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Hameln-Pyrmonter Behörde im Fokus

Kindesmissbrauch: Welche Hinweise hatte das Jugendamt?

Jahrelang soll Andreas V. auf dem Campingplatz in Lügde-Elbrinxen gemeinsam mit einem Komplizen seine Pflegetochter und mindestens 22 weitere Kinder sexuell missbraucht haben. Das wirft auch in Hameln drängende Fragen auf: Das hiesige Jugendamt hatte den heute 56-Jährigen 2017 als Pflegevater eingesetzt.

veröffentlicht am 31.01.2019 um 20:03 Uhr
aktualisiert am 01.02.2019 um 18:54 Uhr

Auf dem Campingplatz in Lügde-Elbrinxen lebte Andreas V. mit seiner Pflegetochter. Foto: dpa
Frank Henke

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Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite

HAMELN/LÜGDE. Detaillierte Antworten zum Elbrinxer Fall aus dem Hamelner Kreishaus zu erhalten, war am Donnerstag nicht leicht: „Die Akten sind alle bei der Staatsanwaltschaft“, sagte Sprecherin Sandra Lummitsch, die zuständige Mitarbeiterin sei erkrankt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt auch gegen das Jugendamt in Hameln.

Auf Vorschlag der Mutter des Mädchens – wohnhaft in Hameln-Pyrmont – sei das Kind in die Obhut von Andreas V. gegeben worden. Ein Prüfungsverfahren des Landkreises habe stattgefunden, im Januar 2017 wurde das Pflegeverhältnis anerkannt. Zwar habe es im August und November 2016 Hinweise auf die mögliche „Verwahrlosung“ eines Kindes gegeben. Aber: „Die Mitteilungen haben sich nach durchgeführten Hausbesuchen (auch mit dem Kreisjugendamt Lippe) als nicht zutreffend herausgestellt“, heißt es am Donnerstag aus der Hameln-Pyrmonter Kreisverwaltung.

Doch auch ein Hinweis auf sexuellen Missbrauch ging offenbar schon 2016 an das Jugendamt in Hameln: Die „Lippische Landes-Zeitung“ zitiert den Familienvater Jens R. aus Bad Pyrmont. Er habe Andreas V. in jenem Jahr wegen unsittlicher Berührungen seiner Töchter bei der Barntruper Polizei, dem Kinderschutzbund Bad Pyrmont und auch dem Jugendamt Hameln-Pyrmont angezeigt. Dieser Verdacht sei in Hameln jedoch „nicht aktenkundig“, sagte Kreissprecherin Lummitsch am Donnerstag.

Aber auch ohne diese Hinweise wirft das Vorgehen des Jugendamtes Fragen auf: War Andreas V. ein angemessener Pflegevater für ein Grundschulkind? Ein alleinstehender Mann jenseits der 50 mit einem Dauercamper-Platz als Wohnsitz? Die Kreissprecherin verweist zunächst auf den entsprechenden Wunsch der Mutter des Mädchens. Alter und Familienstand des Mannes seien zudem „nicht die Norm“, aber auch nicht ausgeschlossen.

Und die Wohnsituation? Diese „war sicherlich nicht optimal, hat im Vergleich zu einer funktionierenden sozialen Bindung allerdings einen deutlich geringeren Stellenwert und ist kein Indiz für die Feststellung einer Kindeswohlgefährdung“, hatte das Kreishaus bereits am Mittwoch mitgeteilt. Die Dauercamper-Behausung entspräche „einem winterfesten Wochenendhaus, bestehend aus mehreren Räumen mit Waschmöglichkeit, Küche und einem eigenen Schlafbereich für das Kind, das in gutem Pflegezustand und auch aufgeräumt vorgefunden wurde“.

Besuche bei Pflegeeltern würden „in der Regel angekündigt“, so Lummitsch auf Nachfrage. Unangekündigt erfolgten diese aber „beispielsweise bei Meldungen möglicher Kindeswohlgefährdung“. Die Kreissprecherin geht davon aus, dass auch in Elbrinxen so verfahren wurde, es also angekündigte wie unangekündigte Besuche gegeben hat. Genauer klären ließ sich diese Frage gestern im Kreishaus nicht – aus eingangs erwähnten Gründen. Bei solchen Besuchen würde dann – so zumindest das übliche Prozedere – auch mit dem Kind allein gesprochen.

„Die Einschätzung, ob eine Kindeswohlgefährdung vorliegt, ist für die Mitarbeiter der Jugendämter sehr schwer. Gerade wenn es um möglichen sexuellen Missbrauch geht“, räumte Johannes-Wilhelm Rörig im Gespräch mit der Dewezet ein. Rörig ist der von der Bundesregierung eingesetzte Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Die Folgen solchen Missbrauchs seien nicht so leicht zu erkennen wie bei körperlicher Misshandlung. „Zudem legen es die Täter bewusst darauf an, ihr Umfeld zu blenden.“

Die Kinder würden von den Tätern oft massiv eingeschüchtert. Aber: „Viele Jugendämter sind personell überfordert, vielleicht fehlt es manchmal auch an spezieller Qualifikation, vor allem aber an Zeit, um sich mit den schwierigen Fällen intensiv beschäftigen zu können und nicht nur einen Aktenvermerk zu machen.“

Rörig fordert, dass neben den strafrechtlichen Ermittlungen nun dringend auch eine „umfassende behördliche Aufarbeitung“ stattfinden müsse. Die niedersächsische Landesregierung müsse aufklären, ob das Jugendamt Hameln in diesem Fall „die richtigen Entscheidungen“ getroffen habe.

Für Aufklärungsarbeit in den Behörden müssten externe Experten hinzugezogen werden. Denn: „Erste Äußerungen der Behörden klangen, als wäre alles richtig gelaufen“, sagt Rörig, „aber ganz offensichtlich ist das Kindeswohl des Mädchens unter die Räder geraten.“



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