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Schön verwegen: Der Vampir-Roman „Wohin die Dinge gehen“ von Betti Anders

Küss mich, beiß mich, lieb mich

Hameln. Er ist stark, geheimnisvoll und sieht unglaublich gut aus. Verwegen und markant. Und er ist ein einsamer Wolf. Einer, der eigentlich keine Frau in seinem Leben braucht – bis er die eine trifft; die Einzige, die lang verschüttete Saiten in ihm zum Klingen zu bringt. Eine, der es egal ist, welche dunklen Geheimnisse und Laster er hat, solange nur ihre Körper und Seelen in totaler Hingabe miteinander verschmelzen. Oh, Mann: Welche Frau wünscht sich nicht, dass dieser Typ sie nimmt, bis die Lenden schmerzen.

veröffentlicht am 11.12.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:16 Uhr

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Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Als die 15-jährige Selma dem etwa 200 Jahre alten Viktor begegnet, hat sie ziemlich schnell diesen Wunsch. Viktor ist kein einsamer Wolf, sondern ein einsamer Vampir, ausgestattet mit allem, was dazugehört: Er ist den Menschen körperlich weit überlegen und beherrscht die Kunst der Verführung und Manipulation meisterhaft. Selma ist ein Mädchen der gehobenen Mittelschicht, das behütet aufwächst und sich mit den üblichen Teenager-Problemen herumschlägt. Dass sie sich dennoch mehr als Außenseiter, „als Freak“, empfindet, als ihre Altersgenossen, liegt daran, dass sie selbst eine besondere Fähigkeit besitzt. Seit ihrer Kindheit begleiten sie Visionen, die kommen und gehen, wie sie wollen. Die Dinge sind dann von einer leuchtenden Aura umgeben, Selma ist in diesen Momenten in der Lage, den Kern alles Lebendigen in Farben sehen: das grüne Leuchten des Komposthaufens im Garten ebenso wie ihre eigene Hülle. Bei Viktor versagt diese Fähigkeit, aber das macht ihr nur anfänglich Angst. Auch die zufällige Entdeckung, dass er jungen Mädchen das Blut bis zum letzten Tropfen aussaugt, um seinen Hunger zu stillen, mindert ihr Verlangen nur kurzzeitig.

Und so kommt es, wie es kommen muss in einer modernen Vampir-Geschichte: Der Leser – aller Wahrscheinlichkeit nach eher die Leserin – sehnt den ersten Kuss, die ersten Berührungen genauso herbei wie Selma. Die Todesdrohung, also Gefahr durch Vampir-Biss, ist eine Begleiterscheinung, die den erotischen Kick nur erhöht.

Vampire sind seit längerem mehr als nur böse Blutsauger. Wie hervorragend sie sich als Lustobjekt eignen, haben bereits Brad Pitt, Tom Cruise und Antonio Banderas in „Interview mit einem Vampir“ in den 1990ern bewiesen. Der Grundstein für die „Twilight“-Hysterie war gelegt. Mit den Biss-Geschichten von Stephenie Meyer löste der romantische, sensible, sexy Vampir Bram Stokers, von Macht und Gier getrieben, liebesunfähigen Dracula endgültig ab.

Bleibt die Frage, ob das reicht, um sich freiwillig in Gefahr zu stürzen. Genauso gut könnte man fragen, warum Frauen ihr Leben lieber an der Seite eines Rockstars verbringen würden als mit dem Betriebswirt in Reihenhausidylle. Der Vampir oder die Vampirin ist eine Chiffre für das Animalische, Leidenschaft und Triebhaftigkeit. Das war auch schon zu Bram Stokers Zeiten so, nur dass labile Frauen damals aufgrund religiöser Motive und gesellschaftlicher Doppelmoral davor gerettet werden mussten, ihre sexuellen Wünsche frei auszuleben – was van Helsing am Ende ja auch gelingt.

Das viktorianische Zeitalter ist glücklicherweise lange vorbei, Frauen dürfen sich Vampiren ohne Reue hingeben, und „moralische“ Grenzen überschreiten. Genau das tut Betti Anders‘ Figur Selma. Der Roman „Wohin die Dinge gehen“ ist eine anrührende Liebesgeschichte, aber er ist auch eine Geschichte vom Erwachsenwerden. Ein Erwachen aus dem Dornröschenschlaf. Selma entdeckt sich selbst, ihre Bedürfnisse und lässt sich voller Hingabe hineinfallen in das Abenteuer, das weniger bedrohlich als verlockend wirkt.

Man folgt den beiden gern, nicht nur, weil es vor Erotik knistert. Erfreulicherweise lassen Viktor und Selma ihrem Trieb schon früh im Buch Lauf und quälen sich nicht wie Bella und Edward bis nach der Heirat. Puritanische Elemente haben ebenso wenig Raum wie andere Klischees: Auf einen Platz in der Vampirwelt ist Selma ganz und gar nicht scharf, weil sie sieht, dass auch Viktor in Abhängigkeiten verstrickt ist. Selma entwickelt sich zur Kämpfernatur. Die Unerschrockenheit, mit der sie sich in schrägen Zwischenwelten bewegt und ihre Meinung sagt, tut der Geschichte gut. Sie nimmt ihr Pathos und zeigt, dass Emanzipation im Vampirgenre längst angekommen ist.

Warum auch nicht? Vampir-Dichtungen, die das patriarchalische Muster auf den Kopf stellen, gab es schon im ausgehenden 19. Jahrhundert: Die Novelle „Carmilla“ des Iren Sheridan La Fanu handelt von einer Vampirin, die nicht Macht, sondern Liebe sucht – und das bei einer Frau.

Betti Anders ist ein Buch gelungen, das gekonnt mit Versatzstücken der Vampirliteratur jongliert, aber nicht in Klischees verharrt. Selma und Viktors Liebe wärmt und die Tatsache, dass die Geschichte im nebligen eiskalten Hamelner Winter verortet ist, macht die Geschichte für Einheimische noch prickelnder. Die Weser, das „Puppenhaus“ – unschwer als Sumpfblume zu identifizieren – weckt beim Lesen so manche Erinnerung. Bei Frauen vielleicht an diesen oder jenen Typ, den sie dort kennengelernt haben. Dem man ins Ohr flüsterte: Nimm mich. Sofort. Egal, ob Cowboy oder Vampir.



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