 000er-Marke bei den Einwohnern überspringen? Das ist gut möglich, nachdem die Stadt auch das Jahr 2018 mit einem Plus abgeschlossen hat. 266 Köpfe mehr als Ende 2017 waren im Rathaus gemeldet. Der Trend aus dem Vorjahr setzte sich damit fort.

veröffentlicht am 26.05.2019 um 09:00 Uhr

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Marc Fisser

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Marc Fisser Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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Die 59 576 Hamelner zum Stichtag 31. Dezember bestätigen die Prognosen, dass manche Städte von der Wucht der allgemeinen demografischen Entwicklung weniger stark getroffen werden als die ländlichen Gebiete. Zwar klafft auch in Hameln die in Deutschland übliche Lücke zwischen Geburten- und Sterberate, aber diese Stadt ist durchaus attraktiv für Zuziehende: Die Zahl der Arbeitsplätze steigt, die Wege zu Supermärkten, Schulen und Ärzten sind kurz, die Natur mit Wald, Feld und Fluss ist trotzdem nicht weit, die Verkehrsanbindung in die Großstadt Hannover kommt gut an. Der Blick in die S-Bahn und auf die Bundesstraße 217 zeigt, dass Tausende in Hannover ihr Geld verdienen, aber in Hameln leben.

Und dass dies keine Einbahnstraße ist: Es gibt Neubürger, die dem Lockruf der Rattenfängerstadt gefolgt sind, sich hier und nicht in der Nachbarregion niederlassen, wo das Wohnen und Bauen deutlich mehr Geld kostet. Für Bahnpendler gibt es ja längst ein preisgünstiges Jahresticket, für andere Reisende wird weiterhin über den Anschluss an das Tarifsystem des Großraumverkehrs Hannover verhandelt. In den nächsten Jahren dürfte Hameln sogar noch anziehender werden, wenn die ehemaligen Militärflächen gefüllt werden – mit modernem Wohnraum, Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen, Einzelhandel und Gewerbe. Das dürfte einen Dominoeffekt auf weitere Bereiche bis hin in die Altstadt auslösen, etwa wenn die Gebäude der Elisabeth-Selbert-Berufsschule am Münsterkirchhof und Langen Wall für Neues zur Verfügung stehen. Und es gibt ambitionierte Ziele der Stadtplaner für das Hafengebiet und das Weserufer.

Trotz allem bleiben die Verantwortlichen im Rathaus auf dem Boden: „Auch in Hameln wird sich der demografische Wandel in Zukunft auswirken“, ist Thomas Wahmes vom Referat für Strategische Grundsatzfragen überzeugt. „Wir müssen mit einem Schrumpfungsprozess rechnen.“ Die anstehenden Projekte könnten aber nach seiner Erwartung diese Entwicklung dämpfen. Das gegenwärtige Bevölkerungswachstum jedenfalls resultiere überwiegend aus Zuzügen, die noch viel stärker als die natürliche Bevölkerungsentwicklung von politischen Entscheidungen abhingen, sodass Prognosen schwer seien.

Zuletzt in den 1970er Jahren hatte Hameln mehr als 60 000 Einwohner

Mit der Ausweisung neuer Baugebiete war Hameln in den vergangenen Jahren vorsichtig, um bei knapper Kassenlage nicht dauerhaft Geld in vielleicht unnötige Infrastruktur zu binden. Der Wohnungsmarkt ist nun in Teilbereichen eng. Einfamilienhäuser mit kurzer Distanz zur Innenstadt sind sehr gefragt. Aus Sicht des Bevölkerungsforschers Reiner Klingholz würden die Städte derzeit ohne den verbreiteten Wohnungsmangel noch stärker wachsen. Weil die Mieten hoch seien, zögen aus den Großstädten verstärkt Menschen ins Umland – je nach Bahnverbindung bis zu 50 Kilometer, was der Distanz zwischen Hameln und Hannover entspricht. Im näheren Umland der Landeshauptstadt profitiert besonders Langenhagen hiervon; es ist mit 56 000 Einwohnern nun schon fast so groß wie Hameln. Hannover hat im ersten Quartal 2019 nach gut zwei Jahren erstmals wieder einen Bevölkerungsrückgang registriert. Beliebte Städte wie Hamburg, Berlin, Leipzig, Düsseldorf und Köln wachsen weiter, wenn auch etwas langsamer. Es dürfe nicht an der falschen Stelle gebaut werden, warnt Klingholz. So schrumpfe etwa Bremen. „Da kann es in der Peripherie passieren, dass zu viel gebaut wird“, sagt der Experte. Hameln hatte einst das Wohnbaugebiet Hottenbergsfeld weit vor der Stadteinfahrt zu groß geplant und danach seine Entwicklung in größerer Zentrumsnähe gehemmt.

Zuletzt Ende der 1970er Jahre hatte Hameln mehr als 60 000 Einwohner. Ein Jahrzehnt später waren es 5000 weniger, was einem Verlust in der Größenordnung Afferdes entspricht. Der deutschen Wiedervereinigung hat es Hameln zu verdanken, dass es danach wieder aufwärts ging.

Die Stadt buhlt um Neubürger, um ihren Standard halten zu können – zum Beispiel beim Theater und bei anderen Veranstaltungsräumen, bei der Stadtbücherei, der Feuerwehr, dem Einzelhandel.
Wahmes erklärt: „Bei günstiger Betrachtung könnte ein Einwohner pro Jahr rund 500 Euro bringen.“ Und damit ist nur die Stadtkasse gemeint, nicht der Umsatz, den jeder Einwohner vor Ort auslöst und der wiederum anderen das Arbeiten und Leben ermöglicht.

Information

2021 wird wieder bundesweit gezählt

In zwei Jahren steht in Deutschland wieder die Volkszählung an. Knapp eine Milliarde Euro wird die stichprobenhafte Befragung von rund 11,4 Millionen Einwohnern kosten: 272 Millionen bezahlt der Bund, 722 Millionen tragen die Länder. Dabei geht es nicht nur um die Bevölkerungszahl, sondern auch um Daten zur Erwerbstätigkeit und Wohnsituation. Viele Planungsdaten des Staates basieren noch auf der Volkszählung im Jahr 2011.

Warum der Zensus trotz der Einwohnermelderegister nötig ist, erläutert Steffen Seibel vom Statistischen Bundesamt: „Die Melderegister sind nicht fehlerfrei: Es gibt sowohl Über- als auch Untererfassungen. Übererfassung bedeutet, dass Personen im Melderegister stehen, die an der angegebenen Anschrift gar nicht mehr wohnen. Untererfassung heißt, dass Personen an einer Anschrift wohnen, im Melderegister aber nicht unter dieser Anschrift eingetragen sind.“ Beim Zensus 2011 wurden in den Gemeinden ab 10 000 Einwohnern Karteileichen und Fehlbestände per Stichprobe aufgedeckt und dann hochgerechnet. Aber jede Stichprobe ist mit einer Unsicherheit behaftet, dem „Standardfehler“. Dieser sollte, so das Präzisionsziel der Statistiker, 0,5 Prozent nicht überschreiten, also fünf Personen je 1000 Einwohner oder 300 für eine Stadt wie Hameln.mafi



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