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Hameln investiert weiter in den Ausbau des Angebotes

Krippenplätze gehen weg wie warme Semmeln

Hameln (ni). Es ist eine Rechnung mit vielen Unbekannten, die den Städten und Gemeinden derzeit zu schaffen macht: Trotz leerer Kassen müssen sie das Betreuungsangebot für Kinder, die jünger als drei Jahre sind, so- weit ausbauen, dass ab 2013 mindestens 35 Prozent dieser heute noch gar nicht geborenen Neubürger entweder in einer Krippe oder von einer Tagesmutter umsorgt werden können. Doch diese Quote reicht bei weitem nicht aus, um den Rechtsanspruch der Eltern auf eine qualifizierte Betreuung ihres „U3“-Nachwuchses einlösen zu können, warnt jetzt der Deutsche Städte- und Gemeindebund unter Berufung auf eine aktuelle Forsa-Umfrage – und erwartet, dass die Kommunen mit einer Klagewelle zorniger Eltern überzogen werden. Die Stadt Hameln fühlt sich allerdings auf der sicheren Seite. Mit ihrem Betreuungsangebot für die Kleinsten ist sie schon heute vielen niedersächsischen Kommunen um einiges voraus und will die gute Bilanz bis Ende 2012 noch weiter verbessern.

veröffentlicht am 07.01.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 10.11.2016 um 22:21 Uhr

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Der Städte- und Gemeindebund hatte die mögliche Nachfrage nach Krippenplätzen in einer Forsa-Umfrage ermitteln lassen. Danach wünschen sich 66 Prozent der Eltern einen Krippenplatz für ihre Kleinkinder. Der Bund hatte bei der Verabschiedung des Gesetzes zum Ausbau des Betreuungsangebotes nur 35 Prozent Bedarf in der Altersgruppe unterstellt und berechnet, dass dieser Bedarf mit bundesweit 750 000 Plätzen zu decken wäre. Wollen stattdessen aber zwei Drittel der Kinder betreut werden, wären dagegen 1,3 Millionen Plätze und 150 000 zusätzliche Betreuer nötig.

Nach der noch geltenden 35-Prozent-Vorgabe des Bundes hätte Hameln sein Soll mit 320 Betreuungsplätzen für die Kleinsten erfüllt. Die Zahl wurde anhand der Geburtenzahlen der vergangenen Jahre ermittelt – und ist rein rechnerisch heute schon erreicht. Die Stadt kann nämlich nicht nur 176 Krippenplätze vorweisen, sondern außerdem auf 40 Tagesmütter zurückgreifen, die bei Bedarf einspringen und bis zu fünf Kinder gleichzeitig betreuen können. Ob diese Tagesmütter in drei Jahren auch noch zur Verfügung stehen, vermag allerdings niemand mit Sicherheit vorherzusagen. Und darum investiert die Stadt weiter in die Schaffung von Krippenplätzen. Allein im Laufe dieses Jahres kommen 37 dazu – unter anderem in der AWO-Kita am Schwarzen Weg und im geplanten städtischen Familienzentrum „FiZ“ an der Osterstraße. Bis Ende 2012 wird dieser Bestand noch einmal um jeweils 15 Plätze in den Räumen des Kinderschutzbundes und in der evangelischen Kita Afferde aufgestockt. Weitere Krippenplätze seien in Planung, heißt es aus dem Rathaus. Doch auch schon ohne die könnten ab 2013 und mithilfe der 40 Tagesmütter 643 Hamelner Knirpse versorgt werden,

Dass Kommunen zur Erfüllung der Zielvorgabe auch auf Laien zurückgreifen dürfen, die im Schnellverfahren für die Aufgabe als Tagesmutter qualifiziert wurden, sehen Bildungs- und Erziehungsexperten durchaus kritisch. Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Eva-Maria Stange, spricht von einer Billiglösung, bei der die „ausreichende Qualität des Angebotes für die Kinder und die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten“ keine Rolle spielten. Doch gerade die Kleinsten benötigten die besten Bedingungen und gut ausgebildete Erzieherinnen. „Wir brauchen nicht nur Spitzenunis, sondern vor allem Spitzenkitas“, so Stange.

Eva-Maria Stange

Um die aus dem Boden zu stampfen, ohne gleich teure Neubauten hinzustellen, geht auch die Stadt Hameln ungewöhnliche Wege. So wurde zum Beispiel eine leerstehende Wohnung auf dem Gelände einer Kita krippengerecht umgebaut oder es sollen unter Umständen auch Einfamilienhäuser für diesen Zweck angemietet werden. In Afferde sollen Krippenkinder in einem Teil der Schulaula ein Zuhause finden. Ebenfalls praktiziert, wo es sich aufgrund fehlenden Kita-Nachwuchses anbot und noch anbietet: Die Umwandlung von normalen Kindergarten- in sogenannte Familiengruppen mit 20 statt der üblichen 25 Jungen und Mädchen, in denen vier bis fünf Krippenzwerge gemeinsam mit den „Großen“ betreut werden.

Wie viele Hamelner Eltern am Ende auf die Erfüllung ihres Rechtsanspruches pochen werden, steht auch für die Verwaltung noch in den Sternen. „Wir wissen nur, dass alle Plätze, die aktuell dazukommen, auch sofort belegt werden“, sagt Pressesprecher Thomas Wahmes. Aus Gesprächen mit Eltern und Rückmeldungen der Kita-Träger sei außerdem bekannt, „dass ständig weitere Krippenplätze nachgefragt werden“. Die Verwaltung gehe daher davon aus, dass der vom Bund formulierte Bedarf von lediglich 35 Prozent „real höher einzuschätzen ist“. Entsprechend höher, so die Forderung der Stadt, müsse auch die finanzielle Unterstützung des Bundes ausfallen.

Dass die Kommunen das Krippenangebot nicht aus eigener Kraft finanzieren können, rechnet auch der Städte- und Gemeindebund vor. Schon bei nur 750 000 zusätzlichen Plätzen komme auf die Kommunen eine Mehrbelastung von 3,1 Milliarden Euro für die jährlichen Betriebskosten der Einrichtungen zu. Der Bund veranschlagt dafür nur 2,3 Milliarden. Sollten tatsächlich 1,3 Millionen Krippenplätze nachgefragt werden, würden sich die zusätzlichen Betriebskosten auf 4,5 Milliarden Euro belaufen.

In Hameln belaufen sich die Kosten für eine Krippengruppe mit 15 Kindern laut Auskunft der Verwaltung derzeit auf jährlich bis zu 80 000 Euro. Einen Teil davon tragen die Eltern, einen Teil Bund und Land. An der Stadt Hameln bleiben rund 50 000 Euro hängen. Bei 320 Plätzen, was ungefähr 21 Gruppen entspricht und aller Voraussicht nach nicht ausreichen wird, hätte die Stadt eine jährliche Mehrbelastung in Höhe von rund einer Million Euro.



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