weather-image
10°

Projekt „Musik hinter Gittern“ erweitert Horizont

Klassik im Knast – auf Skepsis folgt Anerkennung

Hameln. „Mal seh’n, was das ist!“ – das Quintett der stämmigen jungen Männer in der bordeauxroten Anstaltskleidung besetzt selbstbewusst die erste Reihe, gleich neben den Ehrengästen. Andere Gefangene, die zur „Musik hinter Gittern“ in den großen Saal der Jugendanstalt in Tündern gekommen waren, ziehen die hinteren Plätze vor. Der Andrang zum freiwilligen Konzertbesuch ist groß, der Saal fast voll. Auf dem Gang lampenfiebrige Musiker im Frack, drinnen eröffnet Hartmut Zimmermann mit einem Trompetensignal das mit „Fiori Musicali“ (musikalischer Blumenstrauß) überschriebene Programm.

veröffentlicht am 02.04.2011 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 08.11.2016 um 21:41 Uhr

Autor:

Ernst August Wolf
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

„Sie können hier was Neues kennenlernen und eine Ahnung davon bekommen, was es heißt, ein Instrument zu beherrschen“, mahnt die Leiterin der Jugendanstalt, Christiane Jesse, Aufmerksamkeit an.

Konzertveranstalter ist die 1995 von Erich Fischer „als Dank an die Kriegsgeneration“ gegründete „Internationale Stiftung zur Förderung von Kultur und Zivilisation“ aus München, die neben bislang mehr als 2500 ähnlichen Aktivitäten seit 2007 in Tündern die „Musik hinter Gittern“ veranstaltet. „Außerdem finanziert die Stiftung uns seitdem auch den Klavierunterricht für bislang 25 Gefangene“, erklärt der Vorsitzende des Fördervereins der Anstalt, Dietmar Müller. Einmal pro Woche erhalten talentierte junge Gefangene Unterricht vom Hamelner Klavierlehrer Georgi Dimitrov. Dessen vier Klavierschüler eröffnen das Konzert.

„Na, fang’ ich mal an, geht auch nur sehr kurz“, entschuldigt sich fast der erste und spielt eine kleine Melodie, die er drei Monate lang geübt hat. Die Burschen in der ersten Reihe rührt das wenig, doch als Alex sich recht behutsam und fehlerfrei durch ein Mozart-Menuett tastet, merken sie auf. Es folgt ein komplex klingender Bartok, ehe André mit viel Drive die „fabelhafte Welt der Amelie“ in die Tasten hämmert. Als die anschließende, mit Klavierlehrer Dimitrov vierhändig gespielte Zugabe endet, bricht heftiger Beifall los.

Unter den Gästen auch Dr. Jürgen Oehlerking, Staatssekretär im niedersächsischen Justizministerium, ein Stammgast dieser Reihe. Aber statt Reden und Grußworten steht die Musik im Mittelpunkt. Die soll, so das Mitglied der Stiftungsleitung Hartmut Zimmermann, die jungen Gefangenen „für einen anderen Ton aufschließen“, ihnen zeigen, „dass es sich lohnt, an einer Sache dranzubleiben.“

Bach, Ravel, Händel, Brahms, Lortzing – ganz unterschiedliche Epochen, Stile, Genres und Besetzungen lernen die jungen Zuhörer an diesem Nachmittag kennen. Mag sein, dass viele vor allem an den attraktiven Sängerinnen Gefallen finden, doch die Reaktionen zeigen auch, dass ebenfalls die Sprache der Musik ihre Wirkung entfaltet hat. Am Ende steht tosender Applaus, ehrliche Begeisterung, und auch die coolen Jungs aus der ersten Reihe applaudieren maßvoll, und es huscht ein Lächeln über ihr Gesicht.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt