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Farbstoff ist krebserregend / Gebäudetrakt evakuiert / Vier Lehrer vorsorglich in Klinik eingeliefert

Kleines Fläschchen löst großen Einsatz aus

Hameln. Es passiert zu Beginn der dritten Stunde. Studienrätin Annalena Laue steht in der Biologie-Sammlung des Schiller-Gymnasiums in Hameln. Sie bringt Unterrichtsmaterial zurück, schließt den Chemieschrank auf. Plötzlich fällt ein 200-Milliliter-Fläschchen mit einer roten Flüssigkeit zu Boden. Glas zerbricht. Einprozentige Sudan-III-Lösung, die beim Mikroskopieren zum Anfärben von Präparaten benötigt wird, läuft aus. Die Fachlehrerin für Biologie und Chemie ist auf Zack. Sie verschließt sofort die Türen und verhindert damit, dass der gefährliche Stoff, der in Ethanol gelöst ist, in andere Zimmer wabern kann. Sie weiß: Der rote Farbstoff ist krebserregend. Ein Glück, dass Olaf Hattendorf in der Nähe ist. Der Studienrat ist nicht nur Chemielehrer und Rettungssanitäter – als Sicherheitsbeauftragter der Schule kennt er sich aus mit solchen Notfällen. Laue und Hattendorf beraten sich kurz, dann bringen sie zwei Schulklassen in Sicherheit. Die 60 Kinder hatten Unterricht in Räumen, die an die Biologie-Sammlung angrenzen. Schulleiter Andreas Jungnitz wird informiert. Der Oberstudiendirektor will kein Risiko eingehen. Um 9.50 Uhr greift er zum Telefon und alarmiert die Feuerwehr. Jungnitz informiert den Disponenten, nennt ihm den Namen der Lösung und die entwichene Menge.

veröffentlicht am 23.03.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 18:21 Uhr

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Autor:

Ulrich Behmann
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Der Rüstzug der Wachbereitschaft trifft wenige Minuten später an der Gröninger Straße ein. Zwei Feuerwehrleute rüsten sich mit schwerem Atemschutz aus, ziehen sich grüne Chemikalien-Vollschutzanzüge an. Kreisbrandmeister Frank Wöbbecke und der Leiter der Hamelner Wachbereitschaft, Brandoberamtsrat Andreas Zerbe, übernehmen die Einsatzleitung. Minutenlang sind Sirenen zu hören. Immer mehr Feuerwehrfahrzeuge und Rettungswagen treffen ein. Die Feuerwehr hat ehren- und hauptamtliche Kräfte sowie das Team „Gefahrgut“ angefordert. Wöbbecke lässt weitere Retter alarmieren. Drei Notärzte und zehn Sanitäter sichten und befragen wenig später Lehrer und Schüler. Hat jemand Dämpfe eingeatmet? Schüler waren nicht gefährdet. Das steht nach kurzer Zeit fest. Vorsorglich werden aber vier Lehrer ins Krankenhaus gebracht und dort von Spezialisten untersucht. „Etwaige Symptome einer Vergiftung seien schwer von Erregungs- und Angstzuständen zu unterscheiden, erklärt der Ärztliche Leiter „Rettungsdienst“ der Stadt Hameln, Dr. Jörg Meckelburg.

Ein Gebäudetrakt wird evakuiert. Alles läuft ruhig ab. Einige Schüler glauben, es werde nur geübt. 120 Mädchen und Jungen müssen das Gymnasium (1250 Schüler) verlassen. Alle anderen jungen Leute bleiben in den Klassenräumen. Die Fenster dürfen jedoch nicht geöffnet werden.

Gefahrgut-Spezialisten sind derweil in der Bio-Sammlung im Einsatz, sie kippen Chemikalien-Binder auf die Lache, fegen das kontaminierte Pulver zusammen und tragen es in einem verschlossenen Eimer aus dem Gebäude.

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Mit einem Entlüftungsgerät der Feuerwehr, an dem ein langer Kunststoffschlauch befestigt ist, wird die Luft aus dem Raum, in dem die Chemikalie entwichen ist, aus dem Gebäude geblasen. Der Verdünnungseffekt sei groß, eine Gesundheitsgefahr für die Bevölkerung könne ausgeschlossen werden, erklärt Zerbe.

Auf dem Schulhof laufen zeitgleich Dekontaminationsarbeiten. Die Vollschutzanzüge der Gefahrgut-Experten werden mit Wasser abgespült.

Die ins Krankenhaus gebrachten Lehrer können die Notaufnahme schon bald wieder verlassen. Sie haben keine Verletzungen davongetragen.

Die Einsatzkräfte loben das Verhalten der Schule. Er sei bei seinem Eintreffen sofort in Empfang genommen und mit wichtigen Informationen versorgt worden, berichtet Kreisbrandmeister Wöbbecke. Die Schule habe „vorbildlich gehandelt“, meint Brandoberamtsrat Zerbe. „Das Zusammenspiel der Rettungskräfte hat reibungslos geklappt“, sagt Dr. Meckelburg. Manöverkritik nach einem solchen Großeinsatz fällt selten so positiv aus.

Der Lehrerin sei keine Verletzung der Sorgfaltspflicht vorzuwerfen, meint Schulleiter Andreas Jungnitz. Auch die Polizei werde keine Ermittlungen einleiten, sagt der Erste Kriminalhauptkommissar Axel Brünger.

Der Raum, in dem die Sudan-III-Flasche zu Bruch gegangen ist, soll von TÜV-Experten untersucht und erst freigegeben werden, wenn definitiv keine Gefahr besteht.

Einen Videofilm über den Großeinsatz sehen Sie auf

Drei Notärzte und zehn Rettungsassistenten von DRK und Feuerwehr fragen Schüler und Lehrer, ob sie mit dem gefährlichen Stoff in Kontakt gekommen sind – und ob es ihnen gut geht. Vier Pädagogen werden vorsorglich ins Krankenhaus gebracht und dort untersucht.

Fotos: ube

Gefahrgut-Spezialisten in grünen Vollschutzanzügen auf dem Weg ins Schulgebäude. Sie haben Eimer, Besen und Chemiekalien-Bindemittel dabei.



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