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Unterschiedliche Strategien bei der Plakatierung / Experten bewerten Wirkung der Schilder

Kopf oder Inhalt – wie Parteien gewählt haben

Hameln. Niemand wird behaupten können, er habe davon nichts gewusst, die Plakate sind unübersehbar: Einzeln hängen und stehen sie an Laternenpfählen und Bäumen oder treten in ganzen Kolonien auf und lenken die Aufmerksamkeit weg vom Verkehr auf sich und das, was sie sagen wollen. Die bei der Kommunalwahl im September antretenden Parteien haben ihrer Plakatierung ganz unterschiedliche Strategien zugrunde gelegt und mal auf Gesichter, mal auf Themen gesetzt. Was davon bleibt aber beim Betrachter hängen und gibt es das ideale Plakat?

veröffentlicht am 06.08.2011 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 08.11.2016 um 06:21 Uhr

Abwechslungsreicher Schilderwald an der Pyrmonter Straße: Die Plakate wirken unterschiedlich auf den Betrachter. Am Rande: Hamme
Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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Kathrein Bönsch, Geschäftsführerin der Hamelner Werbeagentur ab.media, hat sich ins Auto gesetzt, die Augen bewusst offengehalten und berichtet, was ihr auf ihrer Tour aufgefallen ist. Zwar ist Bönsch selbst Mitglied bei den Liberalen, doch der Aufforderung, die politischen Scheuklappen aufzustellen und nur die Fachfrau beurteilen zu lassen, kommt sie nach. „Höchstens vier Sekunden habe ich Zeit“, Botschaften im Vorbeifahren aufzunehmen, erklärt sie, und so fallen jene mit auffallend viel Text bei ihr durch. Dazu gehört die Bürgerliste. Gut an deren Plakaten sei das deutlich erkennbare Layout: weiße Schrift auf dunkelblauem Grund. Die Textmenge aber könne nur funktionieren, wenn sie in Fußgängerbereichen hingen, sagt Bönsch. Beim Vorbeigehen habe man immerhin etwa sechs bis acht Sekunden für die Rezeption. Auch Professor Frank Brettschneider, der an der Universität Hohenheim den Fachbereich für Kommunikationswissenschaften leitet und sich mit der Wirkweise von Wahlplakaten bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg befasst hat, geht mit reinen Textplakaten hart ins Gericht: die „wirken in der Regel gar nicht – oder sogar abstoßend“. Auch die Grünen setzten auf Text, aber in Verbindung mit Bildern. „Die Plakate sind vom Landesverband entwickelt worden und sollten alle Themen widerspiegeln, die die Grünen besetzen“, sagt Hamelns Fraktionsvorsitzende Ursula Wehrmann. Doch bei dem einen Satz „Wir machen es klar“, habe auch sie erst einmal überlegen müssen, was denn eigentlich klargemacht wird. Ihre Antwort: so ziemlich alles, wofür Grün steht. Das Urteil der Expertin Bönsch: „Zu klein und grafisch unaufgeräumt.“

Die Plakate der CDU mit den Köpfen der Kandidaten und den drei Kreuzen, so Bönsch weiter, verstehe sie nicht. Außerdem seien auch die zu klein. Anders dagegen die Großplakate, von denen Niedersachsens Ministerpräsident McAllister, Arm in Arm mit Menschen verschiedener Bevölkerungsschichten und Berufsgruppen, heruntergrinst. „Hat mich angesprochen“, sagt Bönsch und bestätigt damit Brettschneiders Regel: „Bilder transportieren generell mehr Aufmerksamkeit als Text.“ McAllister und seine Freunde hängen übrigens nur zwei Wochen; dann werden sie laut Michael Vietz ausgetauscht. Uneingeschränkt glücklich ist der Stadtverbandsvorsitzende mit den Plakaten seiner Partei nicht. Auf den Themenplakaten, die extra für die Stadt Hameln gefertigt wurden und die „Besseres Klima für Hameln“ fordern, ist das Rathaus im Hintergrund nur zu erahnen. „Das kommt leider nicht rüber“, sagt Vietz über die doppelte Bedeutung, die gemeint war. Klima im Umweltsinn und Klima im Sinne von Stimmung zwischen Verwaltung und Bürgern und Politik und Bürgern …

Über die „reinen Kopfplakate“, auf die in Hameln alle Parteien für die Landratswahl setzen und einige für den Kreistag und den Stadtrat, sagt der Wissenschaftler Brettschneider: „Sie machen zwar die Kandidaten bekannter, aber viele Menschen sind auch früher oder später von diesen Plakaten genervt.“ Zwei Köpfe stechen an Hamelns Straßen besonders hervor: Rüdiger Butte und Heinrich Fockenbrock. „Buttes Plakat ist mir am stärksten aufgefallen“, sagt Kathrein Bönsch. Was nicht verwundert, hat doch die SPD genau darauf gesetzt. Der Fokus der Plakatierung liegt auf dem amtierenden Landrat, bestätigt die Vorsitzende der Kreis-SPD, Gabriele Lösekrug-Möller. Bönsch gefällt’s. Butte komme sympathisch rüber, als gestandener Landrat und durchsetzungsstark. Doch auch dessen CDU-Herausforder Stephan Walter „sieht sehr sympathisch aus, leger und locker“. Aber: „Zu klein.“

Richtig groß – fast so, als trete auch er für den Posten des Landrats an – kommt Heinrich Fockenbrock daher. „Ein unglaublicher Sympath“, findet Bönsch angesichts des weißhaarigen, freundlich lächelnden Mannes, „nur leider schwarz-weiß.“

Den größten Erfolg bezüglich der Wahrnehmung verspricht laut Brettschneider die Kombination aus „einem Foto, das die Aufmerksamkeit auf sich zieht, und einem passenden Slogan“. Schon nach wenigen Millisekunden würden Bildplakate bewusst besser bewertet als Textplakate. Tendenziell verlören die Plakate als Medium aber an Bedeutung im Wahlkampf. „Völlig unwichtig werden sie jedoch nie sein“, prophezeit der Hohenheimer Kommunikationsforscher. Ihre tatsächliche Wirkung sei begrenzt; die politische Einstellung der Wähler würden durch sie kaum verändert. Aber: Sie haben eine Signalfunktion. Selbst wenn jemand sich nicht einen Inhalt der ungezählten Plakate am Wegesrand merken kann – er merkt vielleicht, dass demnächst irgendeine Wahl stattfindet.



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