weather-image

Energieversorger macht mit Beteiligung 500 000 Euro Verlust pro Jahr

Kohlekraftwerk für Stadtwerke Hameln ein Minusgeschäft

HAMELN/LÜNEN. Mit 0,56 Prozent sind die Stadtwerke Hameln an einem Steinkohlekraftwerk in Lünen beteiligt. Bislang ist das Engagement ein dickes Minusgeschäft: Bis zu 500 000 Euro Verlust schreibt der Energieversorger derzeit jährlich bei dem Projekt. Dennoch denken die Stadtwerke nicht an einen Verkauf ihrer Anteile.

veröffentlicht am 23.08.2016 um 11:29 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 13:03 Uhr

270_0900_10681_hm2308Kohlekraftwerk_Luenen.jpg

Autor:

Andreas Timphaus
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Die Investition sollte zu einem ausgewogenen Energiemix und zur Unabhängigkeit von den großen Energieversorgern beitragen. So hatten es sich die Stadtwerke Hameln vorgestellt, als sie vor gut zehn Jahren entschieden, sich mit 0,56 Prozent am Bau und Betrieb eines Steinkohlekraftwerk in Lünen zu beteiligen. Ausgezahlt hat sich das Engagement bislang aber nicht. Im Gegenteil: Bis zu einer halben Million Euro Verlust schreibt die städtische Tochter derzeit jährlich, die Investition entwickelt sich zu einem dicken Klotz am Bein.

Aufgrund des Preisverfalls im Strom-Großhandel erwirtschaftet das Kohlekraftwerk, das seit Dezember 2013 offiziell am Netz ist, bislang ein Defizit von rund 100 Millionen Euro pro Jahr. Die Riesenverluste gehen zulasten der Anteilseigner. Kurzfristig wird sich dieser Zustand wohl nicht ändern. Erst ab 2020 rechnet man bei den Stadtwerken Hameln mit einem Wandel am Energiemarkt.

Die 750-Megawatt-Anlage gilt – mit einem Wirkungsgrad von fast 50 Prozent – als eines der modernsten und effizientesten in Europa. Alte Kraftwerke schaffen nur einen Wirkungsgrad von 30 bis 35 Prozent. Betreiber ist der Stadtwerkeverbund Trianel, der rund 1,4 Milliarden Euro in den Neubau investiert hat. 30 Gesellschafter sind an dem Projekt beteiligt, unter anderem die Stadtwerke Hameln mit einem Anteil in Höhe von 781 120 Euro. Im Vergleich zu anderen Beteiligungen – darunter vielen im Bereich erneuerbare Energien – sei dies ein „Minianteil“, sagt Stadtwerke-Sprecherin Natalie Schäfer. Das finanzielle Risiko sei „von Anfang an“ gering gehalten worden, betont sie.

Der Mix aus regenerativen und konventionellen Energieträgern bei den Stadtwerken weise insgesamt ein positives Ergebnis aus. Auch die guten Ergebnisse in anderen Geschäftsfeldern, wie Beteiligungen an Stadtwerken, Dienstleistungen und Betriebsführungen, könnten das Engagement in das Kohlekraftwerk mehr als kompensieren. „Unsere Stromkunden können sicher sein, dass sich dieses Invest nicht auf ihren Strompreis auswirkt“, sagt Schäfer.

Dass die Stadtwerke Hameln überhaupt Geld in ein Kohlekraftwerk steckten, lag an den damaligen Verhältnissen auf dem Energiemarkt. 2006 wurde die strategische Entscheidung getroffen, in die Stromerzeugung mit regenerativen und konventionellen Energieträgern einzusteigen. Der Energieversorger wollte sich ein Stück weit von den Großen der Branche befreien, die damals über 80 Prozent der Erzeugungskapazitäten hielten und mit dieser Markmacht die Strompreise in die Höhe trieben. „Wir wollten unabhängiger werden, um unseren Kunden langfristig günstige Strompreise zu bieten“, erklärt Schäfer. Zeitgleich forderte die Bundesregierung die Energieversorger auf, in moderne, CO2-arme Kraftwerke zu investieren.

Doch dann änderten sich die Rahmenbedingungen. Nach der Atomkatastrophe von Fukushima 2011 leitete die Bundesregierung die Energiewende ein. In der Folge sei der Gesetzgeber dazu übergegangen, immer mehr in marktwirtschaftliche Vorgänge einzugreifen, klagen die Stadtwerke. Auch habe die EU den CO2-Markt falsch eingeschätzt. „Trotz des Ausbaus der erneuerbaren Energien hat sich die bundesweite CO2-Bilanz verschlechtert. Dies liegt hauptsächlich an dem Einsatz von Braunkohlekraftwerken“, sagt Schäfer.

Vorschläge der Stadtwerke und der gesamten Branche zur Optimierung des Strommarktes und einer kostengünstigen Gewährleistung der Versorgungssicherheit seien politisch verworfen worden, kritisiert der Energieversorger. Zentrale Fragen bei der Energiewende seien, neben dem Klimaschutz, die Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit der Stromversorgung. „Moderne Steinkohlekraftwerke sind eine Brückentechnologie, die im Rahmen des Atomausstiegs ein Bindeglied beim Übergang in eine CO2-freie Stromerzeugung darstellt“, sagt die Stadtwerke-Sprecherin.

Trotz der Probleme denken die Stadtwerke nicht daran, ihre Anteile zu verkaufen. „Wir gehen davon aus, dass bei dem langfristigen Engagement die Investitionskosten gedeckt werden. Denn: Als Kompensation für die erneuerbaren Energien werden konventionelle Kraftwerke benötigt“, sagt Schäfer. Das Projekt laufe 25 bis 30 Jahre – auch die Beteiligung sei auf eine langfristige Laufzeit ausgelegt und mit einem Liefervertrag verbunden. „Wir kaufen den Strom an der Strombörse zu unterschiedlichen Zeitpunkten ein und nehmen ihn aus dem Kraftwerk Lünen über den Vertrag ab“, sagt Schäfer.

Dass das Kraftwerk gebraucht werde – als Ausgleich, falls einmal kein Wind weht oder die Sonne nicht ausreichend scheint –, zeige sich an seiner hohen Laufzeit von 7000 Stunden pro Jahr. Zurzeit bestehe zwar ein Überangebot an Kapazitäten, was auf den Preis drücke. Das Kraftwerk erwirtschafte trotz der „sehr angespannten Marktsituation“ positive Deckungsbeiträge, weil es effizient sei und entsprechend nachgefragt werde. Ausgeklammert sind bei dieser Rechnung aber die zu bedienenden Kredite infolge der Investitionskosten in Höhe von 1,4 Milliarden Euro.

Die Stadtwerke Hameln rechnen damit, dass nach dem Abschalten der Kernkraftwerke – unter anderem in Grohnde – sowie sieben Braunkohlekraftwerken das Angebot sinken und damit die Strompreise an den Börsen wieder steigen werden. Eine Analyse prognostiziere diese Entwicklung ab 2020, sagt die Schäfer. Da das Kraftwerk den Strom zum Selbstkostenpreis an die Anteilseigner liefere, könnten die Stadtwerke ihren Kunden dann weiter günstige Strompreise bieten, meint sie.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt