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Malen als Ventil

Kunsttherapeutin hilft Flüchtlingskindern am Bildungshaus am Klüt

HAMELN. Biggi Neugebauer hat ein halbes Jahr lang mit Flüchtlingskindern aus der Sprachlernklasse im Bildungshaus am Klüt gearbeitet und ihnen einen besonderen Raum zum Lernen, Rauslassen,zum Sein geboten. Die Kunsttherapeutin gibt ihnen damit Mittel und Wege an die Hand, durch die sie einen besonderen Zugang zu sich selbst finden.

veröffentlicht am 21.06.2017 um 11:19 Uhr
aktualisiert am 21.06.2017 um 12:00 Uhr

Viel Platz zum Malen, ein Pappkarton zum Verkriechen - was die Kinder in dem Raum machen, entscheiden sie selbst. Alles, was der Entlastung der Psyche dient, ist gut. Foto: bha
Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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Auf dem Boden ein großes Blatt Papier, mit so viel Farbe, dass es noch lange dauern wird, bis es getrocknet ist. Bräunlich, orange, mit Händen in großen Bewegungen verteilt, Arme inklusive. Fühlen, rauslassen, ansehen, vor allem gesehen werden mit all der Not, die ihm innewohnt – dieses Angebot macht Biggi Neugebauer den 16 Kindern der Sprachlernklasse im Bildungshaus am Klüt. Heute ist Kamil dran (Name von der Redaktion geändert). Und eine Frage drängt sich dem Betrachter auf: Wo wäre Kamil, wenn es das hier nicht gäbe? Denn eines wird schnell deutlich: Der Junge – vielleicht ist er sechs, vielleicht sieben Jahre alt – kann unmöglich 45 Minuten lang still sitzen, geschweige denn einem Unterricht auf Deutsch folgen.

Kamils Situation ist extrem, macht die Kunsttherapeutin Biggi Neugebauer deutlich. Die Arbeit mit den anderen Kindern verläuft anders, sagt sie. Eines haben sie aber alle gemeinsam: Fluchterfahrung, mit mehr oder weniger traumatischen Erlebnissen, die in den Kindern wirken. Was Kamil widerfahren ist, weiß Neugebauer nicht. Sie sieht ihn nur, wie er ist.

Schnell wäscht er sich die Farbe am Waschbecken von den Armen, während er von einem auf den anderen Fuß tippelt und etwas ruft, was Deutsche nicht verstehen. Es kann gar nicht schnell genug gehen. Er geht zum Sitzball. „Boxen willst du“, stellt Biggi Neugebauer fest und hebt den silbernen Doppelball vor sich. Kamil darf dagegen boxen, so doll er kann. „Ah, ich glaube, du bist wütend“, gibt die Therapeutin dem Verhalten des Jungen Worte. „Indem ich beschreibe, was er tut, lernt er auch die Sprache“, erklärt sie später. Die Methode – beschreiben, was beobachtet wird – stammt vom „Marte Meo“, einer Methode der Entwicklungsförderung, die in der Arbeit mit Kindern, aber auch in anderen Bereichen Einzug gehalten hat.

Kamil boxt nicht nur. Er nimmt sich eine Pin-Nadel, dreht sich weg, sticht vorsichtig in seinen Handballen. Vorher hatte er sich einen Spatel gegriffen, die zum Modellieren und Farbekratzen dienen, und angedeutet, dass er sich damit an den Unterarmen verletzt. Wieder taucht die Frage im Betrachter auf: Wo wärst du jetzt, wenn nicht in diesem geschützten Raum? Dem Raum, in dem du boxen, wüten, zehn Mal hintereinander einen Luftballon aufpusten kannst, in dem du selbst darauf kommst, dass du das Loch im Ballon mit Malerkrepp kleben könntest und dich über den Erfolg freust, den deine Therapeutin mit dir feiert, und in dem sie sich mit dir zusammen in den großen Pappkarton verkriecht, in dem du Schutz und Geborgenheit suchst… Wo wärst du? Im Klassenzimmer?! Die Antwort mutet absurd an.

Auch, wenn Kamils Geschichte und sein Zustand extrem sind – dass viele Flüchtlingskinder Zuwendung benötigen, die über den Unterricht in einer Regelklasse hinausgeht, scheint naheliegend. „Geflüchtete Kinder brauchen einen Rahmen, in dem sie sich entlasten und ihre Erlebnisse verarbeiten können“, beschreibt Neugebauer die Bedürfnisse der Jungen und Mädchen. Sich ausprobieren, Grenzen erfahren, aber auch überwinden, sich selbst erfahren, selbst zu bestimmen, Ohnmachtsgefühle zulassen und zu überwältigen – das möchte Biggi Neugebauer den Kindern ermöglichen. „Die Kids deuten an, was sie bewegt (im Spiel oder beim Malen auch ohne Worte), öffnen sich, probieren sich aus, plappern los (egal, ob alles richtig ist), lernen sich abzugrenzen und werden ermutigt, diese Öffnung und Abgrenzung auch in anderen sozialen Kontexten auszuprobieren“, erklärt sie.

Es gibt so viele Kinder, die das gebrauchen können.

Melanie Dörpmund, Bildhungshaus am Klüt

Neugebauer sagt, sie möchte ihnen helfen, sich selbst besser kennenzulernen, „was gerade für Kinder wichtig ist, die kein stabiles Selbstbild entwickeln konnten, oder wo es aufgrund traumatischer Ereignisse oder Dauerbelastung beschädigt ist“. Worte unterstützen die Sprachentwicklung, „insbesondere wichtig für Kinder der SLK.“ SLK – die Sprachlernklassen für Kinder, die kein Deutsch können, deren Anzahl fürs kommende Jahr vom Niedersächsischen Kultusministerium deutlich zusammengestrichen wurden. Am Bildungshaus am Klüt wird es im kommenden Jahr keine Sprachlernklasse mehr geben.

Möglich wird Neugebauers Arbeit im Bildungshaus, weil sich ein Sponsor für das Projekt gefunden hatte. Der Verein „Allianz für die Jugend“ mit dem Hamelner Hendrik Scholz als Projektpate allerdings hatte sein Engagement auf ein halbes Jahr begrenzt, das jetzt endet. Gestern war Biggi Neugebauer noch bei der Verabschiedung dabei – dann ist Schluss. Mit Glück vorerst, denn ein neuer Antrag ist gestellt und die Hoffnung, dass sich vielleicht weitere Unterstützer finden, ist groß. In einer Fortsetzung sollen möglichst alle Kinder von dem Projekt profitieren können, bei denen ein besonderer Förderbedarf gesehen werde, erklärt Melanie Dörpmund vom Bildungshaus am Klüt.

„Es gibt so viele Kinder, die das gebrauchen können“, einen Rahmen, „in dem sie sich entlasten können“, beschreibt die Leiterin des Familienbüros die Überlegungen dahinter. Dass belastete Kinder mit ihren Sorgen in Biggi Neugebauer noch einmal eine gesonderte Anlaufstelle haben neben Lehrern und sie sich in einem bewertungsfreien Rahmen bewegen können, sei wichtig. Und man merke, dass die Kinder – auch, wenn sie nur ein Mal dieses Angebot nutzen konnten –, ganz anders da raus und im besten Fall gestärkt in die Schule gehen.

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