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Kreis und Land bringen Jugendwerkstatt in Not

veröffentlicht am 21.01.2010 um 19:26 Uhr
aktualisiert am 05.12.2017 um 14:37 Uhr

Hameln (ni). Für Daniel, Mike und Lev ist es vielleicht die letzte Chance, doch noch die Kurve zu kriegen. Sie haben Mist gebaut in ihrem jungen Leben, haben geprügelt, geklaut, sich ohne Führerschein hinter das Steuer eines Autos gesetzt. Sie landeten vor dem Jugendrichter – und auf Anordnung des Gerichtes in der Jugendwerkstatt Hameln (JWH). „Das war mein Glück“, sagt Daniel heute. Sechs Monate machte er einen Ein-Euro-Job, „um zu beweisen, dass ich arbeiten kann“. Seit September absolviert er eine Ausbildung in der Malerwerkstatt; seit einem Jahr hat er sich nichts mehr zuschulden kommen lassen. Dass er sich stabilisiert hat, verdankt Daniel der intensiven Betreuung in dem JWH-Projekt mit dem sperrigen Namen „Jugendrichterliche Weisungen“. Ob er weiter auf diese Unterstützung bauen kann, ist allerdings fraglich. Dem Projekt droht finanziell die Puste auszugehen.
 „Das wäre ganz schlimm“, sagt Lev. Er arbeitet in der Tischlerei der Jugendwerkstatt und büffelt für den Hauptschulabschluss. Die Ruthenstraße mit den Betreuern, die sich um ihn kümmern, ist ihm Ersatz für ein Zuhause geworden, in dem sich niemand für ihn interessierte. Und aus dem er auf die Straße flüchtete, in Cliquen von Gleichaltrigen, denen es auch nicht besser ging als ihm. Dass er sich von denen fernhält, wieder eine gewisse Ordnung in sein durcheinandergeratenes Leben gebracht und jetzt andere Ziele als „nur rumhängen“ hat, – „das hätte ich alleine nie geschafft“, sagt er. Und Mike, der aus dem Ruder lief, „weil ich mich irgendwie für die Prügel vom Vater rächen musste“, hätte ohne die im Projekt erfahrene Zuwendung „nie begriffen, dass ich mir damit nur selbst schade“. Die Jugendwerkstatt hat Mike ein Praktikum bei einem Dachdecker besorgt. Die Aussichten stehen gut, dass er in dem Betrieb einen Ausbildungsplatz erhält.
 Daniel, Mike und Lev sind drei von mehr als 100 straffällig geworden Jugendlichen, die in der Einrichtung von qualifizierten Mitarbeitern intensiv betreut, beraten und nicht zuletzt an Arbeit herangeführt werden. Das Land Niedersachsen steuert seit 2002 konstant rund 37 000 Euro und damit etwa 38 Prozent zu den Personalkosten bei, der Landkreis zahlt seit 2003 52 000 Euro dazu. Das Geld reichte schon im vergangenen Jahr nicht mehr aus, um die zwei Fachkräfte bezahlen zu können, die sich der persönlichen Probleme dieser Jugendlichen annehmen. Damals war der Landkreis bereit, weitere 18  000 Euro zur Verfügung zu stellen und so zur Deckung der tatsächlichen Kosten beizutragen. Vor allem Familienrichter Andreas Grehl hatte sich seinerzeit im Jugendhilfeausschuss für die Bewilligung des Geldes stark gemacht. Im gesamten Landkreis gebe es keine andere Möglichkeit, um die mit dem Gesetz in Konflikt geratenen jungen Menschen, die oft auch noch in schwierigen familiären Verhältnissen aufgewachsen seien, „wieder in die Spur zu bekommen“, sagte Grehl. Aus seiner beruflichen Erfahrung wisse er: „Wenn überhaupt etwas gegriffen hat bei diesen Jugendlichen, dann war es die Arbeit der Jugendwerkstatt“.
 Mit diesen 18 000 Euro kann JWH-Leiter Klaus-Dieter Jösten in diesem Jahr nicht rechnen, wie ihm die Kreisverwaltung jetzt mitteilte. Das hat zur Folge, dass er nur noch eine Fachkraft für das Projekt bezahlen kann. Und das wiederum führt dazu, dass auch das Land seinen für zwei Mitarbeiter gewährten Zuschuss kurzerhand halbiert. „Die zweite Stelle wurde 1997 geschaffen, für damals 53 Jugendliche“, sagt Jösten. „Und jetzt, in einer Zeit, wo die Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen immer mehr zunimmt, soll eine Stelle reichen, um 100 zu betreuen? Das geht einfach nicht, damit können wir den Jugendlichen nicht gerecht werden.“
 Um weiter für diese jungen Leute da sein zu können, hat Jösten versucht, beim Land mehr Geld für das Projekt locker zu machen. Er ist gescheitert. Sozialministerin Mechthild Ross-Luttmann (CDU) antwortete auf seinen Bittbief, sie wisse das soziale Engagement der Jugendwerkstatt „sehr zu schätzen“ und hoffe deshalb „dass sich Wege finden lassen, damit das Projekt in bewährter Form fortgeführt werden kann“. Justizminister Bernd Busemann (CDU) schrieb zurück, für die Finanzierung des Projektes sei der Landkreis verantwortlich und lehnte wie Ross-Luttmann „eine Erhöhung der Landesförderung angesichts der derzeitig schwierigen finanzpolitischen Situation“ ab.
 Das Projekt der JWH läuft seit 1989. Die Zahl der Jugendlichen, die dadurch eine Chance erhielten, den Absturz ins gesellschaftliche Abseits abzuwenden, stieg seitdem kontinuierlich: von jährlich zwölf auf 72 innerhalb der ersten zehn Jahre; seit 2002 liegt sie regelmäßig über 100.



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